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Einfach mal improvisieren

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Es ist Montag, der 21.01.2019, acht Uhr. Vor dem Theaterzentrum Bochum trudeln langsam aber sicher alle Teilnehmer der dritten Runde der Zulassungsprüfung für den Studiengang Schauspiel ein. Es ist noch dunkel, die Türen verschlossen, wir sind zu dritt, die überpünktlich vor Ort sind. 

Gemeinsam stark

Das Wochenende habe ich in Bochum verbracht, nach Runde zwei bin ich nicht mehr nach Hause gefahren, lebe also aus dem Koffer. Zu meiner Freude kann ich bei meiner Couchsurfing-Gelegenheit bleiben, im Wohnzimmer einer Mädels-WG im Stadtteil Altenbochum. Vier Nächte bleibe ich in Summe, statt einer Nacht, wie im Voraus angekündigt. Zum Glück – ich schätze es sehr, in einer so flexiblen Unterkunft gelandet zu sein, fühle mich wohl in der WG, deren Mitbewohnerinnen sogar mit mir Text lernen.

Unsere erste Aufgabe ist es, aus acht verschiedenen Texten einen auszuwählen, den wir am Vormittag vortragen – "erzählerisch“, also "nur in einer Haltung“ gesprochen, nicht gespielt. Ich entscheide mich für Heiner Müllers "Ich kann dir die Welt nicht zu Füßen legen“. 

Im "Konzertsaal“ beginnt das Warm-Up, ein heller, runder Raum, zu zwanzigst sind wir am Morgen. Ein Bewegungslehrer und eine Sprachdozentin leiten das Aufwärmen an, betonen, "es ist nicht Teil der Prüfung“, das ist angenehm. Hier haben wir die Gelegenheit, uns als Gruppe kennen zulernen, wenn auch nur kurz. Ein, zwei Gesichter kommen mir bekannt vor aus der zweiten Runde, die Mehrheit sehe ich zum ersten Mal. 

Nächste Hürde

Ab diesem Moment stehen wir unter ständiger Beobachtung der Dozenten, ihrem genauen Blick entgeht nichts. In zwei Gruppen werden wir aufgeteilt, die eine geht zum Bewegungsunterricht, die andere hat Zeit, ihr Lied mit einem Korrepetitor (einem Musiker) einzustudieren. 

Es ist das erste Mal, dass ich ein Lied mit Klavierbegleitung singe, dementsprechend aufgeregt bin ich. Der Korrepetitor sieht keinen Grund zur Aufregung, er versteht es, mich so vorzubereiten, dass ich entspannt in den Vortrag gehen kann. Entspannter. Es geht schließlich darum, zu unterhalten, nicht darum gesangstechnisch perfekt zu sein. Und um Spaß!

Nun folgt der zweite Teil, bestehend aus Bewegung, Improvisation und Sprechen. 
Die Aufgabe lautet, durch den Raum zu gehen, uns verschiedene Situationen vorzustellen, durch den Wald schlendern zum Beispiel. "Wie riecht es? Wie fühlt sich der Boden an? Liegt Laub verstreut? Hört ihr Vögel zwitschern?“, gibt der Dozent Denkanstöße. Hier geht es um Vorstellungsvermögen, Fantasie und darum, sich der Umgebung so konkret wie möglich bewusst zu sein. Zu Musik verschiedener Art sollen wir uns ganz frei bewegen, die Stimmung der Klänge aufnehmen und in Bewegung umsetzen.

Einfach spontan

Es folgt die Improvisation, hierfür werden wir in Paare aufgeteilt, mein Spielpartner ist David, ihn kenne ich vom Vorsprechen in Berlin. Den gelernten Text mit dem Titel "dürfte ich vielleicht“ sollen wir in eine Situation einbauen. Fünf Minuten haben wir Zeit uns darauf vorzubereiten, kurz zu besprechen, an welchem Ort die Szene stattfinden soll, welche Eigenschaften die Figuren haben. Improvisation eben ...

