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Wenn das Gehirn k.o. geht

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Es ist der 14. Januar 2018. Beim Zweikampf in einer Auswärtspartie in Ravensburg prallt Richard Gelke, Eishockey-Profi der Heilbronner Falken, mit der Schläfe gegen die Bande. "Mir ist kurz schwarz vor Augen geworden“, erinnert sich der 25-Jährige. Er habe noch zwei Wechsel probiert, "aber ich hab gemerkt, es geht nicht mehr“. "Richie“ lässt sich aus dem Spiel nehmen – und ist seither nicht mehr aufs Eis zurückgekehrt. Der augenscheinlich eher harmlose Vorfall – der Check war nicht besonders schwer – hat das Leben des jungen Mannes auf den Kopf gestellt. Gehirnerschütterung lautet die Diagnose, "Concussion“ sagen Sportmediziner dazu. 

"Mein Kopf macht einfach nicht mehr mit" 

Alles, was bisher sicher schien, ist plötzlich ins Wanken geraten für Gelke: sein Sport, den er betreibt, seit er ein kleiner Junge war – immer mit dem Ziel, Profi zu werden. Die Kontakte mit den anderen Spielern, seinen Kumpels. Sein Privatleben mit der Freundin in Heilbronn. Gelke ist äußerlich unversehrt, "meine Arme und Beine funktionieren“, sagt der große, athletische Mann. Trotzdem sei es, "als habe man mir den Stecker gezogen – mein Kopf macht einfach nicht mehr mit“. Wenn er zu Anfang zweimal am Tag spazieren gehen konnte, erzählt der Wahl-Heilbronner, "war das schon ein guter Tag“. Ansonsten "habe ich viel geschlafen, bin gelegen“, mehr ging nicht. Auch heute, vier Monate später, leidet er noch unter Kopfschmerzen, die Augen vertragen keine schnellen Seitwärts-Bewegungen, grelles Licht oder Lärm sind ihm zu viel. 

Rund 44 000 leichte Schädel-Hirn-Verletzungen im Sport werden jährlich in Deutschland diagnostiziert. Die Zahl der nicht dokumentierten Fälle dürfte weitaus höher sein, heißt es bei der Hannelore-Kohl-Stiftung, die sich des Themas gemeinsam mit Sportverbänden angenommen hat. Nicht jedes leichte Schädel-Hirn-Trauma werde erkannt und entsprechend behandelt. Nach amerikanischen Schätzungen könnte die Dunkelziffer dreimal so hoch liegen.

Der Genesungsprozess ist wichtig

Der Neckarsulmer Orthopäde und Sportmediziner Boris Brand befasst sich als deutscher Vertreter im Internationalen Eishockeyverband und Teamarzt der Bietigheim Steelers (ebenfalls Eishockey) seit Jahren mit der Krankheit, gilt als Experte in Deutschland. Die gute Nachricht sei, sagt Brand: Die meisten Betroffenen – rund 85 Prozent – sind nach einigen Tagen wieder symptomfrei. Bei wenigen dauere es einen Monat und länger bis zur vollständigen Genesung.

In dieser Zeit gilt: absolute Ruhe einhalten, Reize minimieren. Die Symptome – wie Schlafstörungen, Schwindel, Nackenschmerzen (siehe unten) – behandeln. Und: Die Psyche des Sportlers in den Blick nehmen. "Die Gefahr besteht, in eine Depression abzurutschen“, sagt Brand. Denn mit der Diagnose Concussion breche auch das Umfeld weg, der Patient sei zeitweise isoliert, könne in der Phase der Genesung nicht am sozialen Leben teilnehmen. Eine schlimme Erfahrung, gerade für Mannschaftssportler. Der Arzt sei in dieser Situation als Mentor gefragt, müsse dem Erkrankten die Sicherheit geben, "dass er wieder funktionieren wird als Sportler“.

Wie kommt es dazu?

Richard Gelke grübelt, warum es ausgerechnet ihn so heftig getroffen hat. Er hat den schweren Check gegen den deutschen Eishockey-Spieler David Wolf im Olympia-Halbfinale gegen Kanada gesehen. Wolf blieb sekundenlang bewusstlos auf dem Eis liegen. "Der kommt nicht mehr zurück“, dachte Gelke. Doch Wolf lief beim Finale auf. "Bei mir könnte es der Schneeballeffekt sein“, mutmaßt Gelke. Aufgrund seiner Statur habe er schon immer Zweikämpfe gesucht – habe dabei womöglich wiederholt Schläge abbekommen, ohne das richtig zu bemerken.

