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"Deutschland spielt in der Kreisliga"

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Verspätungen, Zugausfälle, zu wenig Informationen: Viele Pendler und Schüler sind mit dem Öffentlichen Nahverkehr in der Region Heilbronn unzufrieden. Die Regionalgruppe des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) beobachtet die Entwicklung genau. Hans-Martin-Sauter aus dem Vorstand berichtet im Stimme-Interview von großem Unmut unter den Fahrgästen. Der ehemalige Eisenbahner sieht außerdem großen Investitionsbedarf.

Herr Sauter, fahren Sie noch gerne mit der Bahn?

Hans-Martin Sauter: Nein, meine Erfahrungen im Nah- und Fernverkehr in den letzten Jahren sind überwiegend schlecht - zumal ich ehemaliger Eisenbahner bin. Verspätungen, Zugausfälle, mangelnder Informationsservice: Es gibt viele Kritikpunkte. Ich fahre wahnsinnig gerne Zug. In der Schweiz, im Urlaub. Aber nicht in Deutschland, nicht in der Region Heilbronn. Da spielt Deutschland in der Kreisliga.

Die Alternative Auto macht in der staugeplagten Region aber auch wenig Spaß.

Sauter: Das stimmt. A 6 und A 81 sind desolat. Man darf gar nicht an die verschwendete Lebenszeit denken. Ich fahre grundsätzlich früher los, nehme grundsätzlich einen Zug früher.

Was machen die Japaner besser? Dort sind mehr als 99 Prozent der Züge richtig pünktlich.

Sauter: Dort gibt es einerseits extrem hohe Ansprüche an das System. Anderseits stimmen Infrastruktur, Wagenmaterial und Personalausstattung. Mit der Privatisierung der Bahn wurde das in Deutschland 1990/91 kaputt gemacht. Wir haben heute sehr komplizierte Abläufe. Ein Beispiel: Wenn in Bad Friedrichshall-Jagstfeld Kinder auf den Schienen spielen, aber keine unmittelbare Gefahr in Verzug ist, muss der Fahrdienstleiter von DB Netz in Mannheim bei DB Station und Service anrufen, dass von dort aus eine Durchsage gemacht wird. Früher lief das alles einfacher.

Auf den Stadtbahnstrecken gibt es immer wieder Zugausfälle und Verspätungen. Wo ist es am schlimmsten?

Sauter: Das ist unterschiedlich. In letzter Zeit war besonders die S4 (Eppingen-Öhringen) betroffen. Dort sind viele DB-Lokführer im Einsatz, die sich verhältnismäßig oft krank melden. Richtung Öhringen gibt es viel Unmut.

Erreichen Sie viele Reaktionen?

Sauter: Ja. Vor allem auf dem Web-Blog äußern sich viele frustrierte Pendler. Auf der Nordstrecke funktioniert es derzeit ein bisschen besser. Dort entstehen es immer wieder Probleme, weil es zum Beispiel in Richtung Sinsheim zu wenig Kreuzungsmöglichkeiten gibt.

Zum Fahrplanwechsel im Dezember wurden einige Verbesserungen umgesetzt. Zufrieden?

Sauter: Die bessere Anbindung von Audi zum Schichtwesel ist eine wertvolle Verbesserung. Grundsätzlich begrüßen wir alles, was an Mehrverkehr auf die Schiene kommt. Genau das fordern wir ja seit Jahren. Was in vielen Bereichen fehlt ist ein verlässlicher Takt. Wenn ich zum Beispiel in Bad Wimpfen wohne, muss ich jedes Mal nachschauen, wann die Züge abfahren.

Auf den Straßen überall Stau: Jetzt wäre doch die ideale Zeit, Neukunden für den Nahverkehr zu gewinnen.

Sauter: Absolut. Jetzt müsste der ÖPNV ausgebaut werden. Die Chancen wären bestens. Aber dafür bräuchte man Geld, Fahrzeuge und vor allem Personal.

Wie sehen Sie die Situation auf der Frankenbahnstrecke?

Sauter: Wir stellen regelmäßig fest, dass es zu Verspätungen oder kompletten Zugausfällen kommt. Wenn beispielsweise eine Regionalbahn aus Osterburken ausfällt, betrifft das oft den ganzen Tag - weil es an Ersatz für den Lokführer fehlt, der die Strecke ein paar Mal gefahren wäre. Eine gewisse Entspannung ist eingetreten, nachdem der neue Bahnsteig in Möckmühl-Züttlingen in Betrieb genommen werden konnte. Damit ist die Ursache für einige Verspätungen weggefallen.

