
Hitze einfach weggeduscht
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Badeparty
Das Gedränge ist groß, als die Fans in der Halbzeit zu den Sprühfontänen strömen. Fünf Minuten steht Ernestina Justus (14) aus Neckarsulm unter dem Strahl. "Das tut richtig gut", sagt sie, als sie klitschnass aus dem Wassernebel tritt. Haare, Bluse, gelbe Hot Pants – alles tropft. Fünf Mal war sie schon hier zum Abkühlen. Ohne die Dusche "wäre es kaum auszuhalten".Dass im Vergleich zum England-Spiel so wenig gekommen sind, versteht Yannik Hoffmann (17) aus Neckarsulm nicht. "Vaterlandsverräter", sagt er grinsend. Warum er sich die pralle Sonne gibt? Fußballer "spielen doch auch bei den Temperaturen", sagt er trocken.
Jubel gegen Hitze
In der Sonne läuft der Schweiß unerbittlich. Im Schatten eines Bierstandes sitzt Madeleine Schwartz (19) auf dem Asphaltboden. Die Leinwand kann sie von hier nicht sehen. "Die Hitze. Ich kann nicht mehr", sagt die Besigheimerin ehrlich – trotz Dusche. Fünf Minuten später ist ihre Erschöpfung wie weggeblasen. Deutschland hat das 2:0 erzielt, und Madeleine Schwartz tanzt mit Freundin Michelle plötzlich im Pulk der jubelnden Fans.Kopfsprung
Weniger als erwartet haben die 50 Sanitäter zu tun. Ein Mädchen mit schwarz-rot-goldener Flagge um die Hüfte wird gerade auf einer Fahrtrage ins Zelt gebracht. Der Kreislauf. Sie ist die Nummer 7. Am Abend verweist Dr. Georg Breuer, der Leitende Notarzt, auf 17 versorgte Patienten. "Das Wasser war das Entscheidende", sagt er und zeigt zu den Rohren der Feuerwehr. Vielleicht war es auch die Vernunft der meisten Fans. 70 bis 80 Prozent der verkauften Getränke seien Wasser gewesen, sagt eine Verkäuferin.Nach dem Schlusspfiff haben viele noch Kraft zum lauten Jubel. "So seh’n Sieger aus", singen sie und tanzen ein letztes Mal unter den Fontänen. "Ein bisschen erschöpft" ist Lidia Zaft (25) aus Frauenzimmern – trotz sechsmaligem Duschgang. Den 4:0-Sieg der deutschen Kicker findet sie "einfach toll". Sie ist pudelnass und glücklich.
Besondere Erfrischung haben die Fans auch jenseits des Fandorfs genossen. Auf der Götzenturmbrücke springen nach dem Spiel vier Männer in den Neckar. Das Wasser "ist wunderschön", sagt Jens Steger (28) nach seinem Kopfsprung. Für Tobias Herbel (30) war der vierfache Siegersprung auch "ein Ansporn für die deutsche Mannschaft".
Fußball-Freudentaumel
Das Bild erinnert ein wenig an den Film "Und täglich grüßt das Murmeltier": Eine Siegesfeier des deutschen Teams jagt bei der Weltmeisterschaft die nächste.Auch am Samstag formiert sich pünktlich mit dem Schlusspfiff der Autokorso, etwa 1300 Fahrzeuge beteiligen sich. An der Ecke Allee/Kaiserstraße treffen sich zudem etwa 600 Fans zum ausgelassenen Feiern – wie auch die Male zuvor stürmen sie nach kurzer Zeit gegen 18.20 Uhr die Straße und blockieren die Allee rund eine Stunde.
Weitgehend friedlich
Die Berufsfeuerwehr muss einschreiten, als einige Fans bengalische Feuer entzünden. "Bitte bleibt fair, bringt niemanden in Gefahr", ist durch die Lautsprecheranlagen der Polizei zu hören. Ansonsten verläuft die Party friedlich, wie Polizeisprecher Rainer Köller zufrieden bestätigt. "Sehr erfreulich, dass bei so vielen Feiernden alles weitgehend ruhig bleibt."Eingreifen musste die Polizei jedoch bereits zuvor, als innerhalb einer größeren Gruppe beim Fandorf wiederholt der Hitlergruß gezeigt wurde. Drei Männer wurden vorläufig festgenommen. Nicht von den Feierlichkeiten betroffen waren die Stadtbahnen, sie wurden während der Feier um die Innenstadt herum umgeleitet.
Flagge geklaut
Beim Hauptbahnhof bemerkte die Polizei, wie in einer Gaststätte eine argentinische Flagge heruntergerissen und mitgenommen wurde, kurz darauf wurde in der Innenstadt ein junger Mann damit angetroffen. Vermutlich handelte es sich um die Flagge aus dem Lokal.Einsatzkräfte der Bundespolizei Heilbronn mussten nach dem Spiel einen Zug vom Heilbronner Hauptbahnhof nach Würzburg begleiten: "80 bis 100 angetrunkene Fans hatten sich aggressiv und provozierend verhalten", so Sprecher Dieter Natterer.
Gegen 19.30 Uhr löst sich die Feier auf. Das städtische WM-Team arbeitet routiniert: Als die letzten Fans die Straße verlassen, rollt schon die Kehrmaschine an. Kurz darauf wird die Allee wieder freigegeben. Und jetzt? Warten auf das Halbfinale.
WM-Thermometer
36,3 Grad im Schatten las Hobby-Wetterbeobachter Roland Rösch am Samstag an seiner Böckinger Station ab – es war der heißeste Tag des Jahres 2010. Der Wert zählt laut Rösch "zu den Spitzenwerten der vergangenen Jahre". 38,5 Grad sind in Heilbronn Hitzerekord.Bei der WM sind die Hitzespiele vorbei. Dass die deutsche Elf jetzt nur noch am Abend antritt, freut vor allem Fandorf-Organisator Bernhard Winkler. Er hatte am Samstag auf 20 000 Fans gehofft. Warnungen in den Medien vor dem heißen Samstag bezeichnete er als "Panikmache vor der Hitze".
Autor: cf, ssp Datum: 05.07.2010
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