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Trash und Galamsey

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Heute will ich mal über zwei der Probleme in Ghana schreiben, die nach wie vor ziemlich aktuell sind. Nummer eins auf meiner Liste ist dabei das Müllproblem.

"Trash“, der Müll, der die Straßen, Abwasserkanäle und die Landschaften verschmutzt, sich in abschüssigem Gebiet am Straßenrand sammelt, auf der Straße im Wind herumweht. Ein Tanz der Tüten aus Plastik, die es hier zu so vielen gibt. "Poly – ethen bags“, von den Ghanaern aber eher "Politan bag“ ausgesprochen, sind dabei nur eine Art der Übeltäter. Nach meiner Einschätzung erwirbt der Ghanaer (genauso wie ich) am Tag mindestens eine der schwarzen Plastiktüten, denn sie sind die Universalverpackung für alles. Egal was auf der Straße oder auf dem Markt gekauft wird, alles verschwindet in einer der schwarzen "rubber“, seien es Nahrungsmittel wie Obst oder fertig zubereitete Mahlzeiten wie Reis, als auch Schuhe, Bücher oder Kleidung, im schwarzen Beutel verpackt, sieht keiner den Unterschied.

Weit und breit kein Mülleimer

Liegen also keine Plastiktüten in den offenen Abwasserschächten, die bis zu einem Meter tief die beiden Straßenseiten als Gräben verzieren, sind das ganz bestimmt leere "Pure water“ Packs. Denn wie bestimmt schon einmal erwähnt ist das Leitungswasser in Ghana nicht trinkbar, weshalb man, wenn man keinen Wasserfilter hat, aus kleinen 0,5 Liter Plastikbeuteln trinkt, die auch auf der Straße für wenig Geld (ungefähr 5 Cent) meist eisgekühlt verkauft werden. An sich eine gute Sache, wäre da nicht die Frage wo hin mit dem leeren Beutel. Aus Mangel an Abfallbehältern (die, die ich in den letzten sieben Monaten gesehen habe, kann ich an einer Hand abzählen) landet der Müll da, wo er wohl oder übel landen muss: Auf der Straße, beziehungsweise im Abwasserschacht gemeinsam mit einem Haufen anderer Abfälle, die natürlich nicht nur Plastik sind. Auch Küchenabfälle und Restmüll landen darin, mir ist auch schon eine tote Ziege unter die Augen geraten.

Wenn ich morgens zur Schule laufe, sehe ich die Leute manchmal die Abwasserrinnen säubern. Der Müll wird in kleinen Häufen am Straßenrand gesammelt und dann von einem alten kleinen Mann mit Schubkarren abgeholt. Wo der ihn hinbringt kann ich nicht genau sagen, wahrscheinlich aber zu einer der provisorischen Müllkippen etwas außerhalb von Swedru, die einfach aus kleinen oder größeren Müllhäufen hinter einem Schulgelände bestehen. Ein öffentlich geregeltes Müllsystem oder so etwas wie eine Müllabfuhr scheint es hier, in Agona Swedru, nicht zu geben und auch in den größeren Städten wie Accra kann ich das nur bezweifeln. Meine Gastfamilie beispielsweise sammelt den Müll im Küchen- bzw. Badmülleimer und trägt ihn regelmäßig zu einem ca. zehn Gehminuten entfernten Container. Wo der wiederum landet ist für mich ungewiss. Andere Freiwillige verbrennen ihren Müll selbst, auch eine weit verbreitete Methode.

Giftige Gase durch Müllverbrennung

Lange fand ich den Nebel, der in Swedru morgens aufsteigt ziemlich schön anzusehen, von meinem Platz auf dem Balkon mit Blick über die ganze Stadt aus. Irgendwann habe ich herausgefunden, dass dieser Nebel in Wahrheit Rauchsäulen sind, die aufsteigen, wenn irgendwo in der Stadt ein Ghanaer seinen Müll hinter dem Haus verbrennt. Naja, da war die Idylle dann auch schon zerstört. Hätte ich aber auch früher kombinieren können, mit den Feuern in den Abwasserkanälen, die mir auf meinem Heimweg entgegenkommen. Vor allem in den Großstädten, der Hauptstadt Accra zum Beispiel, wo unglaublich viele  Menschen auf engem Raum leben, wird das Müllproblem spür- und sichtbar. Es gibt regelrechte Müllbereiche, in denen bestialischer Gestank herrscht, meist in der Nähe der offenen Kanäle, die hier auch schon mal wie kleine Flüsse mehrere Meter Breite umfassen. Das Wasser, das hier fließt ist grün bis tiefschwarz, durchsetzt von toten Algen und den obligatorischen Plastikbeuteln.

