Stadt der Stille

Donnerstag ist Markttag in Winnenden. Auch an diesem Morgen. Kurz, nachdem es dämmert, bauen Geflügelhöfe ihre Stände auf. Drapieren die Gärtnereien Rosen, Tulpen und Gemüse in blaue Plastikboxen. Die Stadt wirkt durch den Schnee wie in Watte gepackt. Alles klingt gedämpft. Heute hastet keiner geschäftig umher. Niemand redet laut in sein Handy. Die Altstadt mit Torturm und Fachwerk liegt still da.


Plötzlich ist alles still

Morgens um acht, wenn sonst die Hektik beginnt, hat dieser Tag bereits zu einem ganz eigenen, ruhigen Rhythmus gefunden. Um Punkt 9.33 Uhr – der Zeitpunkt, an dem vor einem Jahr der Amoklauf von Tim K. in der Albertville-Realschule begann – läuten sämtliche Kirchenglocken in der fünftgrößten Stadt im Rems-Murr-Kreis.

Plötzlich erstarren sämtliche Marktbesucher. Sie schauen zu Boden, falten die Hände, schweigen. Schüler schluchzen, weinen. Zwei Minuten bleiben die Jugendlichen fest umklammert stehen, regen sich nicht. Erst, als die Glocken schließlich verstummen, lösen sie sich voneinander.


Gesten des Trosts

Nähe und Zuversicht in der Trauer – nichts scheinen die Betroffenen und Einwohner an diesem ersten Jahrestag des Amoklaufs mehr zu benötigen. Und jeder gönnt ihnen das. Die Sorge, dass Winnenden an diesem 11. März nicht zur Ruhe findet, weil sich die Stadt zu einem Wallfahrtsort für Trauertouristen verwandelt, verflüchtigt sich schnell.

Nur fünf Gehminuten entfernt demonstrieren die rund 900 Schülerinnen und Schüler der Albertville-Realschule stille Gemeinsamkeit. Schon um 7.45 Uhr machen sie sich auf den Weg in die Hermann-Schwab-Halle. Hinter verschlossenen Türen, ganz ohne Medienrummel, widmen sie sich ihren Erinnerungen an die acht Schülerinnen, einen Schüler und drei Lehrerinnen, die vor einem Jahr umkamen.


Symbole für Lebensfreude

Von jedem einzelnen Opfer gibt es Bildsequenzen aus seinem Leben, wie ein Schüler später erklärt. Freunde tragen Gedichte vor. Für am wichtigsten halten die Jugendlichen aber eine Bastelarbeit. Sie schmücken einen Lebensbaum. An den hängen sie ein Herz, eine Sonne, einen Stern, einen Fußball, eine Katze, einen Notenschlüssel und einen Engel aus Edelstahl. Die Symbole sollen die Lebensfreude der Toten darstellen.

Der Baum soll nach dem Umbau der Schule auf dem Hof eingepflanzt werden. Jetzt hieven ihn die Schüler erst einmal in einem schweren Tontopf vor das Gebäude.


Stark sein

Am ehemaligen Tatort: ein paar Tausend Leute. Kein Gedränge, eine große Stille auch hier. Der Lebensbaum ist immer deutlich sichtbar während der öffentlichen Gedenkfeier. "Der 11. März ist klar ein Teil unseres Lebens geworden", erklärt ein Schüler. Er vergisst aber auch nicht die positive Wendung, die die Zeremonie zeigen soll. "Wir wollen nicht, dass dieser Tag unser Leben beherrscht", sagt er. Ein Mitschüler macht das auf seine Weise deutlich. Trotz dichten Schneetreibens und klirrender Kälte hält er eine Stunde lang ohne Handschuhe ein Transparent hoch. Es hat die Aufschrift "Die Frage nach dem Warum war gestern. Heute sind wir stark".


Alltäglichkeiten schätzen

Bundespräsident Horst Köhler kleidet es in andere Worte. "Nichts ist mehr, wie es vorher war. Das ist wahr. Aber was jetzt ist, das ist eben so viel mehr als Nichts. Etwas Neues ist im Entstehen", meint er mit sanfter Stimme. Das Wichtigste sei, bei sich selbst mit Veränderungen anzufangen, und nicht zu warten, dass sich andere ändern. "Wir können andere mit einem Lächeln ins Herz schließen, obwohl wir sie vielleicht nicht gleich mögen."

Das Miteinander-in-Kontakt-Kommen sei so immens wichtig, sagt der Bundespräsident. "Manchmal kann ein Gespräch so interessant sein, dass es einen den ganzen Tag trägt." In diesem Moment nimmt ein Vater seine Brille ab, wischt sich die Tränen ab, will sie wieder aufsetzen. Doch ihm steigt immer wieder Wasser in die Augen.

Noch etwas macht dieser Moment deutlich: Es geht nicht um das Schicksal weniger Familien oder um das des Rems-Murr-Kreises. "Es geht um alle Orte, an denen wir unser Leben verbringen. Wir sollten dort achtsam miteinander umgehen", mahnt Köhler deutlich.


Steine für Wünsche

Schließlich braucht der Vater doch ein Taschentuch, als die Schüler die Namen der 15 Opfer verlesen. Für jedes legen Jugendliche eine Gedenkplatte, rote Rosen und weitere Trauersymbole wie etwa Hände aus Ton für die Hilfe von Außenstehenden nieder.
Dazu betten sie vorsichtig Kieselsteine, auf die sie Wünsche schreiben. Oder Worte der Hoffnung wie "Liebe", "Glaube", "Frieden" und "Engel". Die Schüler nennen das den "steinigen Pfad in die Zukunft".

Rektorin Astrid Hahn versichert, dass dieser "sicher nicht gerade verläuft und manchmal verschlungen sein wird". Aber sie glaubt an die "starke Gemeinschaft", die im vergangenen "unendlich schweren Jahr" geholfen hat.

In der Innenstadt kauft kurz danach eine Frau einen Bund Tulpen. Sie legt dem Gärtner das Kleingeld in die Hand und sagt fast entschuldigend: "Es muss ja weitergehen." Recht hat sie. Aber es wird für viele ein mühsamer Weg in die Normalität werden.



[Das geschah in Winnenden]



Autor: maa Datum: 12.03.2010

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