Entschuldigung! Sind Sie die Wurst?

Als im Sommer 2006 die Augsburger Freunde Felix Anschütz, Nico Degenkolb, Krischan Dietmaier und Thomas Neumann an ihrer Internetplattform belauscht.de tüftelten, konnten sie beileibe nicht ahnen, welchen Erfolg sie damit haben würden. Schließlich ging es den Vieren nur darum, skurrile oder witzige, weise oder bewegende Dialoge aus dem Alltag schriftlich festzuhalten.

Ihr Ziel war es, das Gerede, Geschnatter und Geschrei, das öffentlich im deutschen Sprachraum erklingt, nicht ungehört verhallen zu lassen.



Schräge Dialoge

Denn Deutschland spricht – immer und überall. Und – Deutschland lauscht. Ebenfalls immer und überall. Und so schreibt das Leben in vielen Fällen die besten Dialoge. Besser und schräger jedenfalls, als es sich so mancher Drehbuchautor einfallen lassen könnte. Und wenn doch, würde er bei seinen Zuschauern durchfallen – wegen schamloser Übertreibung.

Diese haben die Deutschen, Österreicher und Schweizer gar nicht nötig, die belauscht.de mit schöner Regelmäßigkeit beliefern. Dank der Einträge, die sie online gestellt haben, ist im Lauf der Zeit eine amüsante Plattform mit vielen O-Tönen entstanden.



Aufgeschnappt

Prall gefüllt mit erheiternden Gesprächen. So prall, dass die Jungs das Beste sogar in ein Buch gepackt haben: "Entschuldigung! Sind Sie die Wurst?" 288 Seiten amüsante Belauschnisse aus allen Lebensbereichen, quer durch die Republik.

Etwa im Essener Alfred-Krupp-Krankenhaus. Hier wurde ein Zivi mit langen Haaren von einer älteren Dame angesprochen "Hallo, Schwester!" Der Zivi antwortet mit Bass-Stimme: "Ja, bitte." Darauf die Dame: "Oh, Entschuldigung Herr Doktor."

Noch gut in Erinnerung sind die Hitzeprobleme bei der Deutschen Bahn. Kein Wunder, dass in einem Kölner Regionalexpress kürzlich diese Durchsage erlauscht werden konnte: "Eine kurze Information, bevor genörgelt wird. Die Klimaanlage in diesem Zug ist nicht defekt. Es gibt keine."

Unterdessen sitzt am Pforzheimer Bahnhof eine Oma mit ihrem Enkel auf einer Bank. Auf der Anzeigetafel wird der Interregio angekündigt. Daraufhin erklärt die Oma: "Der fährt nach Interetschio. Das liegt in Italien."



Senf zugeben

Beliebte Lauschplätze sind auch Geschäfte aller Art. Etwa Supermärkte. In Berlin spricht eine Frau einen Mitarbeiter an, der gerade Waren in Regale räumt. Sie: "Sagen Sie ... Senf?" Er: "Senf." Oder: Ein Supermarkt in Trier.

Hier ist eine russischstämmige Dame auf der Suche nach Eiern. Als sie nach längerem Suchen auf die Idee kommt, zu fragen, schnappt sie sich ein tiefgefrorenes Hähnchen, geht zur Kassiererin und sagt: "Das ist Mutta! Wo siend Kiendärrr?"

Ebenfalls in einem Geschäft in Wiesbaden unterhalten sich zwei türkische Jugendliche wohl über einen dritten, den sie offensichtlich nicht leiden können. Sie: "Kennst Du den Ali?" Er: "Ja, kenn isch." Sie: "Wie findst Du den?" Er: "Ey, der Typ is so blöd. Dumm geboren, dumm gelebt, dumm gesterbt."



Vater und Sohn

Doch nicht nur in, auch vor Geschäften lässt sich einiges erlauschen – so wie in Heilbronn. Hier bewegt sich ein Vater mit seinem etwa zwei Jahre alten, im Buggy sitzenden Sohn auf die Tür eines Einkaufszentrums zu. Ein Typ geht vor ihnen durch und lässt die Tür hinter sich zufallen. Der Vater geht um den Buggy herum, öffnet die Tür, schiebt den Kinderwagen hindurch und sagt zu seinem Sohn: "Siehst Du, und zu solchen Leuten darf man später einmal Arschloch sagen."

Doch es sind nicht immer nur Erwachsene, über die man sich aufregen kann. Auch kleine Kinder können ganz schön nerven. So geschehen in Stralsund, in einem Supermarkt am Bahnhof. In der Schlange quengelt ein Kleinkind lautstark und kämpft mit der Mutter um den Erwerb eines Impulsartikels. Alle sind genervt und gestresst.

Es ist heiß, der Zug fährt gleich. Doch das Kind lässt nicht locker, brüllt und schlägt um sich. Eine Frau in der Schlange dreht sich zur überforderten, mit hochrotem Kopf dastehenden Mutter um und sagt in mitfühlendem Ton: "Hauen Sie’s tot. Es quält sich doch nur noch."



Großes Publikum

Während die Belauschnisse in der Regel ganz intim mit mehr oder weniger vielen Zuhörern stattfanden, gibt es natürlich auch solche, die sich ans ganz große Publikum wenden. Wunschkonzerte im Radio beispielsweise, in denen Hörer live auf Sendung gehen. Wie in SWR 3. Hier machte sich ein Schwabe im Familienkreis vermutlich nicht ganz so beliebt wie erhofft als er sagte: "Ich wünsche mir für meine Schwiegermutter, die gerade im Krankenhaus liegt, den Hit von Ich & Ich: ,So soll es sein, so darf es bleiben’."


Das Beste aus drei Jahren

"Entschuldigung! Sind Sie die Wurst? Deutschland im O-Ton" von Felix Anschütz, Nico Degenkolb, Krischan Dietmaier und Thomas Neumann, 288 Seiten, Heyne-Verlag, 8,95 Euro.

Autor: kü Datum: 07.09.2010
Sicher dir jetzt die neue Ausgabe des Stimmt!-Magazins


Kommentar schreiben

Betreff:
Kommentar:
Sie dürfen nur 1000 Zeichen als Text schreiben

Hier einloggenNoch nicht registriert?
Benutzername  
Passwort