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Zwei Gesichter Boliviens

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¡Buenos días mis amigos! Die letzten fünf Tage haben wir eher gezwungenermaßen als geplant noch in Bolivien verbracht. Aufgrund vieler Horrorgeschichten im Sinne von Ausraubung, Vergewaltigung, Mord und Kriminalität im Allgemeinen, die wir über Bolivien gehört hatten, wollte ich zumindest nach der Uyuni-Tour so schnell wie möglich wieder aus diesem Land raus.

Abgeschreckt

Dies erwies sich allerdings schwerer als gedacht, da reinkommen um einiges leichter ist als rauskommen. So kam es dann, dass wir von Uyuni aus in noch drei weitere bolivianische Städte fahren mussten, um nach Brasilien (anstatt wie geplant nach Paraguay) zu kommen. Und ehrlich gesagt bin ich absolut froh, dass es eben so gekommen ist, denn dadurch hat sich mein Bild von Bolivien um 180 Grad gedreht.

Zugegeben, in Uyuni angekommen hatte ich erstmal einen ziemlichen Schock, da mich gerade die Vororte doch sehr an Dritte-Welt-Zustände erinnert haben und ich plötzlich auch wieder alle Warnungen meiner Mutter im Ohr hatte. Im Stadtzentrum war es dann schon wieder um einiges besser, das mulmige Gefühl blieb jedoch. Demzufolge habe ich auch darauf bestanden, dass wir noch am selben Abend weiterfuhren, da ich nicht mal eine einzige Nacht in dieser Stadt bleiben wollte. 

Holprige Busfahrt

Da es von Uyuni aus keine Busse nach Paraguay gab, fuhren wir zwangsweise zuerst nach Sucre, in die Hauptstadt Boliviens, da wir uns dort mehr Glück erhofften. Mit der Busfahrt wurde es allerdings auch nicht wirklich besser - eher schlimmer. Glücklicherweise konnten wir die Bolivien-Experience, mit dem Bus irgendwo im Nirgendwo liegen zu bleiben, vermeiden, auch wenn es sich die komplette Fahrt über anhörte, als wären wir nur noch einen unglücklichen Stein davon entfernt.

Außerdem war unser Fenster undicht und es hat gezogen, was bei den bolivianischen nächtlichen Temperaturen fatal war. Ich bin immer noch sehr froh, dass ich vor Beginn der Busfahrt noch daran gedacht hatte meine Ski-Jacke und Ski-Stiefel aus dem Rucksack zu holen, ansonsten wäre das nämlich eine achtstündige Zitterpartie geworden. Auch Toiletten konnte man lange suchen. Auf meine Frage hin, ob es denn Toilettenpausen gäbe, haben wir am Straßenrand gehalten. Das war aber eigentlich alles halb so wild.

Was mich wirklich schockiert hatte, war die Tatsache, dass einige Sitzplätze in diesem Langstreckenbus doppelt besetzt wurden, sodass die Personen, die "zu spät“ kamen, die folgenden acht Stunden Fahrt stehen durften, bis irgendwann ein Platz frei wurde. Da waren wir auf einmal sehr dankbar, dass wir unsere deutsche Pünktlichkeit noch nicht ganz verloren hatten.

Weiße Stadt

In Sucre angekommen sah die Welt dann aber schon wieder ganz anders aus. Ich würde ja sagen, sie wirkte wieder viel "bunter“ - viel "weißer“ würde es allerdings um einiges besser treffen. Praktisch die gesamte Stadt hatte nämlich weiß gestrichene Hauswände. Deswegen ist Sucre auch als "die weiße Stadt“ bekannt, wofür sie im Jahr 1991 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Sucre ist in meinen Augen eine unglaublich schöne und unterschätzte Stadt, in welcher ich mich zu 100 Prozent sicher und wohl gefühlt hatte. Hier musste ich mich regelmäßig selbst daran erinnern, dass ich mich immer noch in Bolivien und nicht irgendwo in Europa befinde.

