Fußabdruck aus Puderzucker

Wenige Tage vor Weihnachten hatte ich die Aufgabe, die Geschenktüten, die aus diesem Projekt hervorgegangen waren, unter die Weihnachtsbäume im gemeinsamen Esszimmer jedes Geschosses zu verteilen und sicherzustellen, dass für jeden Bewohner und für jede Bewohnerin eine da war. Am 21., mein letzter Arbeitstag vor Weihnachten, war es schon Zeit für die Bescherung. Mit meiner Nikolausmütze auf dem Kopf wartete ich vor dem Aufzug im sechsten Geschoss, bis alle Senioren im Esszimmer Platz genommen hatten. Natürlich sahen mich viele und fragten, auf wen ich den warten würde. Alles was ich sagte war, dass ich ein Date mit dem Weihnachtsmann hätte. Wenige Minuten nach Zwölf betraten meine Mitarbeiterin Molly und ich das Esszimmer und kündigten die Bescherung an, was mit einem kurzen "Ach" und "Oh" kommentiert wurde. Während die Rentner ihr Mittagessen zu sich nahmen, ging ich zu den verschiedenen Tischen, überreichte die Tüten und stellte die verschiedenen Kuscheltiere ihren neuen Besitzern vor. Im Anschluss meinte eine Seniorin, dass sie dachte, dass ich eine Verabredung mit dem Weihnachtsmann gehabt hätte, aber anscheinend wohl der Weihnachtsmann selber sei. 

 

Hilfe für Obdachlose

Auch meiner Supervisorin Ann und dem Direktor David hinterließ ich ein kleines Geschenk und anschließend konnte dann auch meine viertägigen Weihnachtsferien beginnen, welche ich im Haus meines Freundes Tom und seinen drei Kindern verbrachte. Ursprünglich hatte ich zusammen mit Mr. Parker, ein Rentner der mich früher immer zur Kirche gebracht hatte, geplant, am Montag, den 24., Essen an Obdachlose zu verteilen - eine Initiative seiner Kirche - der Metropolitan Church. Leider stellte sich aber einen Tag zuvor heraus, dass er eine schreckliche Erkältung hatte und die Sache deshalb von einer anderen Gruppe, die ich nicht kannte, übernommen wurde. Ich war ziemlich enttäuscht, da ich mir extra einen Tag frei genommen hatte. Allerdings hatte Tom die Idee, dass ich vielleicht bei SOME (so others might eat/das andere essen können), einer Kantine in Washington D.C., die Essen an Obdachlose serviert, aushelfen könnte. Wir schrieben den Zuständigen eine Mail, bekamen aber keine Antwort. Ungeachtet dessen brachte Tom mich am Morgen des 24. zu der beschriebenen Kantine und somit stand ich punkt 11 Uhr zusammen mit Delia, seiner Tochter, bei der Rezeption. Tatsächlich konnte die Besetzung noch ein bisschen Hilfe gebrauchen, zumindest wollte man mich nicht abschieben. Leider konnte Delia nicht helfen, da das Altersminimum 14 war und sie erst elf ist.

Die Kantine an sich war ordentlich, wenn auch nicht wirklich warm. Es gab Chilieintopf mit Brot und zwei Kekse sowie eine Banane für jeden Obdachlosen. Meine Aufgaben waren Gabeln auf den Tischen auszuteilen, Tische zu wischen und später Brot auf die Teller zu legen. Eine wirkliche Konversation hatte ich nur mit einer Obdachlosen, aber das auch nur für fünf bis zehn Minuten und größtenteils über Deutschland - sie hatte meinen Akzent sofort bei meiner Begrüßung festgestellt (ist mein Akzent wirklich immer noch so stark hörbar? In Russland ist es den meistens Menschen nach den ersten drei Monaten meistens gar nicht mehr aufgefallen – was mich wirklich überrascht hat. Seltsam, man könnte meinen, die englische Aussprache ist leichter, da sie mehr mit der deutschen verwandt ist – in meinen Fall wohl nicht).

