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Hochschulreife? Was ist das Abi noch wert?

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Die können nichts“, behaupten die Hochschulen und richten nicht nur in Mathematik Brückenkurse ein, damit der Start ins Studium gelingt. In Baden-Württemberg ist die Zahl der Abiturienten seit 1970 von 14.120 auf 54.143 im Jahr 2015 hochgeschnellt. 43,6 Prozent des Jahrgangs machten 2015 Abitur. In Hamburg wird inzwischen fast zwei von drei Schulabgängern die Hochschulreife attestiert. Sind die Jugendlichen schlauer geworden? Oder wurden die Anforderungen an die Abiturienten gesenkt, um den Akademikeranteil in der Bevölkerung drastisch nach oben zu schrauben? Am Abitur herumzunörgeln ist leicht, stellt der Direktor des Mönchsee-Gymnasiums Heilbronn, Andreas Meyer, fest und verweist die reflexhafte Kritik, früher sei es schwerer und deshalb besser gewesen, ins Reich der Legenden-Bildung. 

Gut vorbereitet gut zu schaffen

Genug gelernt? Reicht es nicht nur für ordentliche, vielleicht sogar ausgezeichnete Noten im Abitur, sondern auch für ein flottes Durchstarten ins Studium? Pia Neumann (17, Brackenheim) sagt einfach Ja. Sie ist sich sicher, ihr Abitur ist eine gute Basis für alles Weitere. Im Studium lernt man sein Fach, man müsse nicht schon vorher alles wissen, deshalb studiere man doch: Ole Fischer (19, Haberschlacht) ist ganz der Abwäger: "Es kommt weniger auf den Inhalt an als auf die Methoden.“ Wissen wie man seine Zeit einteilt, das sei wichtig. Und Sarah Blatt (18, Hausen) hat beim Studieninfotag in Heidelberg erfahren, dass man, "wenn man Lücken entdeckt“, auch im Studium Stoff nachholen und zum Beispiel mit anderen Studenten lernen kann. Auch Lenia Römer (17, Dürrenzimmern) fühlt sich fit für ein Studium, auch wenn sie wie ihre Abikollegen Pia und Ole vom Zabergäu-Gymnasium Brackenheim erstmal in einen Freiwilligendienst nach Afrika will.

Anspruchsvoller aber nicht schwerer 

Ob ihr Abitur nun leichter ist als das ihrer Vorgänger, können sie nicht beurteilen. Die Formelsammlung ist von "richtig dick auf acht Seiten“ geschrumpft, ob das was heißen will? Sie wundern sich, dass in Baden-Württemberg der grafikfähige Taschenrechner abgeschafft, während er in Nordrhein-Westfalen gerade eingeführt wird. Vielleicht, überlegen sie, ist wegen G8 etwas Wichtiges weggefallen? Sie verweisen auf andere Bundesländer: "Wir haben das anspruchsvollere Abitur“, sagt Ole, was alle sagen, und fügt diplomatisch hinzu: "Aber ich glaube nicht, dass wir besser sind.“

Dass Abiturienten im Vergleich zu früher serienweise gute Noten einheimsen, führen die vier Zabergäuer auf drei Hauptursachen zurück: Bis auf Mathe, Deutsch und eine Fremdsprache können sie ihre Schwerpunkte nach Interessenslage selber setzen. Außerdem seien die Lehrer, seitdem sie in die Kursstufe gehen, zugewandter, offener, auch respektvoller gegenüber ihren Schülern. Kurz: die Kurse sind klein, die Atmosphäre stimmt, das Lernen macht Spaß. Das müsse doch Auswirkungen haben. Der dritte Grund für gute Leistungen sei, dass sie seit Beginn der Kursstufe Abitur machen. Alles zählt, über Seminarkurs und Kommunikationsprüfung (in der Fremdsprache) kann man eine Anforderung nach der anderen abhaken. Die schriftliche Prüfung fällt am Ende weniger ins Gewicht. Deshalb fallen den Erwachsenen bisweilen Abiturienten auf, die alles super gelassen angehen. Pia überschaut die zwei Schuljahre bis zur Übergabe des Abizeugnisse und kommt zu dem Schluss: "Wir sind gut vorbereitet. Alles baut aufeinander auf. Wenn man den Willen hat, bekommt man das gut hin.“

Englisch ist genauso wichtig wie Deutsch

Dass sie seit der Mittelstufe nicht mehr so viele Bücher lesen, geben sie zu, und auch Rechtschreibfehler finden sie in ihren Texten noch immer von Lehrern korrigiert. Aber eine Rechtschreibschwäche würden sie sich doch nicht diagnostizieren.

