Vollkommene Sicherheit gibt es nicht

Ein Jahr nach dem Amoklauf von Winnenden: Was ist geblieben? Eltern, sagt Jutta Dongus vom Heilbronner Gesamtelternbeirat nüchtern, hätten ein für alle Mal das Gefühl verloren, ihre Kinder seien in der Schule sicher aufgehoben.

Beim Stimme-Dialog zum Thema Angst in der Schule halten sechs Vertreter von Schule, Polizei, Eltern- und Schülerschaft sachlich Rückschau. In zwei Punkten sind sie sich vollkommen einig: Ein Kontroll- und Überwachungssystem am Schultor will keiner. Und: Mehr Aufmerksamkeit und mehr Respekt fördern das Schulklima, so lassen sich Risikofaktoren minimieren, dass in der Schule einer durchdreht.


Prompt reagieren

"Kann das bei uns auch passieren? Ich wollte doch noch 18 werden." Mit angstvollen Fragen überschütteten Jugendliche die Sozialarbeiterin Jutta Lohrsträter-Wienker in der Zeit nach dem Amoklauf. Mädchen ängstigten sich vor einem Schüler, der seine Nachmittage mit Killerspielen vor dem Computer verbrachte. "Könnte der Amok laufen?" Die Sorge wurde ausgeräumt. Das Fazit der Schulsozialpädagogin: Probleme müssen sofort behandelt werden. Das schafft Sicherheit und sorgt dafür, dass sich Schüler wohl fühlen. Jutta Lohrsträter-Wienker ist für 2400 Schüler zuständig. Längst nicht in allen Schulen sind Sozialpädagogen tätig.


Aufmerksamkeit

"Normalität" fordert Norbert Jung, Rektor der Helene-Lange-Realschule, im alltäglichen Umgang mit möglicher Gefahr. Aufmerksamkeit, die auf kleinste Veränderungen und Unmut reagiert, versteht er als einen fortwährenden Prozess, dessen Regeln sich alle Beteiligten immer wieder klar machen müssten – nicht nur kurz vor dem zu einem "Angsttag" stilisierten Jahrestag.

Das stört auch Mike Rüb (18). Der Streitschlichter am Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium Heilbronn kritisiert, dass das Thema wie ein Strohfeuer aufflammt und wieder erstickt. Dagegen will Laura Zuric (17), Schülerin am Theodor-Heuss-Gymnasium Heilbronn, am 11. März innehalten: "Eine Schweigeminute wäre schön."


Im Notfall

Was aber hat sich konkret verändert? In seinem Gymnasium hängen Anweisungen, wie man sich bei Brand oder Amok zu verhalten hat, berichtet Mike Rüb. Laura Zuric weiß von solchen Vereinbarungen an ihrer Schule nichts. Rektor Jung sagt, der Krisenplan sei griffbereit. Und der Leiter der Polizeidirektion Roland Eisele zählt auf, was selbstverständlich jeder wissen müsste: nicht fliehen, im Klassenzimmer bleiben, abschließen, sich von der Tür entfernen. Wichtig ist, dass im Notfall der direkte telefonische Draht zur Polizei nicht abbricht und die Helfer so aktuell auf dem Laufenden bleiben.


Sensibler Umgang

"Das ist ein Einzelfall und soll ein Einzelfall bleiben", rückt Jutta Lohrsträter-Wienker die Diskussion über den Amoklauf von Winnenden ins rechte Licht. Sie fordert "auf Dauer Respekt und Achtung beim Umgang miteinander." Roland Eisele nennt diesen bewussten Umgang "ständige Selbstsensibilisierung aller Beteiligten". Mitschüler, Lehrer sollten so früh wie möglich reagieren, wenn jemand merkwürdige Verhaltensweisen zeige.


[Warnsysteme an Schulen]









Autor: ger Datum: 10.03.2010
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