Die Verschmutzung hat wiederum den Nebeneffekt, dass Krankheiten ein leichtes Spiel haben als auch jegliche Art von Ungeziefer und Krankheitsüberträgern, wie Ratten und Mücken. Aber auch die Flüsse, die zum Meer führen, ähneln diesem Landschaftsbild. Müll, vor allem Plastikmüll, soweit das Auge reicht. Manchmal ist das Wasser so verschmutzt, dass der Müll auf der Oberfläche diese gesamt einnimmt und gar kein Wasser mehr zu sehen ist. Da die Flüsse ihre Last früher oder später ins Meer befördern sieht das stellenweise genauso aus, wie man immer in den Medien hört.

Auch die Plastikproduzenten tragen Verantwortung

 Aber daran ist nicht allein Ghana beziehungsweise andere Länder der Welt schuld, die eine Müllproblematik haben, auch wir als Europäer mit einem öffentlichen und größtenteils funktionierenden Müllsystem tragen unseren Teil dazu bei:  Indem wir unseren Müll an Länder wie Ghana verkaufen, auf die Art "Nehmt unsren Müll und  bekommt Geld“. Und was macht ein Land wie Ghana damit? Das sieht man in den Flüssen und auf den Straßen. Ein wenig außerhalb von Accra liegt ein Stadtviertel mit  dem Namen "Agbogbloshie“, eine riesige Elektromülldeponie und einer der verseuchtesten Orte der ganzen Welt. Hier landet der Elektroschrott vieler Länder (jährlich mehrere Millionen Tonnen), unter anderem der Deutschlands. Die Bewohner des Viertels sind ausnahmslos arm, sie leben vom Müll, genauer gesagt von den im Elektromüll verborgenen Rohstoffen wie Erz, Kupfer oder Aluminium. Um an diese Materialien zu gelangen, müssen jedoch zuerst Gehäuse von alten Computern, Mobiltelefonen oder Kühlschränke verbrannt werden, wobei hochgiftige Gase entstehen.

Die Leitragenden sind neben der Umwelt und dem Grundwasser die Kinder und Jugendlichen, die hier arbeiten um zu überleben. Unvorstellbar, dass ich zwei Stunden entfernt von einem der giftigsten Orte der Welt wohne, wo Menschen unter diesen Umständen leben und arbeiten. Ich selbst spüre die vollen Auswirkungen des Müllproblems vor allem am Strand. Es gibt Strände in Accra und Umgebung, die regelrecht verseucht sind. Aber auch in anderen Regionen Ghanas ist der Strand von angeschwemmten Müll belagert. Macht man sich auf den Weg in die Fluten schlagen einem Plastiktüten und Verpackungsmüll um die Füße. Ich bin auf diesem Gebiet wahrlich kein Experte und kann daher nur meine Beobachtungen wiedergeben, finde es jedoch auch mal wichtig Ghana in dieser Hinsicht zu beleuchten. Ob es eine Lösung für die Zukunft geben soll ist mir ehrlich gesagt schleierhaft aber es wäre wirklich von großer Notwendigkeit, denn ich glaube dass es noch unzählige andere Länder und Orte gibt, die ähnlich oder sogar noch verschmutzter sind und mit den Auswirkungen zu kämpfen haben.

Jagd nach Gold

Wen das jetzt noch nicht erschlagen hat, kann sich hier das zweite ziemlich aktuelle Problem Ghanas durchlesen. Schlagwort ist "Galamsey“, vom Urpsrung "Gather und Sell“, also "Hervorbringen/ Fördern und Verkaufen“.