Wie sieht es mit dem Wagenmaterial aus?

Sauter: Das ist ein ganz großes Ärgernis. Auf der Frankenbahn ist Wagenmaterial unterwegs, das in ganz Deutschland eingesammelt worden ist. Häufig passen Lok- und Wagenelektronik gar nicht zusammen. Viele Fahrzeuge können hier gar nicht mehr gewartet werden, dies muss meist in Ulm geschehen. Zum Teil werden neue Triebwagen getestet, die dann oft ausfallen. Bis 2019 müssen wir aber leider mit dem antiquierten Material zurechtkommen.

Sie haben das Problem schon angesprochen: Die DB Regio hat die Ausschreibung für die Neckartal- und Frankenbahnstrecke verloren. Viele Lokführer verlassen das Unternehmen. Was ist zu tun?

Sauter: Die meisten Lokführer sind auf dem Absprung, sie sind deutschlandweit begehrt.

Sind die Privaten unattraktivere Arbeitgeber?

Sauter: Das würde ich so nicht sagen, auch Abellio und GoAhead müssen nach Tarif bezahlen. Manche Lokführer fühlen sich aber verunsichert, weil sie nicht wissen, ob es die Unternehmen in ein paar Jahren noch gibt. Bei der Deutschen Bahn gibt es eine Arbeitsplatzgarantie. Dazu kommt, dass freigewordene Stellen mit Personal aus Regionen besetzt worden sind, wo viele Strecken stillgelegt worden sind: Sachsen, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern. Und diese Leute haben natürlich keine tiefere Verbindung zur Region Heilbronn. Und: Die Bezahlung ist mit Blick auf Anforderungen und Verantwortung miserabel. Im Ausland werden Lokführer dringend gesucht und viel besser bezahlt.

Stadtbahnbetreiber AVG bildet verstärkt aus.

Sauter: Stimmt. Was ich aber höre ist: Man ist froh, wenn am Ende eines Kurses die Meisten der Teilnehmer die Prüfung bestehen.

Ist die Ausschreibung zum Nahverkehr des Landes Segen und Fluch zugleich? Einerseits konnten für das selbe Geld mehr Kilometer bestellt werden. Anderseits stehen die Betreiber unter finanziellen Druck.

Sauter: Das ist so. Auch das Einteilen in Lose hat Konsequenzen. Viel Flexibilität geht verloren. Es wird sehr kompliziert, wenn Fahrzeuge im Geltungsbereich anderer Lose unterwegs sein sollen. Ein in Lauda zur Verfügung stehender Zug der Westfranken Bahn kann dann nicht mehr einfach Schüler nach Möckmühl befördern.

Ab 2019 bedienen Abellio und GoAhead die Neckartal- und Frankenbahnstrecke. Erwarten Sie Verbesserungen?

Sauter: Was das Fahrzeugmaterial angeht auf jeden Fall. Aber auch Abellio und GoAhead werden mit der völlig veralteten Infrastruktur zurechtkommen müssen. Das große Stellwerksystem in Bad Friedrichshall-Jagstfeld wurde 1959 gebaut. Sie können nicht mehr viel umbauen. Es ist signaltechnisch nicht möglich, Züge, die aus unterschiedlichen Richtungen kommen, zusammenzubinden und nach Heilbronn fahren zu lassen. Obwohl das Lokführer und Trassengebühren sparen würde. Insgesamt muss man sagen: Es fehlt ein Konzept für die Zukunft. DB-Netz baut immer das aus, was für den nächsten Fahrplan notwendig ist. Ansetzen muss man auch am eingleisigen Abschnitt auf der Frankenbahnstrecke.

Ein Gutachten sagt aber, dass das nicht der limitierende Faktor ist.

Sauter: Ja, weil das Gutachten davon ausgeht, dass die Züge pünktlich sind. Kommt es zu Verspätungen, funktioniert das System nicht mehr.

Zur Person

Hans-Martin Sauter ist Vorstandssprecher des VCD Hall-Heilbronn-Hohenlohe. Der 61-jährige Neuenstadter ist gelernter Eisenbahner, arbeitet inzwischen aber als Kirchenmusidirektor beim Landesjugendwerk in Stuttgart-Vaihingen. Der VCD hat landesweit 13 000 Mitglieder und setzt sich für Verbesserungen im Nahverkehr ein.

 

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