Stattdessen registrieren sie durchaus Bewunderung von Eltern und anderen Erwachsenen. Englisch sei mehr und schwieriger geworden, das Niveau angestiegen. Ihr sicheres Auftreten – „wir können präsentieren“, sagt Lenia stolz – wird oft gelobt. Und dann gibt es nicht wenige Lehrer, die sie für ihre Mathe-Kenntnisse bewundern: "Ich hatte Mathe abgewählt.“ 

Es ist einfach anders

Ihr Abitur ist gerademal 15 Jahre her. Aber offen gestanden: Ohne Vorbereitung würden sie und ihre Mitschüler von damals das Abitur heute nicht bestehen. Umgekehrt gilt dasselbe, sagt Silke Schröder (34, Abitur 2002), Französisch- und Spanischlehrerin am Mönchsee-Gymnasium Heilbronn (MSG): "Meine Schüler würden mein Abitur nicht schaffen.“ Mit den stereotypen Kategorien "schwieriger“ oder "leichter“ als früher sei dem ewigen Vorwurf nicht beizukommen, das Abitur sei auch nicht mehr das, was es einmal war. Silke Schröder sagt einfach: "Es ist anders.“

Dem pflichtet auch MSG-Direktor und Mathematiklehrer Andreas Meyer (64) bei, der 1971 lange vor der ersten Oberstufenreform sein Abitur machte, mit Hauptfächern, die heute kein Mensch mehr freiwillig wählen würde, mit Mathematik, Physik, Deutsch und Latein: "Ich würde es nicht schwerer nennen.“

Das gelernte anwenden können

Der Stoff ist anders, neu ist der Anwendungsbezug, Kompetenzen werden eingeübt, enzyklopädisches Wissen ist nicht mehr gefragt. Früher hatte ein Abiturient in Mathematik keine Ahnung von ökologischen Wachstumsprozessen und wirtschaftlichen Zusammenhängen, berichtet Meyer. Heute weiß er, sein mathematische Wissen auf solche Fragestellungen anzuwenden. Dass dafür in der Mittelstufe "hartes Training – Gleichungen lösen, Terme umformen“ – reduziert wurde, verheimlicht Meyer nicht. Doch erinnert er daran, dass nach dem Pisa-Schock in der Mathematik konsequenter Anwendungsbezug eingefordert wurde. Die Schüler sollten lernen, wofür sie Mathematik brauchen.

Auch die Dauerkritik mangelnder Rechtschreibung und Lesekompetenz lassen die MSG-Lehrer nicht einfach an sich abprallen. "Orthographie und Syntax wurden früher mit Akribie geübt“, erinnert sich Meyer. Und Axel Grau (48, Abitur 1988), Geschichte-, Gemeinschaftskunde-, Ethik-, Philosophie- und Wirtschaftslehrer, beobachtet Veränderungen im Leseverhalten mit Sorge. Die Schüler hätten mehr Mühe, wissenschaftliche Texte zu verstehen. Nicht selten sei gegen einen von WhatsApp geprägten "Formulierungs-slang“ anzukämpfen. Grau ist selbstkritisch: "Wir sollten manches verbindlicher einfordern.“ Unterdessen jubelt Silke Schröder über die Befreiung der Schüler von allzu viel Schriftlichkeit und Pflichtlektüre im Fremdsprachenunterricht. Sie lernen reden, sie diskutieren, sie werden eloquent. Die Kommunikationskompetenz ist wichtiger als der perfekte Einsatz des Accent circonflexe. Vorbei die Zeit, da man einen Roman von Maupassant lesen konnte, aber im Frankreichurlaub kein dreigängiges Menü bestellen konnte. 

Andere Ansichtsweisen bei Schülern und Lehrern

Die MSG-Lehrer freut die höhere Bildungsbeteiligung. Die Steigerung der Abiturientenzahl führen sie auf die vielen neuen Wege zum Abitur zurück. Die Selektion sei nicht mehr so streng wie in den 70er Jahren. Für die guten Noten haben sie eine gute Begründung: Die Haltung der Lehrer hat sich geändert. Axel Grau weiß noch: "15 Punkte waren so gut wie nicht erreichbar. Da müsst ihr so gut sein wie ich“, sagte sein Lehrer. Heute hätten Lehrer keine überzogenen Erwartungen an die Note 1. "Sie sind nicht gnädiger, sie sind realistischer geworden“, sagt Meyer.

Er freut sich schon auf die Zeugnisübergabe. Glück und Stolz ist den Abiturienten ins Gesicht gemalt. Andreas Meyer schaut beim Händedruck jedem Reifegeprüften in die Augen. Nicht selten erntet er ein dankbares Kopfnicken wie THG-Direktor Karl Epting 1962: Damals war’s ein tiefer Diener.

 

 

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