Auch die Schlagrichtung sei womöglich entscheidend für die Intensität der Verletzung, sagt Brand. Es gebe Hinweise, dass Schläge von vorn oder hinten keine so harten Konsequenzen haben wie solche, die schräg kommen. Aber letztlich wisse man noch sehr wenig über die Erkrankung – auch deshalb, weil sie nur schwer zu diagnostizieren sei.

Verletzungen werden unterschätzt 

"Skate das einfach weg“, "nimm ein Aspirin, und dann gewinne das Spiel“: Solche und ähnliche Sprüche kursieren immer noch. Brand sagt: "Die Krankheit wird unterschätzt, solche dummen Slogans schaden da nur.“ Auch in aktuellen im Deutschen Ärzteblatt publizierten Studien wird gewarnt: Gehirnerschütterungen würden häufig als leichte Blessur abgetan und in ihren Konsequenzen unterschätzt. Es sei unerlässlich, Spieler – im Profi- wie Breitensport – nach einem festgelegten Schema zu untersuchen, sollte der Verdacht auf Concussion bestehen. 

Ärztliche Unterstützung ist unbedingt nötig

Boris Brand arbeitet mit der sogenannten Scat-5-Skala. "Die sollte jeder Arzt, der mit Sport zu tun hat, kennen“, findet er. Im Zweifel gelte der Leitsatz: „When in doubt, take them out“ (deutsch: im Zweifel den Spieler vom Feld nehmen). Zeigt der Sportler Symptome einer Gehirnerschütterung, braucht sein Gehirn absolute Ruhe – und zwar bis zum Abklingen aller Beschwerden. Denn gerade ein zweiter oder dritter Schlag in einer Phase, in der das Gehirn bereits geschädigt sei, erhöhe das Risiko für lang anhaltende oder dauerhafte Schäden, sagt Brand.

Auch Umweltreize durch Fernsehen, Handy, Lesen oder Autofahren gelte es zu reduzieren. Diese konsequente Ruhe-Therapie sei nicht nur für die Gesundheit des Athleten wichtig, "das dient auch der raschen Rückkehr in den Spielbetrieb“. Der Sportler müsse "absolut symptomfrei“ sein, bevor er wieder ins Training einsteigen könne, erklärt der Arzt und mahnt: "Wer denkt, ,jetzt probiere ich es einfach mal’ und zu früh wieder mit Aktivität beginnt, riskiert, dass sich der Genesungsprozess verzögert.“

Schwer zu verkraften

Die Tatsache, dass er in den Playoffs für die Falken nicht dabei sein konnte, hat Richie Gelke zugesetzt. "Es lief so gut für uns dieses Jahr, ich wäre so gern beim Team gewesen. Es war sehr schwer für mich, das nicht mitzuerleben.“ Gelke macht Physiotherapie, um die Augenbewegungen und seine Nackenmuskulatur zu trainieren, Trampolinspringen soll Koordination und Motorik schulen. Und er spricht viel – mit Brand und einem ebenfalls auf Concussion spezialisierten Neuropsychologen aus Bietigheim, der seit Langem mit Boris Brand in diesem Bereich arbeitet. 

Bevor ihm das passiert sei, sagt Gelke, habe er sich nie mit dem Thema Gehirnerschütterung befasst, nun schaut er intensiv hin – auch bei der Eishockey-Weltmeisterschaft, die gerade in Dänemark ausgetragen wird. Der 25-Jährige wünscht sich, dass mehr gesprochen wird über das Thema. Dass Vereine, Spieler, Betreuer sich mit Concussion auseinandersetzen, um Betroffenen im Ernstfall beistehen zu können: ihnen erklären, was man tun kann und lieber lassen sollte, ihnen Sicherheit geben. Dem Sportler zeigen: "Wir wissen, dass du verletzt bist, auch wenn man dir das nicht auf den ersten Blick ansieht.“ Deshalb redet Gelke so offen über seine Erkrankung mit der Heilbronner Stimme. Das Ziel des 25-Jährigen ist es, so schnell wie möglich wieder auf dem Eis zu stehen. "Ich glaube fest daran, dass das gelingt.“ Im September starten die Falken in die neue Saison

 

 

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