 

Keine Weihnachtsstimmung

Die anderen Obdachlosen waren meistens so tief in ihr Essen oder in ihren Gedanken vertieft, dass sie noch nicht einmal aufschauten, wenn man sie beim Vorbeilaufen begrüßte. Manche verzehrten ihre Speise in ein paar Minuten und verließen unmittelbar danach das Gebäude, manche gaben den Personal, die sie schon länger und beim Namen kannten, Weihnachtskarten oder manchmal sogar ein kleines Geschenk. Kaum einer stimmte in die Weihnachtslieder einer Kirchengruppe ein, die zu Anfangs das Essen ausschöpfte und zumindest etwas Weihnachtsstimmung aufkommen ließen. Ich fragte mich ob diese Menschen ihren Glauben und ihre Hoffnung verloren hatten und deshalb nicht wirklich in Weihnachtsstimmung waren oder zu beschäftigt mit ihrem Essen. Ich bin nicht religiös, auch wenn ich hier in die Kirche gehe, aber wer in den USA sonntags nicht eine Kirche besucht, gehört eher zu den Minderheiten.

Nachdem sich die Weihnachtslieder-singende Gruppe verabschiedet hatte, gab es keine Musik, mit einer kleinen Ausnahme - ein Solo einer winzigen Obdachlosen - Silent Night (Stille Nacht).

Ich war leider auch noch etwas erkältet und der kalte Zug, der durch den Raum ging, ließ mich nicht besser fühlen. Allerdings war das gleichzeitig auch eine Motivation, da ich um so besser mitfühlen konnte, was es bedeutet, das ganze Jahr auf der Straße leben zu müssen. Wer drei oder mehr Tage mal nichts gegessen hat oder zumindest kein richtiges Mal im Bauch hatte, kann auch verstehen, was SOME diesen Menschen gibt: „Etwa 800 Obdachlose werden hier jeden Tag in Empfang genommen“, erklärte mir die Supervisorin auf meine Nachfrage hin. Frühstück und Mittagessen. Anhand zwei eingerahmten Bildern mit einem Zertifikat konnte ich feststellen, dass sogar Barack und Michelle Obama diesen Platz einen Besuch abgestattet hatten. Um 13:30 wurde aufgeräumt und im Anschluss konnten auch wir noch etwas von dem übrig gebliebenen Chilieintopf essen und uns unterhalten. Allerdings musste ich schon bald gehen, da Tom mit seinen Kindern auf dem Rückweg war und er darauf bestand mich abzuholen, da seine Schwester meinte, dass ich besser nicht durch die Straßen dieses Viertels zur nächsten Metrostation laufen sollte, wie es ursprünglich geplant war. "Bad Neighberhood", (schlechte Nachbarschaft). Glaubt mir, ich nehme das vollkommen ernst und jeder sollte das.

Am Abend des 24. servierte ich dann meinen selbstgemachten schwäbischen Kartoffelsalat mit Wienerwürstchen - so etwas wie eine Tradition in meiner Familie.

Die Nacht vom 24. zum 25. war voller Unruhe. Keiner der drei Kinder schien wirklich schlafen zu können, alle waren total aufgeregt und einmal stand Damon um drei Uhr auf und fragte Tom, ob der Weihnachtsmann denn schon da gewesen wäre. Tom bestand darauf, dass alle bis zum Sonnenaufgang warten sollten.

 

Fußabdruck aus Puderzucker

Um 7 Uhr konnte Delia es dann nicht mehr abwarten und zusammen mit dem siebenjährigen Jason wurden die Geschenke dann ohne Tom, mir und Damon, der im Tiefschlaf lag, aufgerissen, wie wir deutlich hören konnten. Tom hatte am Vorabend noch eine Spur von Fußtritten mit Puderzucker vom Kaminofen bis zum Weihnachtsbaum gemacht, was dem Anschein nach alle drei Kinder total davon überzeugte, dass der Weihnachtsmann wohl wirklich existierte und hier gewesen sein musste.

