
Die 3. Liga als Chance
Er kennt sie gut, die Große Schleife durch Frankreich. Vier Mal war der 29-Jährige dabei. Erst fürs Gerolsteiner-Team, dann im Milram-Trikot. 2006 wurde Markus Fothen Fünfzehnter des Tour-Gesamtklassements. Damals, gleich nach dem Zwangs-Aus von Jan Ullrich wegen Dopingvorwürfen, war er Deutschlands große Hoffnung.
Bergauf Und nun? 3. Liga. Das Team NSP. Ein Radrennstall mit Perspektive nach oben, das immerhin. Fothen erzählt von einem "Ultimatum", das er sich gesetzt habe. 2010 war ein sehr schlechtes Jahr für ihn. Immer wieder gab es gesundheitliche Probleme. Am Saisonende war er arbeitslos, das Team Milram wurde aufgelöst. "Da war ich am tiefsten Punkt", sagt Fothen. "Ich war bei vielen Ärzten. Der letzte Strohhalm war, meinen Darm zu sanieren. Dann habe ich mir gesagt: Jetzt probier’ ich es nochmal. Ein Jahr. Ich wollte sehen, ob es wieder aufwärts gehen kann." Und es geht bergauf.
Spaß statt Geld
"Der Spaß kommt zurück", sagt Markus Fothen. "Mal schauen, bis wohin ich wieder vorstoßen kann." Die Gedanken ans Karriereende hat er jedenfalls beiseite geschoben. Beim Team NSP verdient er keine Reichtümer, wahrlich nicht. Während internationale Top-Rennställe wie Leopard, Saxo Bank oder Lampre mit Mannschafts-Reisebussen in bunter Werbelackierung zur Bayern-Rundfahrt angereist sind, greift der NSP-Rennstall auf ein angemietetes Wohnmobil zurück. An die Seite hat man den Schriftzug des Hauptsponsors geklebt."Wir haben da schon noch Luft nach oben", sagt Teammanager Thomas Kohlhepp. Markus Fothen hat "ein Haus, Kinder – es ist finanziell schwierig, aber es geht". Neben ihm im Hof des Hotels sitzt Tino Thömel. Er ist ein Newcomer bei den Profis. In Beilstein wohnt er, mit zwei anderen Fahrern des Teams NSP. Der 22-jährige Berliner lacht: "Ich habe kein Haus, keine Kinder und ein kleines Auto. Zum Leben reicht es." Die Wohnung bezahlt die Firma NSP. Wenn Thömel Zeit hat zwischen seinen Radsportterminen, geht er beim Sponsor noch arbeiten. "So verdiene ich ein paar Euro nebenbei."
Besser als nichts
Die 3. Liga des Weltradsports ist besser als gar kein Profivertrag. Und sie wirken keineswegs unzufrieden, die vier Fahrer von NSP, als sie da auf den Stühlen neben dem Mannschaftshotel sitzen. Björn Thurau ist noch dabei, der 22-jährige Sohn von Didi Thurau. Und Markus Eichler. Der 29-Jährige trug zuvor das Milram-Trikot, hat schon den Giro d’Italia und die Spanien-Rundfahrt bestritten.Ihm gefällt es, dass er beim Team NSP seine Erfahrungen einbringen kann. "Bei den großen Mannschaften bekommst du vom Sportdirektor eine Entscheidung vorgesetzt. Hier sind wir Fahrer mit Thomas Kohlhepp oder unserem Sportlichen Leiter Lars Wackernagel viel mehr im Gespräch."
An die großen Landesrundfahrten, die er 2008 (Giro, Platz 141) und 2010 (Vuelta, Platz 114) absolviert hat, denkt Eichler nicht sehnsüchtig zurück: "Ich will Rennen gewinnen, egal ob das Rund um Düren ist oder eine Etappe bei der Azerbaijan-Tour." Letzteres ist eine Rundfahrt durch den Nordiran. Markus Eichler hat dort Mitte Mai die schwere dritte Etappe gewonnen, sein erster Sieg im NSP-Trikot.
Die Vergangenheit
Bei der Azerbaijan-Tour ist auch Stefan Schumacher mitgefahren. Der Schwabe, 2008 im Gelben Trikot bei der Tour de France, dann als Dopingsünder überführt, versucht nach seiner Zweijahressperre ein Comeback bei einem drittklassigen italienischen Team. Er steht für die Vergangenheit des gebeutelten Profiradsports. "Jetzt müssen neue Leute ins Blickfeld, die nicht vorbelastet sind", sagt Eichler. "Die Fans brauchen wieder ein Idol.""Ich bin ich", sagt der junge Radprofi. Seit Björn Thurau Radrennen fährt, wird er auf den Papa angesprochen. Didi hat 1977 bei der Tour de France 15 Tage lang das Gelbe Trikot des Führenden getragen, wurde damit in Deutschland zum Helden. "Ich bin stolz, was mein Vater geleistet hat", sagt der 22-jährige Filius. "Aber man sollte mich nicht mit ihm vergleichen." Im vergangenen Jahr ist er in der U-23-Bundesliga gefahren, jetzt startet Thurau mit dem Team NSP bei der Bayern-Rundfahrt.
[Talentierter Nachwuchs]
[Saubere Akzente im Radsport]
Autor: öha Datum: 27.05.2011
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