Andere Länder, andere Sitten

Die Schule begann für mich also wieder am 9. Januar. Leider hat sich meine Arbeit von zwölf Stunden die Woche auf nun sechs Stunden reduziert. Grund hierfür ist, dass meine Schüler alle Stundenpläne haben, die sich nicht mit den frühen Gruppen, sondern nur mit den Nachmittagsgruppen, vereinigen lassen. Der Vorteil ist, dass ich dadurch zwei große Gruppen habe, statt vier kleiner. Aber sechs Stunden Arbeit, verteilt auf drei Tage die Woche, ist natürlich nicht ideal. Deshalb werde ich mich noch um weitere Arbeit bemühen.


Im Januar habe ich außerdem auch mit den Interkulturalitätsseminaren begonnen, mit den Psychologie- und BWL-Studenten.


Als Einstieg hatte ich ein Kartenspiel, wobei an jedem Tisch (4 Tische) andere Regeln galten – es war verboten zu sprechen! So konnte es sein, dass ich an Tisch A gewinne und an B mit den gleichen Regeln verliere! Das hat ziemlich gut geklappt, weil ja der Sieger immer an einen anderen Tisch musste. Irgendwann kam dann einer siegessicher von Tisch A zu Tisch B und ist da voll ausgerastet: "Hey, ihr verarscht mich! Ich spiele nicht mehr mit!"

 

Andere Länder, andere Sitten


Was war das Ziel? Interkulturalität – andere Regeln, andere Sitten! Durch bloßes Beobachten mussten die neu dazugestoßenen an den einzelnen Tischen erkennen, was abgeht! Ein meiner Meinung nach super Einstieg!
Wir haben über Klischees gesprochen, wie aus Tugenden Klischees oder Vorurteile werden können (Deutsche: Arbeitsam, fleißig, pünktlich, ordentlich -> STARR, UNFLEXIBEL, ERNST…) und das dann auch mit den Mexikanern gemacht. So lässt sich nachvollziehen, wie Klischees oder Vorurteile, die Mexikaner seien gewaltbereit (wegen des Drogenkriegs) oder alle Deutschen seien Nazis oder Judenmörder (wegen Holocaust) entstehen…


Mein persönlicher Höhepunkt war eine von folgender Situation ausgehende Diskussion: "Ich fahre mit einem Freund von Frankfurt nach Berlin. Er begeht einen Unfall, schweren Autounfall. Ich bin der einzige Zeuge. Mein Freund ist der Alleinernährer seiner Familie. Wenn er in den Knast wandert, steht seine Familie vor dem existentiellen Aus. Ich könnte vor Gericht falsch aussagen um seiner Familie beizustehen. Ist es meine Pflicht, falsch auszusagen?"

 

Gewissenskonflikt


Daraus ergab sich – zumindest bei den Psychologiestudenten – eine emotionsgeladene Diskussion. "Argumente auf Basis von Gefühlen und Beziehungen" vs. "Argumente auf Basis der Gesetzestreue" – so lässt sich die grobe Einteilung der beiden Gruppen "Ja, ich lüge" und "Nein, ich sage die Wahrheit" beschreiben.


Spannend waren vor allem die Argumente der "Ja, ich lüge" – Gruppe.


"Wenn mein Kumpel in den Knast wandert, so erzeuge ich doch nur noch mehr Leid."


"Wieviel kostet das Leben einer Person? Wenn einer stirbt, dann gehe ich zur Polizei, zahle der 450 000 Pesos (25000 Euro) und die Sache ist vergessen" (Scheint hier tatsächlich zu funktionieren – ich habe ein paar Leute gefragt).


"Hier in Mexiko laufen so viele Kriminelle frei herum, warum sollte ich meinen Kumpel in den Knast schicken?" – Wobei die "Nein, ich sage die Wahrheit"-Gruppe darauf konterte: "Ja, wir müssen irgendwann Schuld fühlen und wissen, wann wir etwas zu verantworten haben."

 

Noch dazugelernt


Ich glaube, das hat auch viel über Mexiko gezeigt, über die Gesetze, über das System und die Korruption.  Insofern war diese Diskussion nicht nur unter den Psychologie-Studenten perfekt verlaufen sondern auch ich habe noch einiges davon gelernt. Sehr schön!


Am Wochenende bin ich dann mit drei anderen Freiwilligen auf eine Dorfhochzeit gefahren – charakterisiert durch viel Tequila und viel Tanz – beides nicht so mein Geschmack.
Am Sonntag fahre ich dann endlich mit einem anderen deutschen Freiwilligen nach Colola, in ein kleines Dorf an der Küste, dort werden wir für zwei Wochen ein Schildkrötencamp leiten. Ich bin gespannt wie es wird, wie es ist, lebende Schildkröten beim Eierlegen beobachten zu können.

Datum: 31.01.2012
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