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Tanzen wie das Wasser

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Den Körper als autonomes Ausdrucksmittel begreifen, Tanz als nonverbale, universale Sprache nutzen, um sich zu emanzipieren in einer fremden Umgebung: Kadir Memis hat das auf der Straße gelernt in Kreuzberg. 1974 in der Türkei geboren, aufgewachsen in Berlin, gibt der Breakdance-Weltmeister heute seine Erfahrung weiter und sucht im zeitgenössischen Tanz und in genreübergreifenden Bühnenstücken nach neuen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten.

Deutschkurs und Tanzprobe

Auf Einladung des Heilbronner Theaters entwickelt Memis ein Stück für das Festival "Tanz! Heilbronn“: mit zehn nicht-professionellen Tänzern im Alter von 15 bis 17 Jahren. Sie heißen Mohammed, Emad, Adama, Achmad, Sami, Ali, Lawnd und Mahammad, kommen aus Syrien, Afghanistan und Guinea und leben in Heilbronn, Neuenstadt und Kirchheim. Über 40 junge Männer hatten sich im März auf den Aufruf des Theaters hin gemeldet, viele auf Anregung ihrer Lehrer und Betreuer. Nach dem ersten Probenwochenende hat sich die Truppe herausgebildet, die engagiert an dem Projekt arbeitet – und sich einen Bühnenauftritt beim Festival zutraut: junge Männer, die morgens Deutsch lernen und in die Schule gehen und die letzten Wochen nun täglich von 14 bis 20 Uhr in einem Probenraum im Keller des Theaters ein Konzept entwickeln.

Amigo, wie sie Memis bei seinem Künstlernamen nennen, macht klare Ansagen und lässt an der Ernsthaftigkeit und Professionalität der ganzen Sache keinen Zweifel. "Nicht lächeln, geradeaus sehen“, dirigiert er. "Be water, my friend“ lautet der Stücktitel, nach einer Maxime des Kampfkünstlers Bruce Lee: Sei wie das Wasser, mein Freund. Leere deinen Geist, sei formlos, formlos wie Wasser, wenn du Wasser in die Tasse gießt, nimmt es die Form der Tasse an, aber Wasser kann auch fließen und zerstören.

Ausdrucksstarke Choreographie

Wasser als Metapher, als Notwendigkeit zum Überleben, als weiches, aber auch hartes Element zieht sich als roter Faden durch Hip-Hop-Moves und Bruchstücke traditioneller Tänze. Existenzielle Bewegungsmuster wie am Boden kauern, loslaufen markieren Warten und Ausbrechen. Doch geht es nicht darum, persönliche Fluchtschicksale künstlerisch zu stilisieren, erklärt Andrea Böge. Die Tanzpädagogin aus Heidelberg arbeitet seit zehn Jahren mit Amigo und assistiert ihm auch bei seinem jüngsten Stück in Heilbronn, unterstützt von Tunaj Abedinov aus Eppingen. Abedinov tanzt von Kindesbeinen an, er möchte das Projekt nach dem Auftritt hier weiterführen.

Mohammed Al Hmad hat mit seinem Vater schon in Damaskus getanzt, für Sami Ferho, seinen kurdischen Landsmann, ist es eine völlig neue Erfahrung, neben dem Hauptschulabschluss, der ihn fordert. Etwas nervös ist Sami vor dem Auftritt kommenden Donnerstag. Das gerade aber ist der Kick, der selbstbewusst macht. Ali Habibi aus Afghanistan erklärt, was ihm an der Wasser-Metapher so gefällt, Achmad Diallo aus Guinea, warum er tanzen als Chance begreift. Jetzt am Wochenende proben sie mit dem Live-Musiker Milian Vogel, folgen Durchläufe auf der Bühne im Komödienhaus, Haupt- und Generalprobe – und schließlich die Vorstellung.

 

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