
Die Stanislawski-Standpauke
Gestern Nachmittag stand vor der Rhein-Neckar-Arena ein großer Kran. Wartungs- und Putzarbeiten am großen Vereinslogo von 1899 Hoffenheim, das von Weitem sichtbare Erkennungszeichen am Stadion des Bundesligisten. Eine Stunde vorher betätigte sich Hoffenheims Trainer Holger Stanislawski als Reinigungskraft auf der allwöchentlichen Pressekonferenz. Und zwar in persönlichen Angelegenheiten. Ihm lastete etwas auf der Trainerseele, das er in einem zwölfminütigen Monolog mit viel Vehemenz bereinigt haben wollte.
Also sprach der 42-Jährige über und zur Journalistenschar im Trainingszentrum. "Ich habe das Gefühl, dass dieser Club jetzt schon untergegangen ist. So als wären wir schon abgestiegen und hätten null Chancen auf den Klassenerhalt", zeterte Stanislawski über die Berichterstattung nach dem drögen 0:0 im Heimspiel gegen Hannover und nach dem Abgang von Stürmer Vedad Ibisevic. "Dass man permanent nur das Negative sieht, das geht mir gegen den Strich", sagte Stanislawski.
Soll heißen: Schuld an der schlechten Stimmung im Kraichgau sind eigentlich nur die Journalisten, diese hundsgemeinen Schwarzmaler mit der Tendenz zu überzogener Kritik. Stanislawski erinnerte bei seinen Ausführungen gestern ein bisschen an den Bundespräsidenten Christian Wulff. Positive Schlagzeilen? Fehlanzeige.
Eine Diagnose, die saß
"Wir können doch nicht einen personellen Umbruch starten, den Etat anpassen und gleichzeitig junge Talente einbauen mit dem Ziel, deutscher Meister zu werden", polterte Stanislawski: "Diesen Zahn ziehe ich hier jedem, der draußen an Realitätsverlust leidet." Rumms, diese Diagnose saß.
Nein, den Meistertitel hat niemand vom Trainer erwartet. Journalisten, Fans, Zuschauern und Umfeld fehlt es in der Trainerwahrnehmung an Geduld, jenem äußerst raren Gut und Trainerglück im Profifußball. In einem Club wie Hoffenheim ist die Geduld nicht so sehr zu Hause, weil die TSG mit Ralf Rangnick über Jahre von einem ungeduldigen Trainer geleitet wurde, dem nichts schnell genug gehen konnte. Und über allem schwebt dann auch noch ein meist unsichtbarer Mäzen, der sich aber hin und wieder ins Sportliche einmischt. Meistens zu einem sehr unglücklichen Zeitpunkt. So wie Anfang der Woche, als er den Transfer von Vedad Ibisevic zum VfB Stuttgart auf höchstrichterlicher Ebene beinahe noch verhindert und seine sportliche Führung damit vorgeführt hätte.
Stürmersuche
Der Wandel im Kader ist in vollem Gange, so wie die Suche nach einem Ibisevic-Ersatz. Srdjan Lakic ist nach wie vor der heißeste Kandidat. "Er wäre ein Spieler, von dem sich die jungen Spieler vielleicht etwas abschauen können", sagt Manager Ernst Tanner über den 28-jährigen Noch-Wolfsburger, der bei Felix Magath zwar keine Rolle mehr spielt, aber deshalb noch lange nicht zum Schnäppchenpreis im Winterschlussverkauf zu haben ist.
Lakic-Berater Alen Augustincic weilte gestern schon einmal zu Gesprächen in Zuzenhausen, die Zeit drängt schließlich. Manager Ernst Tanner sagt allerdings: "Es muss auch wirtschaftlich passen."
Das tat es lange Zeit nicht in Hoffenheim – und Trainer Holger Stanislawski erinnert zu Recht daran, dass trotz Stars wie Carlos Eduardo, Demba Ba und Chinedu Obasi und jährlichen Hoppschen Finanzspritzen von 20 Millionen Euro auch immer "nur" Mittelfeldplätze herausgesprungen seien. Um rund zehn Millionen Euro von 44 auf 34 Millionen Euro wurden die Gehaltskosten gesenkt. "Damit sind wir in der wirtschaftlichen Konsolidierung weiter als erwartet", sagt Ernst Tanner. Ja, es gibt sie doch noch, die positiven Meldungen aus Hoffenheim. Sportliche sollen nun folgen.
Am Samstag (15.30 Uhr) geht es zu Borussia Dortmund, dem deutschen Meister. "Letztes Mal ging es nach dem Spiel nur um die Schallaffäre", erinnert sich Holger Stanislawski. Das Positive dabei aus Trainersicht: "Keiner erwartet in unserer Situation da irgendetwas von uns. Was haben wir am Wochenende denn zu verlieren?"
Autor: fhu Datum: 27.01.2012
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