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Ein guter Anfang

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Es ist der 2. Januar 2019, ich sitze im Zug in Richtung Berlin. Ausgeschlafen ist anders, eben noch bei der Silvesterparty, jetzt auf Reisen. Morgen, am 3. Januar erkläre ich meine "Vorsprechsaison“ für eröffnet.

Horrorgeschichten

Die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch ist die erste Schule an die ich dieses Jahr fahre. Kaum eine Schauspielschule in Deutschland ist mit so vielen Vorurteilen belegt wie "die Busch“. Es kursieren Horrorgeschichten, die wie Sagen weitergegeben werden, und es bleibt die Frage, wann und an welcher Stelle sie so ausgeschmückt werden, dass sie wie filmreife Szenen klingen. Folgendes habe ich mir von einem Mitvorsprechenden letztes Jahr erzählen lassen:

Auf der Probebühne. Eine Kommission aus drei Dozenten. Eine Rolle wird gezeigt.

Dozent: "Schau mal, da unten aus dem Fenster, was siehst du da?“

Bewerber: "Eine Baustelle.“

Dozent: "Und was noch?“

Bewerber: "Naja… Drei Bauarbeiter.“

Dozent: "Schau, da unten, zu denen gehörst du. Nicht auf die Bühne.“

Ein gemütlicher Abend

So klingen Mutmacher! Was ist dran, an diesen Erzählungen über "die Busch“? Die sechs Stunden Zugfahrt habe ich Zeit mir Gedanken darüber zu machen, was kommt. Dazwischen mischen sich Schauer von Nervosität, hauptsächlich aber Freude, mir endlich mein eigenes Bild zu machen. Um sechs Uhr morgens fahre ich los, um drei Uhr nachmittags komme ich an.

Mit der Unterkunft habe ich Glück, ich kann bei einer Freundin unterkommen. Wir kochen zusammen, machen uns einen gemütlichen Abend, um den Kopf frei zu bekommen. Die Nacht ist wenig erholsam: In Etappen von zwei Stunden wache ich auf, aus Sorge, beim ersten Vorsprechen den Wecker zu überhören …

Typische Kennzeichen

So bin ich vor der Zeit wach, trinke noch einen Ingwertee (mit frischem Ingwer, der ist gut für die Stimme) und mache mich um acht Uhr auf den Weg zur Hochschule. Unterwegs in der U-Bahn lasse ich meinen Blick schweifen, erspähe den ein oder anderen Mitreisenden, der verdächtig nach Vorsprechen aussieht …

Kennzeichen hierfür sind ein voll bepackter Rucksack, aus dem nach Möglichkeit Requisiten herausragen (Besenstiel zum Beispiel). Ein lässiges Outfit, um schon für das Warm-Up fertig umgezogen zu sein. Eindeutig wird es dann, wenn ein Requisit mitgetragen wird, ein Stuhl zum Beispiel (als gäbe es an den Schulen nicht genügend) oder – über den Besenstiel im Rucksack hinaus – ein ganzer Besen.

Tatsächlich, am Ausstieg "Naturkundemuseum“ treffe ich eine Mitvorsprechende und bin froh, dass wir gemeinsam den Weg zur Schule suchen können, in die Zinnowitzer Straße. Die Umgebung erinnert eher an Industriegebiet, als an pulsierende Großstadt.

Entspannte Atmosphäre

Hier stehen wir also, vor der "Busch“, diesem riesigen holzverkleideten Klotz. Das Gebäude zu sehen, fühlt sich so ähnlich an, wie das erste Mal das Gesicht eines viel gehörten Radiosprechers zu sehen. "Die Busch“ bekommt ein Gesicht.

Gleich am Eingang sind Schilder aufgehängt, "Vorprüfung Schauspiel“, an der Rezeption liegt eine Liste aus, in die man sich einträgt und so in eine Kommission eingeteilt wird. Zwei Mitarbeiterinnen heißen uns "herzlich willkommen an der Busch“. Ihre gute Laune wirkt Wunder, so tritt Vorfreude an die Stelle von Anspannung.

Die Atmosphäre im Gebäude ist entspannt, an den Wänden hängen Bilder der Studierenden, Sprüche aus dem Theaterleben schmücken die Wände. "Fickt die Bühne so richtig hart“, steht da, deklariert als Zitat von Shakespeare. Hier lässt es sich spielen!

