Fleischlos glücklich

Tierschutzaktivisten sind nicht gerade für ihren Humor bekannt. Jonathan Safran Foer, Bestsellerautor und kämpferischer Vegetarier, widerlegt das Klischee. Eine seiner Waffen ist die Ironie. Der New Yorker hat sein erstes Sachbuch "Tiere essen" geschrieben, in dem er trocken feststellt:

"Die Franzosen lieben ihre Hunde und essen manchmal ihre Pferde. Die Spanier lieben ihre Pferde und essen manchmal ihre Kühe. Die Inder lieben ihre Kühe und essen manchmal ihre Hunde". Ein Hunderezept liefert er gleich mit. Foer will provozieren – und auf die Widersprüche in unserer Ernährung hinweisen.


Ironie

Warum also kaufen wir unserem Schoßhund eine Häkeldecke und akzeptieren, dass Schweine in riesigen Mastfabriken auf engstem Raum mit Hormonen vollgestopft werden? Warum werden Kälber nach der Geburt zur Mast und dann zum Schlachten Hunderte Kilometer durch die Republik gekarrt? Warum fiebern wir mit Rennschwein Rudi Rüssel, wenn er dem Fleischer entkommt und verzehren seine Artgenossen mit Genuss? Und warum ist dennoch im Grundgesetz das Staatsziel Tierschutz verbrieft?

Weil es der Verbraucher so will, müssen Steaks und Würste heute vor allem eines sein: billig. Das, was so steril als Fleischproduktion bezeichnet wird, geschieht immer häufiger in Riesenställen, vor allem in Nord- und Ostdeutschland. In Güsten in Sachsen-Anhalt wird derzeit eine der größten Zuchtanlagen geplant. 30 000 Schweine und 600 000 Legehennen sollen dort möglichst rasch Gewinn bringen.

Sebastian Zösch vom Vegetarierbund Deutschland hat Zweifel, dass der Tierschutz bei solchen Projekten gewahrt bleibt. "Veterinärämter und Masttierbetriebe arbeiten mittlerweile so vertraulich zusammen, dass objektive Kontrollen aus unserer Sicht kaum mehr möglich sind."


Bewusstseinswandel

Dass sich Widerstand in der Bevölkerung gegen die Riesenställe breit macht, weil etwa der Chemieeinsatz das Grundwasser belastet, sieht Zösch als Beleg für einen Bewusstseinswandel. Immer kritischer berichten Medien über den Fleischkonsum. Offen forderte der "Stern" in einer Titelgeschichte die Leser auf: "Esst weniger Fleisch!" Und die "Zeit" titelte neben einem saftigen Steak: "Lasst das!"

Bereits seit den 1980er Jahren sinkt der Pro-Kopf-Fleischkonsum in Deutschland. Die Zahl der Vegetarier steigt. "Mittlerweile gehen wir von sechs Millionen Vegetariern aus", sagt Zösch. In einer Umfrage für das evangelische Magazin "Chrismon" gaben kürzlich mehr als die Hälfte der Befragten an, sie wollten künftig weniger Fleisch essen. Neben dem Tierschutz gibt es dafür viele Motive. Die meisten Befragten gaben gesundheitliche Gründe an.



Schlechter Ruf

In den 1980er Jahren galt das Stück Fleisch noch als Maßeinheit für gesunde Ernährung. Danone konnte mit dem Slogan "So wertvoll wie ein kleines Steak" einen gezuckerten Zwergenquark anpreisen. Eine solche Werbebotschaft wäre heute wohl unmöglich. Übermäßiger Fleischkonsum gilt als mitverantwortlich für Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, Diabetes, Gicht oder Herz-Kreislauf-Beschwerden.

Immerhin 13 Prozent führen mittlerweile den Klimaschutz als Argument für Fleischverzicht an. Nach Angaben der UN verursacht der weltweite Viehbestand heute rund 18 Prozent der von Menschen verursachten Treibhausgase, mehr als der Transportverkehr – andere Studien gehen von bis zu 51 Prozent aus. Wer vegetarisch lebt, verringert seinen ökologischen Fußabdruck um rund eine Tonne CO2 und spart 650 000 Liter Wasser im Jahr.

Noch gibt es erheblichen Spielraum, den Fleischkonsum zu reduzieren. Bei 90 Prozent der Deutschen kommt Fleisch täglich auf den Tisch. Das ist selbst der Deutschen Gesellschaft für Ernährung zu viel: Ein bis zwei Mal pro Woche genüge.


Konsum der Deutschen

In seinem Leben verzehrt der Durchschnittsdeutsche statistisch gesehen laut Vegetarierbund vier Kühe und Kälber, 46 Schweine, vier Schafe und Lämmer, 46 Puten, zwölf Gänse, 37 Enten und 945 Hühner. Die Biomast macht beim Schweinefleisch und Geflügel nur 0,5 Prozent aus. 99 Prozent des verkauften Fleischs stammen aus hormongestützter Turbomast. Ziel: rasche Gewichtszunahme. Hühner etwa verdreißigfachen in den vier Wochen bis zur Schlachtreife ihr Gewicht.


Gesunde Ernährung

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt 400 bis 600 Gramm Fleisch pro Woche, im Schnitt beträgt der Fleischkonsum rund das doppelte. Rechnet man die Vegetarier heraus, muss es eine Menge Menschen geben, die mehr als 1,1 Kilo Fleisch pro Woche essen. Wurst hat 20 bis 30 Prozent Fett, reichlich gesättigte Fettsäuren und Cholesterin. Rotes Fleisch (Rind, Schwein, Wild) begünstigt die Entstehung von Dickdarmkrebs. Mageres Fleisch sollte bevorzugt werden.



Autor: jd Datum: 01.09.2010
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