Stimmt.de

Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Unpersönliches München

Übersicht

München, der 15.01.2019. Kurz nach sieben Uhr morgens, es ist noch dunkel, die Straßen sind leer. Ich bin auf dem Weg zum Vorsprechen an der Otto-Falckenberg-Schule, Beginn ist um acht Uhr. Vom Marienplatz aus sind es laut Google Maps zehn Minuten Fußweg. Unterwegs zur Probebühne mache ich kurz Halt an der Frauenkirche, eines der Wahrzeichen Münchens. Als würde dieses erhabene Gebäude mir "toi, toi, toi“ zuhauchen, in die morgendliche Dämmerung.

Eine der Ersten

Die Route führt vorbei an den Münchner Kammerspielen. Ein hoch gelobtes Haus – ein bisschen enttäuscht bin ich von dem nackten, grauen Bau. Immerhin habe ich jetzt mal das Kammertheater von außen gesehen …

An der Probebühne bin ich eine der Ersten, die zum Vorsprechen da sind. Fast hätte ich den Eingang übersehen, versteckt im Hinterhof, einzig ein laminiertes Schild "Vorprüfung Schauspiel“ weist den Weg. Ob es den anderen auch so geht, und ich deshalb eine der ersten bin?

Nach und nach trudeln die insgesamt 40 Teilnehmer der Vormittagsrunde ein, machen es sich im Aufenthaltsraum gemütlich; sortieren ihre Kostüme oder holen ihr Frühstück nach. Der Ablauf ist eng getaktet, Studierende des ersten Jahres teilen die "Rollenzettel“ aus, Zettel, in die jeder seine drei Monologe mit Titel, Autor und Rolle einträgt und sie der Kommission vorlegt. Drei Kommissionen gibt es.

Wach werden

Ich komme mit Pia aus Ulm ins Gespräch, sie interessiert sich für meine Rollenauswahl. "Falk Richter? Oh, muss ich mir gleich aufschreiben, ich bin ja immer an neuen Stücken und Autoren interessiert!“, sagt sie hastig, sie scheint sehr aufgeregt zu sein. Sie zeigt mir ihre Rollen, an zweiter Stelle steht da Gräfin Orsina, aus Emilia Galotti von Schiller. "Schiller? Lessing!“, lieber sage ich es ihr gleich, bevor es zu spät ist und sie mit Schillers Emilia Galotti – die es nicht gibt – vor die Kommission tritt. Sie bedankt sich überschwänglich, kann ja mal passieren, sie kann darüber lachen.

"Alle bereit machen zum Warm-Up, bitte“, bieten die Studierenden an. Das ist toll, um wach zu werden an diesem Morgen, wo draußen der Schnee liegt und es gefühlt gar nicht richtig hell wird.

Es sind die gewohnten Übungen, wir klopfen unsere Körper ab, summen uns ein, um die Stimme zu wecken. Zum Schluss, das ist ein wirklicher Energiegeber, stellen wir uns vor, wir würden im Goldstaub tanzen, der an uns kleben bleibt. "Jetzt streicht alles ab, alle Zweifel, alle blöden Gedanken, was haften bleibt ist der Goldstaub“. Zum Schluss wird die Musik aufgedreht, spätestens jetzt sind alle wach, tanzen wild, die große Vorsprechparty beginnt.

Große Anspannung

"Bei uns in München gibt’s in der ersten Runde kein Feedback“, begrüßt uns der Schulleiter kühl. Na gut, hätten wir das auch geklärt.

Im Aufenthaltsraum steigt die Anspannung. Um 11.30 Uhr trete ich vor die Kommission, es sind zwei Männer, eine Frau, zwei Schauspielstudierende.

Die erste Rolle darf ich frei wählen, ich entscheide mich für meinen modernen Monolog aus "Alles. In einer Nacht“ von Falk Richter. "Dann hätten wir gerne noch den Puck angespielt, und die Marion“. Kurz verschwinde ich hinter der Stellwand, ins Kostüm für die nächste Rolle. Auch ein Lied wollen sie hören, und dann ist es auch schon wieder vorbei.