Galamsey bezeichnet das illegale Geschäft mit den Goldminen in Ghana, sprich der illegale Abbau von Gold. Die Aktionäre des Galamsey sind sozusagen Schwarzarbeiter, die unabhängig von der Regierung oder deren Programmen und Firmen der Goldförderung illegal Gold abbauen, von Hand. Für viele der Großinvestoren aus dem Ausland ist der Abbau in einigen Minen nicht ergiebig genug, für Tausende (schätzungsweise bis zu 50 00 Menschen) die Hoffnung pur. Die illegale Minentätigkeit ist vor allem für die Umwelt eine große Belastung, denn nach den Schürfversuchen bleibt oftmals verwüstetes, karges Land zurück, auf dem kein Grashalm mehr wachsen kann. Ganze Landstriche sind also schon zerstückelt, tot, aufgrund der unerbittlichen Suche nach Gold.

Aber auch für die Arbeiter kann ihre Tätigkeit schnell zur Gefahr werden. Dynamit, Hacken und primitive Leitern stellen allein schon potentielle Gefahrenquellen dar. Von Atemschutz oder Sturzhelmen fehlt jede Spur. Die Minen, in die die Goldschürfer abtauchen,  sind bis zu 50 Meter tief. Das Gestein, das daraus zu Tage gefördert wird, muss zuerst auf möglichen Goldgehalt überprüft, also zerlegt werden. Das quarzhaltige Gestein wird also zu Pulver zerstampft, gesiebt und gewaschen, um die Goldpartikel auszuschwemmen. Das so zum Vorschein kommende Roh-Gold wird zu Kugeln geformt und erhitzt. Übrig bleibt dann eine kleine goldene Kugel. Wert: vier Dollar, abhängig vom Goldpreis des Weltmarktes. Und warum das Alles? Der Umsatz pro Monat liegt ungefähr bei gut 1000 Ghana Cedi, sprich grob 250 Euro, in Ghana ein kleines Vermögen, verglichen damit, dass Lehrer an meiner Schule gut 200 Cedi, 50 Euro, gezahlt bekommen.

Schnelles Geld

Überraschenderweise habe ich erst letzte Woche, als wir verreist waren, in einem Beach Resort an der Küste, eine echt interessante Unterhaltung über dieses Thema geführt, weshalb ich mich noch einmal ein bisschen damit beschäftigt habe. Der Manager beziehungsweise Kellner dieses Resorts, erzählt Pia, mit der ich verreist bin, und mir, dass er selbst Goldgräber war, bis zu diesem Jahr. Gezwungenermaßen, weil seine "Mummy“ im Krankenhaus lag und eine Amputation nötig war, um ihr zu helfen. Und wenn man keine 1000 Cedi auf der Kante hat, ist das Goldgeschäft natürlich ideal um relativ schnell an relativ viel Geld zu kommen. Also war er zwei Monate arbeiten und konnte seiner Mutter den Krankenhausaufenthalt plus Operation bezahlen. "Danach bin ich aber ein weiteres Jahr runter“, hat er uns gesagt. "Meine Mutter wollte es nicht, aber ich. Man muss stark sein da unten. Als ich zum ersten Mal runtergegangen bin, hatte ich furchtbare Angst. Einen Tag hat es gedauert bis ganz nach unten. Aber da waren viele Menschen, so viele! Da hatte ich keine Angst mehr. Das ist wie ein Markt da unten. Man kann da alles kaufen und verkaufen. Und man muss stark sein, sehr stark. So wie ich jetzt“

Dass er heute am Strand statt in den Minen arbeitet, liegt wohl an den Polizeikontrollen und Militäreinsätzen, die immer wieder an den illegalen "Schürfwunden“ des Planeten patroullieren und ein bisschen Angst und Schrecken bei den Galamsey Arbeitern verbreiten. Vor der Verhaftung gerettet hat ihn, meint er zumindest, sein ordentliches weißes T-Shirt und die sauberen Hosen, die er an diesem Tag statt seinen Arbeitsklamotten anhatte, da er seiner Mutter vorgespielt hat, in die Stadt zu gehen. "Als mich der Officer gefragt hatte ob ich auch zu den Arbeitern gehöre habe ich gesagt "Nein, schauen Sie mich doch an. Sehe ich so aus?“, dann hat er mich abziehen lassen.“ Die seit Dezember neue Regierung Ghanas unter Nana Akofu Ado verspricht dem Galamsey endlich ein Ende zu bereiten. Mal sehen, was geschehen wird.

In diesem Sinne hoffe ich euch nicht allzu erschreckt zu haben. Mir selbst geht es gut und ich genieße noch die letzten eineinhalb Wochen meiner Ferien.

Liebe Grüße, Mira.

 

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