Nach und nach füllt sich der Raum 43, der Raum, in dem ich später spielen werde. Zwei Dozentinnen bilden die Kommission, unsere Gruppe besteht aus 16 Bewerbern, acht Frauen, acht Männer. Hier wird es so gehandhabt, dass alle einander beim Spielen zusehen. Persönlich finde ich es schön, zu beobachten, wie die anderen ihre Figuren umsetzen. Nicht allen geht es so, viele fühlen sich abgelenkt und vermissen die Gelegenheit, sich vor ihrem Auftritt noch einmal auf sich selbst zu konzentrieren.

Die liebste Rolle

Mit einer Vorstellungsrunde geht es los, Name, Alter, Rollen. Dann darf jeder seine erste Rolle spielen, die, die ihm am liebsten ist. Angenehm ist, dass wir im ersten Durchlauf ausspielen dürfen. Das ist nicht selbstverständlich, im Gegenteil, meist unterbrechen die Dozenten, wenn sie der Meinung sind, "genug gesehen“ zu haben. Das kann nach der Hälfte des Textes sein, manchmal auch schon nach den ersten drei Sätzen.

Ich habe Glück, darf auch meine zweite Rolle bis zum Ende ausspielen, die meisten aber werden – tatsächlich – vorher unterbrochen.

Nachdem alle vorbereiteten Rollen gezeigt sind, ziehen sich die Dozentinnen zur Beratung zurück. Vor der Tür beginnen unter den Bewerbern die Beratschlagungen, wer weiter sein könnte. Was hat es zu bedeuten, wenn die Dozenten viele Notizen machen? Zwischendurch tuscheln? Frühzeitig unterbrechen?

Nicht selbstverständlich

Das deuten zu wollen, lasse ich beiseite. Letztendlich kann alles alles bedeuten: Unterbrechen sie nach zwei Sätzen, sind sie vielleicht nach diesen zwei Sätzen überzeugt – und haben genug gesehen. Unterbrochen zu werden ist also nicht unbedingt etwas Schlechtes. Es ist an diesem Tag für viele das erste Vorsprechen, und so zerbrechen sich einige lautstark den Kopf. Inmitten dieser Deutungsversuche mischt sich dann die Stimme der Dozentin, die einen der Bewerber noch einmal hereinbittet.

Vorbereiten sollten wir auch ein Lied, das die Kommission von Einzelnen hören möchte. Wieder brechen Diskussionen darüber los, was das wohl zu bedeuten hat. Drei Männer und ich werden zum Singen hereingebeten. "Sind alle, die singen dürfen, weiter?“

In einem persönlichen Gespräch bekommen alle ein Feedback. Das ist toll, aber nicht selbstverständlich. Es ist schön, das Gefühl zu bekommen, die Prüfer nehmen sich für jeden Einzelnen Zeit. Ich habe mir angewöhnt, in einem Notizheft alle kritischen Ratschläge zu notieren, um sie jederzeit noch einmal überfliegen zu können.

Eine Runde weiter

Als feststeht, wer weiter ist, ist doch was Wahres dran: Alle, die singen durften, haben es eine Runde weiter geschafft. Zu viert sind wir. Mein Auswahlgespräch fällt gut aus, die zwei Dozentinnen geben mir "Futter“, wie ich die Rollen noch verändern kann. Da heißt es zum Beispiel, mir die Situation der Rolle zu vergegenwärtigen, oder die fiese Seite der Figur herauszuarbeiten.

Als Hausaufgabe bekomme ich eine neue Rolle zugeteilt, die ich mir bis Februar erarbeiten soll. Von Gerhart Hauptmanns "Die Ratten“ ist es Pauline Piperkarcka, ein Dienstmädchen. "Zeigen Sie Ihre Kraft“, macht mir die Dozentin Mut.

Denke ich zurück an die Zugfahrt und an all die "schlimmen“ Erzählungen über "die Busch“, muss ich feststellen: Meine Erfahrung heute kommt keinem dieser Schaudermärchen gleich. Im Gegenteil, ich habe mich sehr wohl gefühlt an dieser Schule, hatte das Gefühl, die Dozenten haben Lust, interessieren sich für den Nachwuchs. Es ist eben doch am besten, sich sein eigenes Bild zu machen!

In diesem Sinne: Bis Februar, Berlin! Mit viel Kraft.

 

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