A: dürfte ich vielleicht
B: aber natürlich
A: einfach so
B: warum nicht
A: ich weiß nicht
B: doch doch
A: vielleicht sollte ich lieber
B: nein nein
A: ja dann


Der Dialog lässt alles offen. Wir entscheiden uns für die Situation "boy meets girl“. Einseitig – sie erwidert seine Annäherungsversuche nicht, er schreckt nicht davor zurück Gewalt zu benutzen, um zu bekommen was er möchte. So der kurze Szenenumriss.

Große Kunst

Es ist ein Sprung ins kalte Wasser, wir werden zweimal unterbrochen. Als es heißt "danke“, stürzen wir beide prustend aus dem Raum, brechen in Lachen aus. "Das war große Kunst“, sind wir uns einig. Das mulmige Gefühl nach der Improvisation wird sich für David leider bestätigen, er kommt später nicht in die vierte Runde weiter. Schade.

Die Zwischenauswahl steht an, die Spannung steigt. Die Gruppe, mit der man nun etwas warm geworden ist, wird sich noch einmal teilen – sieben kommen weiter in die vierte Runde am Nachmittag. Es fällt schwer, sich zu freuen, wenn man sich verabschieden muss von der Hälfte, die es nicht geschafft hat. 
Jetzt beginnt die Arbeit. Für die vierte Runde bekomme ich zwei Dozentinnen zur Seite, die mit mir eine Stunde arbeiten werden, Einzelunterricht.

Die Rolle Franziska Wermelskirch aus dem Stück "Fuhrmann Henschel“ von Gerhart Hauptmann. Ich habe sie das letzte Mal 2018 in Hannover gespielt, das ist also eine Weile her, den Text habe ich aber behalten. Es ist gut, die Rolle eine Weile ruhen zu lassen – dann ist es leichter, neue Anweisungen umzusetzen und die ursprünglichen Abfolgen über Bord zu werfen.

Tanzen Sie mal

Im theatereigenen Fundus dürfen wir uns austoben und ein Kostüm zusammenstellen. Wir suchen ein Kleid, nicht zu mädchenhaft, nicht zu aufreizend, nicht zu kurz, nicht zu lang. Dazu Schuhe, in denen man tanzen kann, nicht zu hoch, nicht zu flach, und und und. Es gleicht einem Kindheitstraum, der in Erfüllung geht, Kostüme über Kostüme und man darf sich einfach eines aussuchen.

So stelle ich mir die entscheidenden Minuten bei Shopping Queen vor, "noch 3 Minuten“, wenn das Outfit alles andere als komplett ist … oder so ähnlich. 

Die Wahl fällt auf ein weißes Kleid, knielang, dazu weiße Schuhe, mit Absatz. "Jetzt tanzen Sie mal“, lautet die erste Anweisung. "Tanzen Sie mal!“, die beiden sind streng, aber herzlich. Wir probieren aus, eine Dozentin stellt sich als Anspielpartner zur Verfügung. Die 50 Minuten vergehen wie im Flug, die Rolle hat sich um 180 Grad gedreht, gleich geht es auf die Bühne. Willkommen im Spielrausch.

Alles auf eine Karte

Müde? Ja. Erschöpft? Ja. Ganz egal. Der Rausch des Tages setzt sich in der Blackbox fort, Zeit, noch einmal alle Restenergie zusammenzukratzen. Let’s fetz!

Die Verkündung findet im Aufenthaltsraum statt, wieder auf der Treppe, die zu einer Galerie führt. Wieder versammeln sich die Studenten der ersten beiden Studienjahre. Man könnte eine Nadel fallen lassen, so still ist es im Raum. Die Namen werden verlesen. "Nicht weiter“. Ja, es kullern die Tränen. Hier hätte ich wirklich gerne studiert. 

Fest steht: Ich habe mein Bestes gegeben und nehme aus dem Einzelunterricht viel mit für die kommenden Vorsprechen. Jetzt mache ich mich wieder auf den Heimweg, ein paar Tage sind Zeit, den Rausch setzen zu lassen. Dann geht es weiter nach Salzburg.

 

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Vom 28. bis 30. Juni findet in Künzelsau das Würth Open Air statt.