
Online-Kiosk "Zuckerbäcker"
Nein, gesiezt werden will Anastasios Paliakoudis nicht. "Dabei habe ich immer so ein ungutes Gefühl." Anastasios also. Der 25-Jährige grinst, nickt, und bittet hinein in den "Zuckerbäcker", das kleine Unternehmen im Böckinger Industriegebiet, das er gemeinsam mit Christopher Pfahl aufgebaut hat. "Du kannst auch Hausschuhe haben, wenn du willst."
Die typische Büroatmosphäre sieht anders aus. Stattdessen ähneln die Räume des Süßigkeitenversands eher einer gemütlichen WG: Da gibt es eine Wohnküche mit Sofa und bunten Kissen, selbstgebackene Kekse – "von Oma" – und das leise schlurfende Geräusch von Hausschuhen auf dem Parkett. Wohlfühlen, zwischen bunten Möbeln und in abgewetzten Jeans. "Wir wollen Spaß haben", nennt Anastasios die Maxime der beiden Freunde. In ihrem vorherigen Domizil, einer Wohnung in der Heilbronner Hermannstraße, ging es noch kuscheliger zu. "Da arbeiteten wir zu fünft im Schlafzimmer, das Wohnzimmer war das Lager."
Der Plan: ein Bällebad für Besprechungen
Mittlerweile ist der virtuelle Kiosk, den die beiden Jungunternehmer vor gut einem Jahr unter www.der-zuckerbaecker.de ins Internet brachten, aus allen Nähten geplatzt. Fruchtschnecken, Gummifrösche, Pfirsichringe und vieles mehr selbst mischen und per Post bestellen, das tun immer mehr Menschen bei den "Zuckerbäckern". Auch Firmen ordern dort gerne Naschwerk für Mitarbeiter und Kunden.
Die neu angemieteten 300 Quadratmeter bieten nun Platz zum Wachsen. Den brauchen Anastasios, Christopher und ihre sieben Mitarbeiter auch, denn sie haben große Pläne. Nein, kein Neubau, keine Maschinen, keine Geschäftswagen. "Wir wollen ein Bällebad, in dem ein Erwachsener gerade drin stehen kann, als zweiten Besprechungsraum", verrät Anastasios und zeigt auch gleich den dafür vorgesehenen Raum. Auf Plastikbällen liegend, mit dem Laptop auf dem Bauch Besprechungen abhalten, das wär's.
170 Sorten, gelagert in nostalgischen Dosen und Gläsern
Beim Gang durch ihr Süßigkeitenreich schauen sich Anastasios und Christopher immer wieder an, schmunzeln, als würden sie sich im Stillen zurufen: "Ja, genau so soll es werden." Ein Pippi-Langstrumpf-Gefühl könnte man es nennen – wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt. Und es funktioniert.
Einen Nebenraum haben die "Zuckerbäcker" nach ihren Kindheits-Erinnerungen dekoriert, mit Hilfe von Freunden, die alte Regale, Metalldosen, gar eine schwere metallene Kasse beisteuerten. Die blau-weiß karierte Decke auf der Theke ist die selbe, die als Hintergrundbild für ihren Internetshop dient.
Überall, sauber aufgereiht, stehen die Süßigkeiten in liebevoll gestalteten Tüten und Gläsern. Das Sortiment umfasst rund 170 Sorten, darunter Schleckmuscheln, blaue Schlümpfe, Zuckerstangen und vieles mehr. 250 sollen es einmal werden. Die Auswahl von neuen Produkten läuft dabei eher unkonventionell ab: "Es gibt regelrechte Naschsessions", erklärt Anastasios.
Ein Kriterium ist auch das nostalgische Gefühl, die Erinnerung an das Betreten des Tante-Emma-Ladens, in dem man seine Süßigkeitentüte nach Herzenslust selbst zusammenstellen konnte. "Wenn du dir den Artikel im Schrank deiner Oma vorstellen kannst, ist er bei uns richtig", sagt der 25-Jährige. "Wir machen keine Analyse von Einkaufspreisen oder so, wir schauen, ob wir es wollen." Gewollt haben sie auch die traditionelle Papiertüte mit einer Schleife darum, "obwohl wir mehr Kosten haben".
Ehemalige Management-Studenten
Überhaupt, die Zahlen. Die ehemaligen Management-Studenten sprechen ungern darüber. Sie arbeiten viel, bis zu 14 Stunden am Tag, und sind wieder zu ihren Eltern nach Neckarsulm und Untergruppenbach gezogen, um Kosten zu sparen. Doch die Geschäfte laufen gut, so viel ist den beiden zu entlocken.
Zu den insgesamt sieben Süßigkeitenmischern, Programmierern und Grafikdesignern sollen bald noch mehr Mitarbeiter stoßen, außerdem überlegen Anastasios und Christopher, bald auch Kunden in Österreich zu beliefern.
Glücklich macht beide aber etwas anderes: Briefe und Anrufe von Kunden, wie der einer älteren Frau – "Sie bedankte sich für die Knuspermünzen und sagte, die kenne sie noch von ihrer Oma", erinnert sich Anastasios und lächelt bei dem Gedanken daran.
Für die Zukunft hofft Christopher, "dass wir uns die Unbeschwertheit behalten können". Der Erfolg, glaubt er, "kommt dann von allein". Damit geht es wieder hinaus, mit einer prallen "Zuckerbäcker"-Tüte in der Hand. "Du", sagt Anastasios leise zum Abschied, "wenn wir das Bällebad haben, musst du aber noch mal vorbeikommen."
"Man müsste die Dielen knarren hören"
Es muss immer etwas abseits der eingelaufenen Pfade sein, was die "Zuckerbäcker" anpacken. Einen Lagerverkauf können sich die detailverliebten Unternehmer zum Beispiel nicht vorstellen. "Das müsste dann schon eine Zeitreise sein", besteht Anastasios auf der Kiosk-Idee. "Man müsste die Dielen knarren hören."
Auch bei der Werbung setzt der 25-Jährige auf ungewöhnliche Einfälle, Flyer verteilen gilt nicht. "Wir wollen Guerilla-Aktionen machen, etwa Süßigkeiten an einem Band aufhängen und dazu schreiben 'Kostet dich nur ein Lächeln'."
Autor: kab Datum: 27.11.2011
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