Im Aufenthaltsraum schnappe ich Gesprächsfetzen auf, es wird wild spekuliert: "Echt, sie wollten deinen selbstgeschriebenen Monolog hören?“ – "Ja, war aber nur so mittel. Irgendwie war ich nicht drin.“ – "Immerhin wollten sie ihn hören, das ist doch ein gutes Zeichen...!“

Versehentliche Verwechslung

Es sind diese Vielleichts, etwaige Vermutungen, die kursieren – letztendlich weiß nur die Kommission über die Zusammenhänge. Oder auch Nicht-Zusammenhänge?!

Eine Studierende eilt in den Raum, ruft einen Namen, ich verstehe sie akustisch nicht. Nachdem niemand reagiert, kommt sie zielstrebig auf mich zu, "sie wollen dich nochmal sehen!“ Vielleicht darf ich noch etwas zeigen! Pustekuchen, im Raum angekommen starrt mich die Kommission mit fragenden Augen an: "Nula?“ – "Nein, ich bin Leah…“ – "Wir brauchen Nula…“

Die Studierende entschuldigt sich mehrfach, es tut ihr sichtlich leid, mich versehentlich aufgerufen zu haben. Ein bisschen komisch ist es, aber nicht weiter schlimm.

Freudiges Wiedersehen

Gegen zwölf Uhr ist die erste Kommission erlöst, "aber vergesst nicht, euch die Nummer abzufotografieren, unter der ihr morgen das Ergebnis erfahrt.“ Ja, so handhabt das die Otto-Falckenberg-Schule – eine Nummer, eine Art Hotline, unter der man erfährt ob weiter, oder nicht weiter. Unpersönlich, für meinen Geschmack. Wie der Schulleiter mit seinen kühlen Worten es ja schon angekündigt hatte.

Die Nachmittagsgruppe findet sich langsam ein, ich treffe Max vom Vorsprechen in Berlin wieder. Das ist das Schöne am Vorsprechen: Oft begegnet man denselben Leuten, je öfter man sich sieht, desto mehr Gelegenheiten gibt es, sich besser kennenzulernen. "Toi, toi, toi“ wünsche ich ihm, er hat seine Prüfung noch vor sich.

Nicht weiter

Knappe fünf Stunden habe ich an der Schule verbracht, davon 15 Minuten gespielt – das heißt der Großteil der Zeit besteht aus Warten. Man steht während dieser Zeit unter Dauerstrom, das ist erschöpfend.

Ich kann nicht recht einschätzen, wie es gelaufen ist. Mit einem neutralen Gefühl im Bauch verlasse ich den Hinterhof, laufe die Stollbergstraße entlang, mit ihren schmuckvollen Gebäuden. Mein Blick bleibt kleben am Restaurant "Le Stollberg“; die Speisekarte ist exquisit, dementsprechend die Preise… Ironisch irgendwie. Da ist die Schauspielschule in einer so prächtigen Straße, einer prächtigen Stadt – als Schauspielstudent wird man sich kaum eine warme Mahlzeit im "Le Stollberg“ leisten können.

Am nächsten Morgen ist der Ungewissheit ein Ende gesetzt, ab 10 Uhr kann man telefonisch erfahren, was das Ergebnis der Prüfung ist. Die Antwort ist kurz und knapp, "nicht weiter“. Nachdem ich aufgelegt habe, steht auf dem Display 00:00:16. Ein Telefongespräch mit der Dauer von 16 Sekunden, das über die berufliche Zukunft entscheidet. Eigenartig.

Es bleibt keine Zeit zum Grübeln, in zwei Tagen geht es schon wieder weiter zum Vorsprechen nach Bochum. Das ist gut so, dann sind die Karten neu gemischt. Auf ein Besseres!

 

Anzeige

Galerien

Regionale Events

Poetry Slam

Am 15. Februar findet das "Poetry Slam U20 Special" in Heilbronn statt.