Als kleines Geschenk des Zufalls gab es für mich und diesem Tag auch noch etwas Schnee. Wahrscheinlich ist der Zufall aber einen Kompromiss eingegangen, denn am Abend war der Schnee wieder geschmolzen, somit hatte jeder zumindest einmal gehabt was er wollte - ich Schnee und die Autofahrer freie Fahrt. In Maryland haben die meisten Autofahrer totale Panik vor ein paar Flocken auf den Straßen und es gab gleich etliche Unfälle. Tom hat mir auch erzählt, dass die Bauarbeiten in Maryland während Regen fällt gestoppt werden und es bei dem bisschen Schnee, den es am 25. gab, die Schulen vermutlich allen Kindern schulfrei gegeben hätten - die spinnen, die Maryländer.

Am Nachmittag stießen noch Toms zwei Schwestern, Paula und Becky sowie einer seiner Neffen mit mehr Geschenken hinzu. Der Hit für alle blieb allerdings immer noch der Bumerang von Tom. Es gab ein gemeinsames Abendessen und im Anschluss ging zumindest ich recht früh ins Bett, da ich immer noch mit einer Erkältung zu kämpfen hatte. Insgesamt muss ich gestehen, dass ich mir Weihnachten in den USA viel verrückter vorgestellt hatte. Mit über-dekorierten Häusern und Straßen und so weiter, aber eigentlich war alles recht gediegen und viele Häuser waren zu meinem Bedauern überhaupt nicht dekoriert. Was wäre der düstere Dezember für ein melancholischer Monat wenn die typischen Weihnachtstraditionen nicht etwas Lichterfülle bringen würden. Aus diesem Grund waren die Weihnachtslichter in Brooksidegarden echte Gute-Laune-Macher für mich.

Vielleicht variiert die "Verrücktheit" der Weihnachtsdekoration einfach von Bundesstaat zu Bundesstaat, irgendwoher muss das Klischee ja herkommen. Eine Tatsache hingegen war bestimmt verrückt – 30USD für ein Bild mit Santa – nein Danke und fröhliche Weihnachten!

 

Frohes Neues!

Am Silvester war ich leider noch kränker und außer einem ruhigen Abendessen bei einem Freund von Tom habe ich nichts Aufregendes gemacht. Ursprünglich war es geplant, zu Toms Lieblingspub (Bar) zu gehen und mit wildfremden Leuten anzustoßen und Küsschen auszutauschen, wäre sicherlich interessant geworden, auch wenn ich auf Küsse fremder Menschen so oder so nicht so scharf war. Immerhin brachte ich am nächsten morgen die Energie für einen Neujahrs-Spaziergang auf.

Ist ja auch nicht so wichtig, Hauptsache 2013 bringt Gutes und mehr Gesundheit für mich. An dieser Stelle möchte ich mich noch bei all denen bedanken, die an mich an Weihnachten oder Silvester gedacht haben und mir sogar ein Geschenk zukommen ließen!

In diesem Sinne, frohes Neues an euch alle und nach Russland kann ich bald auch noch frohe Weihnachten wünschen, da dort, auf Grund des Julianischen Kalenders, der von der russisch-orthodoxen Kirche bis heute als der einzige geltende angesehen wird, Weihnachten erst am 7. Januar gefeiert wird - ohne Weihnachtsplätzchen, Geschenke, Nikolaus, Weihnachtsmann, Christkind, Weihnachtskarten, Punsch, Glühwein, Weihnachtsmarkt, Weihnachtsdekoration, typischen und bekannten Weihnachtsliedern sowie ohne Weihnachtsbaum - diesen und die Geschenke gibt es, warum auch immer, für das Neue Jahr. Ich bin somit froh, dass ich bei diesem Auslandsaufenthalt darauf nicht verzichten musste, zumindest auf fast nichts.

Ein schönes und fröhliches neues Jahr wünsche ich euch!

 

 

04.02.2013
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