So schön waren die 90er

Die 90er Jahre kommen wieder – zumindest als Zitat in Musik und Mode. Die Frage lautet, ob das nur eine fixe Idee von Journalisten ist oder eine These mit Hand und Fuß.

"Die Nullerjahre waren eine Wiederholung der 80er Jahre, die Zehnerjahre werden die neuen 90er sein", schreibt der Autor Andreas Rosenfelder in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Musikexpress". "Offenbar handelt es sich beim 20-Jahre-Abstand, in dem wir unserer Gegenwart hinterherleben, um eine neue Naturkonstante."

 

Neuauflage

Wie er darauf kommt? "In New Yorks Lower East Side tragen 20-jährige Hipster karierte Flanellhemden und rote Doc Martens, Pearl Jam eröffnete im Herbst 2009 mit dem Album 'Backspacer' musikalisch das Grunge-Comeback", so Rosenfelder. Spätestens im Sommer werde es eine Neuauflage des Eurodance geben, der das 80er-Revival aus den Discos vertreibe. Das klingt sehr wissend. Die "Süddeutsche Zeitung" meinte: "Wer kennt sich besser mit Zukunftsmusik aus als diese alten Musikhasen?"

 

Spaßgesellschaft

Nun ist es so, dass die 90er natürlich viel mehr waren als Grunge und Dancefloor. Sie waren die Phase der "Spaßgesellschaft", bevor es nach dem 11. September 2001 global wieder ernst wurde. Sie waren auch die Hoch-Zeit der Boygroups oder des Vornamens Kevin. Außerdem gelten sie als die Ära der "Supermodels" wie Claudia Schiffer, Cindy Crawford, Naomi Campbell oder Kate Moss.

Der Kalte Krieg war gerade vorbei, in Berlin gab es Love Parade statt Militärparaden, Raver statt Russen. Im Fernsehen liefen Serien wie "Baywatch", im Radio Oasis und die Spice Girls. Die ironischen Geplänkel von Stefan Raab – damals beim neuen TV-Sender Viva – und Harald Schmidt eroberten das Publikum. Im Kino triumphierten "Pulp Fiction", "Trainspotting", "Forrest Gump", "Der bewegte Mann" oder "Lola rennt".

 

Parallelen zu heute

In der Mode waren die puristischen Designer Jil Sander und Helmut Lang "in", bei den Massen aber auch klobige Sportschuhe von Buffalo. Viele Leute rochen nach Calvin Kleins Unisex-Parfüm "CK One" und ließen sich ein Arschgeweih tätowieren. Und alle, wirklich alle, aßen plötzlich Tomate mit Mozzarella.

Doch da war noch mehr in den 90ern – und dann gibt es wieder Parallelen zu heute: Zum Beispiel die Erfolgsserien "Beverly Hills 90210" und "Melrose Place", die gerade im US-Fernsehen neu belebt wurden. Im Kino ist zurzeit mit "Avatar" wieder ein James-Cameron-Film auf Rekordkurs – wie 1997 "Titanic". Und deutschsprachiger Rap feiert auch heute wieder Chart-Erfolge – wenn auch nicht in seiner Gymnasiasten-Ausprägung wie in den 90ern, als Fettes Brot oder Die Fantastischen Vier das Niveau im Hip-Hop hochhielten.

Apropos Niveau: Im Privatfernsehen der 90er waren die Vorführ-Effekte harmlos im Vergleich zu den Castingshows und Dokusoaps von heute – bei RTL wurde damals bei Linda de Mol geheiratet und nicht sich mit Dieter Bohlen geschämt. Ob die These also doch nicht stimmt?

 

Alles Pop

Im "Musikexpress" hat der Autor Marc Fischer den Kern der 90er gefunden: Damals sei plötzlich "alles Pop" geworden, bis hin zur Literatur (Christian Kracht, Benjamin von Stuckrad-Barre) oder Fotografie (Wolfgang Tillmans). Und der Alltag? "Anfang der 90er hatte ich nicht mal einen Anrufbeantworter; Mitte der 90er dann ein Handy und E-Mail-Adresse; Ende der 90er war das Fax tot, und wir verabredeten uns über SMS."




 

dpa17.03.2010
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