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Die Einsamkeit Patagoniens

Übersicht

Wir fahren auf einer unbefestigten Straße im Süden von Chile, vorbei an orange und rot leuchtenden Bäumen, schneebedeckten Bergspitzen und türkisblauen Flüssen. Mit mir im Auto sitzen Leo, Marlene, Joshi und Kerstin. Gemeinsam bestaunen wir die wunderschönen Landschaften Patagoniens, die von den Bergen herabhängenden Gletschern und ihre Spiegelbilder in den glatten Seen. Niemals hätte ich gedacht dass ich noch ein Stück der berüchtigten Carretera Austral sehen werde. Doch aus heiterem Himmel hatte Leo eines Tages vorgeschlagen, nach Coyhaique zu fliegen und von dort aus mit einem Mietauto bis zu ihrem Ende zu fahren. Die Carretera Austral ist eine 1200 km lange, weitgehend unbefestigte Straße, die von Puerto Montt nach Villa O’Higgins führt. Sie wurde von der Militärregierung unter Augusto Pinochet gebaut. Pinochet verfolgte mit dem Bau vor allem strategischen Gründen, um die Region gegenüber Argentinien zu sichern und ihre Souveränität zu gewährleisten. Heute ist die Carretera Austral vor allem in den Sommermonaten ein beliebter Ort für Abenteuer-Touristen und Tramper.

Die Route

Unsere Route war die folgende: Von Coyhaique ging es zunächst nach Rio Tranquilo, um dort  die weltweit einzigartigen Cuevas de Mármol mit einer Bootstour zu erkunden. Sie entstanden durch einen Marmorrücken, der durch den See General Carrera läuft und sich an dieser Stelle durch Wellenbewegung und Klima zu Marmorhöhlen geformt hat. Danach hieß unser nächstes Ziel Caleta Tortel, ein 500-Seelen-Dorf abseits der Carretera Austral. Die Häuser des an einem Fjord und der Mündung des Rio Bakers gelegenen Orts sind lediglich mit Holzstegen verbunden, die direkt an der Küste entlang gebaut wurden, Autos haben keinen Zugang. Viele schreiben der Stadt ein verwunschenes Ambiente zu. Da der Weg dorthin eine 2-Tages-Fahrt war, würden wir uns zuvor eine Nacht am Lago General Carrera campen oder uns dort eine Unterkunft suchen. Nach Caleta Tortel geht es über Puerto Yungay mit der Fähre über den Rio Bravo bis nach Villa O’Higgins, dem Endpunkt unserer Tour.

Danach müssen wir die gesamte Strecke wieder zurück um den Mietwagen in Coyhaique abzugeben und von dort aus nach Santiago zurück zu fliegen. Damit der Rückweg nicht nur aus reiner Fahrzeit besteht, hatten wir einen Abstecher ins Valle Los Exploradores und nach Villa Cerro Castillo geplant, um dort noch die berühmten Wandmalereien an einer Felswand ("Manos“) anschauen zu können. 10 Tage hatten wir für die ganze Strecke.

Erste Eindrücke

Trotz mäßigem Wetter und einiger Unannehmlichkeiten wegen Bauarbeiten auf der Strecke war schon der erste Tag auf der Carretera atemberaubend. Die anderen Autos, Busse oder LKWs, die uns anfangs begleiteten, verschwanden allmählich und wir waren ganz alleine auf der Straße. Nur hin und wieder überholte uns ein übermütiger Einheimischer, der uns wohl aufgrund unserer Fahrweise gleich als einer der wenigen Touristen erkannte, die sich zu dieser kalten und nassen Jahreszeit in den fernen Süden trauten.

