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Auf Buddhas Spuren

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Ich bin in Schweden in einem Meditationszentrum mitten im Nirgendwo und frage mich, warum ich das eigentlich mache. Ist es das wirklich wert? Zehn Tage keinen Kontakt zur Außenwelt, keine Gespräche, nur Stille.

Während dem Vipassana-Meditationskurs darf nicht gesprochen werden. Man soll nicht abgelenkt werden, deshalb musste ich mein Mobiltelefon, sowie mein Tagebuch abgeben. Abends gehe ich um 21 Uhr ins Bett und stehe um 4 Uhr morgens wieder auf, um zwei Stunden zu meditieren, bevor es Frühstück gibt. Jeden Tag werde ich insgesamt zehneinhalb Stunden meditieren. Neben Frühstück und Mittagessen gibt es ansonsten nichts zu essen. Mit leerem Magen könne man sich besser konzentrieren.

Erste Erfahrungen in Indien 

Ich bin gespannt, wie es wird. Ich habe zwar bereits denselben Kurs in Indien gemacht, das ist aber schon eineinhalb Jahre her. Damals konnte ich mich nicht so gut auf die Meditationstechnik einlassen, weil die ganze Situation ziemlich überfordernd war: Das fremde Land, das Schweigen, niemand, mit dem ich meine Gedanken hätte teilen können. Aber dennoch war ich nach dem ersten Kurs so ausgeglichen, dass ich es unbedingt wieder machen wollte.

Vipassana-Meditationstechnik

Buddha soll mit der Vipassana-Meditationstechnik zur Erleuchtung gekommen sein. Man lernt, durch die Meditationslehrer und den abendlichen Diskurs, wie die Technik funktioniert. Während der Meditation konzentriert man sich auf die Wahrnehmungen auf der Körperoberfläche, wie zum Beispiel Schmerz, Juckreiz oder Kribbeln. Man versucht, diese Wahrnehmungen objektiv zu sehen und sie nicht zu bewerten. Man lernt, die Realität in diesem Moment so zu akzeptieren, wie sie ist und nicht, wie man sie gerne hätte.

Denn alles sei vergänglich und ändere sich permanent.  Das menschliche Leiden beginnt laut der Vipassana-Technik mit der Reaktion auf Dinge: Entweder man hat ein Verlangen nach etwas, das man nicht hat, aber möchte, oder man entwickelt eine Abneigung gegenüber etwas, das man hat, aber nicht möchte. Laut der Vipassana-Technik führt die Akzeptanz zum Glück. Das bedeutet aber nicht, dass man passiv oder pessimistisch wird, weil man alles akzeptiert. Man wird ausgeglichener, weil man lernt, sich nicht in Dinge hineinzusteigern und sie so sieht, wie sie wirklich sind. Dadurch kann man lösungsorientierter Handeln und wird nicht durch die Emotionen abgelenkt. 

Altlasten überwinden 

Mich hat die Technik in der Theorie überzeugt, fehlt nur noch die Praxis. Die ist extrem anstrengend. Obwohl ich nur sitze und mich auf meine Körperoberfläche konzentriere, bewege ich mich mental auf einer viel tieferen Ebene. Mir wird bewusst, wie eng Körper und Geist miteinander verbunden sind.

Wenn ich eine extrem intensive Wahrnehmung spüre, geht sie oft mit einer vergangenen Erfahrung einher, die für mich bedeutend ist oder war. 

Mit der Zeit kommen immer mehr kleine oder große Reaktionen, die ich alle akzeptieren muss. Ein sehr befreiendes Gefühl diese Altlasten zu überwinden. Aber es ist nicht einfach. Ich hätte nicht gedacht, dass ich Schmerz akzeptieren kann. Aber es funktioniert, wenn ich immer weiter mache und nicht frustriert werde, wenn ich keine Fortschritte mache.

Irgendwann hat man einen kurzen Moment, in dem man jede Wahrnehmung akzeptiert, sei es das Kribbeln in den Handflächen oder der scheinbar extreme Schmerz in der Hüfte. Aus dem kurzen Moment werden irgendwann einige Sekunden, dann einige Minuten. Aber auch das soll man akzeptieren, genauso, wenn man keine Fortschritte macht oder einen Schritt zurück. Niemals hätte ich gedacht, dass ein Meditationskurs mich körperlich und mental so fordern kann. Aber es tut mir gut. 

Ein schöner Geburtstag 

Am letzten Tag ist mein 20. Geburtstag, das Schweigen ist mittlerweile gebrochen. Wenn ich zu Hause wäre, würde ich mit meinen Freundinnen feiern und wahrscheinlich eher um 4 Uhr morgens ins Bett gehen, statt aufzustehen. Aber ich bin nicht traurig, weil ich meinen Geburtstag nicht mit meinen Freunden verbringe. Ich habe es akzeptiert und bin glücklich. Ich genieße den Moment, so wie er ist. Obwohl ich unter Fremden bin, fühlt es sich an, als würde man sich schon ewig kennen. Heute ist einer meiner schönsten Geburtstage bis jetzt. 

Was ist Vipassana? 

Vipassana ist eine der ältesten Meditationstechniken Indiens und bedeutet, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Weltweit werden in mehr als 200 Zentren solche Kurse angeboten. Sie werden ausschließlich durch Spenden finanziert. Man darf nur spenden, wenn man bereits einen Zehn-Tages-Kurs abgeschlossen hat. Die Kurse werden also mit der Absicht finanziert, anderen einen Kurs zu ermöglichen. Somit bleiben sie frei von Kommerzialisierung

Gut zu wissen

Barbara war bereits im vergangenen Jahr zum Meditationskurs in Schweden – vor Corona. Aktuell finden wieder zwei Kurse pro Monat statt – allerdings mit einer deutlich verringerten Teilnehmerzahl, um die Ansteckungsgefahr zu verringern. Weitere Informationen findet ihr hier.

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