Es gibt sehr viele schöne Gebäude, wie Kirchen und Theater - natürlich hauptsächlich in weiß gehalten - die man betrachten konnte, und tolle Aussichtsplattformen. Außerdem gab es viele kleine Stände und einen süßen, kleinen Stadtmarkt, in dem man lokale Köstlichkeiten zu einem Spottpreis probieren konnte. Man bekommt in Bolivien für umgerechnet 1,30 Euro ein komplettes Mittagessen und wer denkt, dafür würde man dann im Geschmack einbüßen, der irrt sich. Ich habe in meinem Leben noch nie ein so leckeres Hühnchen gegessen, wie hier in Bolivien.

Folklore Dinnershow

Auch die gesamte Kultur, Tradition und Geschichte Boliviens fand ich über allen Maßen interessant, mit den verschiedenen Sorten von indigenen Völkern und ihrem Glauben. Habt ihr gewusst, dass in Bolivien neben spanisch noch 36 indigene Sprachen als Amtssprachen anerkannt sind? Darüber hinaus sind wir noch zu einer Folklore Dinnershow gegangen, bei welcher zwei Stunden lang zu bolivianischen Klängen traditionelle Tänze vorgeführt wurden.

Es war ein wundervolles Farbenspiel mit verschiedensten Kostümen, in welchen die Tänzer pure Lebensfreude ausstrahlten. Gegen Ende wurden wir selbst noch von den Tänzern aufgefordert und auf die Bühne gezogen. Ich habe schon lange nicht mehr so einen Spaß gehabt und dieser Abend zählt nach dem Tango-Abend in Argentinien wahrlich zu meinen Favoriten in ganz Südamerika. Ich hätte echt niemals gedacht, dass ich das mal über Bolivien sagen könnte.

Vorurteile?

Nur eine Sache fehlte auch hier in Sucre: Busverbindungen ins Ausland. Da die Hauptstadt allerdings auch nur 300 000 Einwohner zählt, hätten wir das bereits ahnen können. Also ging es weiter nach Santa Cruz, wo wir allerdings nur einen Tag verbrachten, bis wir wieder weiterfuhren. In Santa Cruz bekamen wir dasselbe Bild zu sehen wie in Sucre: Eine absolut gepflegte und schöne Stadt, die wahres Potenzial hat.

Spätestens hier war uns klar, wie sehr Bolivien eigentlich in den Dreck gezogen wurde. Es stimmt, da sind ein paar unschöne Ecken, und auch die Kriminalität darf man nicht unterschätzen, denn Bolivien ist für südamerikanische Verhältnisse ein doch sehr armes Land, aber das gilt überall und Vorsicht ist geboten. Schaut man sich aber genauer an, wo es hingeht und informiert sich im Voraus darüber, kann man auch die schöne und lebensfrohe Seite von Bolivien entdecken. Auch die gesamten letzten Busfahrten haben wir unter einwandfreien Umständen genießen können, in welchen die bolivianischen Langstreckenbusse den argentinischen in nichts nachstehen.

Planänderung

Man muss eben einfach ein bisschen genauer hinschauen, was man bucht, dann kann man auch die schönen Seiten von Boliviens wirklich genießen und glaubt mir: Die sind es wert! Ich finde es immer noch sehr schade, dass man gerade von diesen Seiten so wenig zu hören bekommt, dafür von den "Worst-Case-Szenarien" umso mehr. Am besten sollte man aber einfach mal selbst hingehen und sich ein eigenes Bild davon machen. Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich diese Chance bekommen habe.

Einen letzten Zwischenstopp machten wir in Puerto Quijaro, wo wir die bolivianisch-brasilianische Grenze überschritten. Auch hier fiel wieder auf, dass es um einiges leichter ist in Bolivien rein zukommen, als wieder raus: Es hat nämlich ewig gedauert. Von unserem ursprünglichen Paraguay-Plan sind wir aufgrund der Qualität der Busverbindungen abgewichen. An sich wäre ich sehr gerne nach Paraguay gefahren, um mir auch hier ein Bild davon zu machen, ob das Land genauso unterschätzt ist wie Bolivien oder ob es den Erzählungen entspricht. Dies werde ich in ein paar Jahren auf jeden Fall nachholen. Jetzt freue ich mich aber erstmal auf Brasilien, und zu sehen, was ich hier noch alles erleben werde.

Con todo mi amor,

Alina

 

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