Wir empfanden die Jahreszeit zunächst als Vorteil, stellten jedoch bald fest, dass sich die Unterkunftsuche in der Nebensaison etwas schwierig gestaltete, da wenige Hospedajes das ganze Jahr über geöffnet waren. Vereinzelt fanden wir Cabañas oder Campingplätze. Je weiter wir in den Süden kamen, desto schwieriger wurde es. In Villa O’Higgins schliefen wir im Essensraum eines geschlossenen Campingplatzes. Kurz zuvor hatten wir eine Nacht beim chilenischen Militär genächtigt, doch dazu später.

Zu Gast bei einem Patagonier

Auch sonst war die Einsamkeit und Isoliertheit der Patagonier allgegenwärtig. Wer hier wohnt, ist entweder in Patagonien groß geworden oder sucht die Einsamkeit. Verschiedene Begegnungen unserer Fahrt führten uns dies das ein ums andere Mal vor Augen: 30 km vor Puerto Yungay kommen wir an eine Straßenkreuzung. Aus reiner Neugier, wohin die Straße wohl führen mag, verlassen wir die Carretera Austral und folgen den rechten Spuren, vorbei an einem einzelnen Haus. Sie führen uns zu einem Fluss, über den man mithilfe einer Fähre setzen kann. Weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen. Es scheint sich um die Art Fähre zu handeln, bei der man selbst kurbeln kann, um überzusetzen. Da keiner von uns das je zuvor gemacht hat, lassen wir lieber die Finger davon und fahren zurück zu dem Haus, um uns dort zu erkundigen. Der Mann, der nach unserem Klopfen öffnet, ist sehr freundlich und bittet uns herein.

Bei Tee und Kaffee erzählt er uns von der Fähre und von seinem Leben in der Einsamkeit. Bevor die Straße gebaut wurde, musste er mit einem Boot drei Stunden auf dem besagten Fluss fahren, um zu seinem Haus zu kommen. Neben diesem hat er noch zwei weitere Häuser, alle sind von ihm selbst gebaut. Ob er denn für den Straßenbau war, fragen wir ihn. Wir können uns nicht vorstellen, dass jemand, der die Einsamkeit suchte, eine Straße direkt an seinem Haus vorbei befürworten kann. Er erwidert jedoch, dass er jetzt, da er alt wird, froh darüber ist. Auch dass ihn sein Sohn und sein Enkelkind (die auf vielen Bildern im Wohnzimmer zu erkennen sind) leichter besuchen können, freut ihn. Er erzählt er uns von dem Vorhaben der Regierung, die Straße weiterzubauen, bis hinunter nach Puerto Natales. Wir können nicht glauben, was wir da hören. Am Tag zuvor hatten wir von Caleta Tortel eine Bootstour zu einem Gletscher gemacht. Als das Eis zu dick wurde, hielt der Kapitän nah am Ufer und gab uns zwei Stunden um das Gebiet zu Fuß zu erkunden. Da keinerlei Wanderweg oder ähnliches existierten, wir befanden uns in völlig unberührter Natur, wurde es eher eine Kletterpartie. Trotz unserer Bemühungen über die Landzunge vor uns zu schauen, die uns die Sicht auf den Gletscher versperrte, stellte sich auf jeden Gipfel das gleiche Problem

Weitere Hügel und immer noch diese Landzunge. Wir gaben auf und versuchten den Weg zur Bootsanlegestelle zu finden, doch alles sah gleich aus. Am Ende kamen wir viel weiter links heraus, doch der Kapitän hatte uns schon gesucht und das Boot in unsere Richtung gelenkt. Durch dieses Gebiet, das vor uns lediglich eine Handvoll Menschen betreten haben, soll die Straße gebaut werden. Ein Unterfangen, das viele Jahre und viel Geld kosten wird und noch viel mehr dieser einzigartigen Natur zerstören wird. Auf einer Karte zeigt der Mann uns den möglichen Verlauf der Strecke. Der fehlende Teil der Carretera Austral ist ungleich schwieriger zu bauen als die bisherige Strecke, da das Terrain sehr bergig ist und die Route rund um ein Gletscherfeld herumgeführt werden muss. An eben diesem Glescherfeld scheiterten die damaligen Bauarbeiten von Pinochet in Villa O’Higgins.

