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Ama la vida – Ecuador!

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Ganz Ecuador ist übersät mit Plakaten auf denen dieser farbenfrohe Werbeslogan zu lesen ist. "Liebe das Leben – Ecuador!“. Ein Jahr war ich in diesem südamerikanischen Andenstaat zu Hause. Und ich liebte das Leben in Ecuador! Meine Heimat war Sosote, ein kleines Dorf in der Küstenregion, nur wenige Kilometer von der Hafenstadt Manta entfernt. Ringsherum Kokospalmen und Reisfelder, soweit das Auge reicht, dazwischen ein Fluss und aus Palmblättern oder Wellblech gebaute Hütten, die sich rechts und links wie eine Perlenkette entlang der Durchgangsstraße aufreihen. Meist drang laute Musik aus diesen Hütten, vermischt mit menschlichen Stimmen. Für mich war es immer wieder auf´s Neue faszinierend, welch eine ansteckende Fröhlichkeit die Ecuadorianer ausstrahlen. Auf vielen  "Fiestas“ habe ich Menschen ausgelassen und fröhlich tanzen gesehen, von denen ich wusste, dass sie mit weniger als 10 Dollar am Tag eine große Familie durchbringen müssen.

So habe ich damals in meinem Blog "Breitengrad Null“ meine Heimat an der Küste Ecuadors beschrieben. Heute erscheint mir dies wie die Beschreibung eines Paradieses. Ein Erdbeben mit einer Stärke von 7,8 auf der Richterskala hat in weniger als einer Minute dieses Paradies in eine Hölle verwandelt. Am Samstag den 16. April bebte abends kurz vor 19 Uhr die Erde. Um diese Zeit ist es am Äquator schon dunkel. Viele Menschen nutzen die kühleren Abendstunden, um noch Einkäufe zu erledigen. Alle wurden sie völlig überrascht. Eine Freundin erzählte, dass das Beben so stark war, dass man sich festhalten musste, um nicht umzufallen –

begleitet von einem furchtbaren Grollen, dem Klirren von Glas und dem Rumpeln einstürzender Häuser. Sie hielt sich am Türrahmen fest, andere krochen unter die Tische. Als die unendlich erscheinende Minute des Bebens zu Ende war, rannten alle auf die Straße. Versuchten sich außerhalb der Reichweite von Häusern und herunterhängenden Stromkabeln aufzuhalten. Ohne Strom war es jetzt überall Nacht. Es brach Panik vor weiteren Beben und einem Tsunami aus. Offensichtlich gab es sofort Gerüchte, dass am naheliegenden Strand kein Wasser mehr zu sehen sei. Deshalb machten sich alle auf den Weg zu höher gelegenen Orten. Dort verbrachten sie die Nacht in Todesangst im Freien. Erst nach Sonnenaufgang wagten sie sich in ihre Häuser zurück. 

Das war die Zeit, als ich über die Nachrichten von dem Beben in Ecuador erfuhr. Dort war in der Zwischenzeit das Netz zusammengebrochen, es gab keinen Strom und damit auch keine Verbindung mehr nach außen. Für mich waren es lange Stunden der Ungewissheit, ob meine Familie, Freunde und Bekannte noch am Leben waren. Für sie war es ein Tag des Horrors: Zerstörte Straßen, ihre Häuser, sofern sie das Beben überhaupt überstanden hatten, meist unbewohnbar und immer die Angst vor weiteren Beben und einem Tsunami. Viele Menschen flüchteten aus der Küstenregion.

Erst am Montagabend konnte ich mit meinem Gastvater telefonieren: Ich war erleichtert, meine ganze Familie war am Leben. Er erzählte, dass es immer noch kein Wasser, 

keinen Strom und kein Essen gäbe. Der Markt in Manta – wo er als Gemüsehändler arbeitete – sei völlig zerstört. Noch schlimmer aber sind die Nachrichten von Toten und Vermissten. Und die furchtbare Nachricht, dass auch eine deutsche Austauschschülerin mit ihrer gesamten Gastfamilie vermisst werde. Sie wollten Schreibwaren für das im Mai beginnende neue Schuljahr einkaufen und wurden in dem einstürzenden Kaufhaus verschüttet. Erst Mittwochs darauf kam die unfassbare Nachricht, dass sie alle tot geborgen wurden. 

Noch immer leben die Menschen an der Küste in Ecuador in Trauer und Angst. In Trauer um mehr als 600 Tote und die immer noch Vermissten. Im Moment sind alle damit beschäftigt, die Trümmer aufzuräumen. Erst dann wird das ganze Ausmaß der Schäden sichtbar sein. Eine Katastrophe, die Ecuador nicht allein bewältigen kann. Neben den Häusern sind auch öffentliche Gebäude, Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Märkte und Geschäfte zerstört. Viele haben ihre Arbeitsplätze verloren. Aber auch hier bleiben sich die Ecuadorianer treu: Neben all den schlimmen Nachrichten finden sich Sätze der Dankbarkeit über die ausländische Hilfe.
 
Paulina Siegel aus Brackenheim (Zabergäu-Gymnasium) war als Gastschülerin mit YFU-Deutschland für ein Jahr in Ecuador. 

YFU sammelt Spenden für die vom Erdbeben betroffenen Gastfamilien in Ecuador. 
 

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