Um die vielen Fjorde und Gletscherseen zu überqueren, müssten unzählige Brücken oder Fähren wie die vorherige konstruiert werden. In unseren Augen ein unmöglicher Plan. Zudem stellt sich in Friedenszeiten die Frage, ob die etwa 1.000 fehlenden Kilometer überhaupt ökologisch und ökonomisch sinnvoll sind, da sich auf dem Weg nur eine einzige Ortschaft befindet und die Strecke über Argentinien zurzeit modernisiert und ausgebaut wird. Bis jetzt müssen Transportfahrzeuge oder Touristen, die nicht fliegen wollen, bei der Stadt Chile Chico das Land verlassen und über Perito Moreno und El Calafate wieder bei Puerto Natales über die Grenze fahren. Doch die Regierung hält daran fest, da sie unbedingt unabhängig von Argentinien werden will. Zwischen den beiden Ländern besteht aufgrund diverser Grenzstreitigkeiten in der Vergangenheit immer noch Konfliktpotenzial.

Das chilenische Militär in Patagonien

Dies wurde uns noch einmal klar, als wir kurz vor Villa O’Higgins einem Pass nach Argentinien folgten. Es war eigentlich kein richtiger Pass, da auf der argentinischen Seite keine Straße existierte. Die Straße endete einfach kurz vor einer weiten steinigen Flussebene, vor der sich ein einfacher Drahtzaun befand. Ein anderer Weg, auf den wir vorher abgebogen waren, führte zu einem See, der auf der Grenze liegt. Auch dort hörte die Straße einfach auf. Wir waren uns ziemlich sicher, dass der Straßenbau nur geschah, um Gebietsansprüche zu festigen, trotz beschilderter Picknickplätze für vermeintliche Touristen.

Am Ende der Straße auf chilenischer Seite befand sich ein Grenzposten und wir unterhielten uns kurz mit einem Soldaten. Er erzählte uns ein bisschen über die Umgebung und einige Geschichten, die dort passiert waren. Etwa drei Stunden Fußmarsch von hier lebt eine Frau, sagt er nach Süden deutend. Ihr Mann wäre vor einigen Jahren gestorben und seitdem lebt sie dort alleine mit ihren Tieren und versorgt sich selbst mit allem was sie zum Leben braucht. Alle paar Tage würden die Soldaten nach ihr schauen um sicherzugehen, dass ihr nichts passiert ist.

Eine weitere Begegnung mit dem chilenischen Militär hatten wir zwei Tage zuvor. Als wir abends in Puerto Yungay ankamen, um auf die Fähre am nächsten Tag zu warten, wollten wir uns an einem der zwei einzigen Häuser dort erkundigen, ob wir unser Zelt irgendwo aufschlagen konnten. Stattdessen wurden wir ins Haus eingeladen und stellten fest, dass wir bei dem chilenischen Militär gelandet waren. Es wurde ein lustiger Abend aus Spielen und Geschichte erzählen. Wir fragten nach den Aufgaben des Militärs in Patagonien und fanden heraus, dass es wohl ziemlich langweilig sein musste.

Der Alltag der Soldaten in Puerto Yungay bestand aus diversen Waldläufen und dem Beherbergen von anderen Truppen von der Grenze oder weiter aus dem Süden. In Patagonien stationierte Soldaten verdienen jedoch viel Geld, da es ein sehr abgeschiedenes Gebiet war und die Soldaten weit von Familienmitgliedern und jeglichem gesellschaftlichen Leben getrennt waren. Beim Abschied am nächsten Tag versprachen wir, dass wir auf dem Rückweg nochmal vorbeischauen würden.


Insgesamt war unsere Fahrt auf der Carretera Austral sehr interessant und füllte mal wieder die Speicherkarte meiner Kamera. Alle Bilder könnt ihr euch hier anschauen.

 

 

 

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