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Die Reise geht weiter

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Nachdem wir Weihnachten mit Eis, Geschenken und Asado abgeschlossen haben, steht am nächsten Tag ein neues Ereignis an: Der Besuch meiner Familie aus Deutschland. Da sich meine gesamte Gastfamilie mindestens genauso sehr auf den Besuch freut wie ich, können wir gar nicht schnell genug zum Flughafen düsen. Weil ich mich bereits daran gewöhnt habe, wundert es mich nicht, dass am Flughafen alles etwas länger dauert. Also warten wir, und warten und warten bis meine Eltern und meine Schwester - endlich - mit Sack und Pack hinter der Glasscheibe auftauchen. Im Gepäck: Geschenke für alle Gastbrüder, die der Weihnachtsmann aus Deutschland für sie bereit hatte und Schokonikoläuse, da die Schokolade hier leider nicht so berauschend ist.

 

Strenges Reiseprogramm


Am nächsten Tag beginnt auch schon der Reiseplan, den ich zusammen mit meinen Gasteltern für meine Familie und mich ausgetüftelt habe. Uns stehen drei Wochen Argentinien Sightseeing bevor, frei nach dem Motto: je mehr, desto besser. In den folgenden vier Tagen besuche ich mit meinen zwei Familien, die sich zum Glück blendend verstehen (entweder auf englisch oder ich fungiere als Übersetzer), verschiedene Orte um Córdoba herum. Wir fahren nach Villa General Belgrano, die deutsche Stadt, wo man typische Sachen wie "Spätzle mit Gulasch" oder "Knödel" essen kann. Das Highlight in dieser Stadt ist im Oktober, die "fiesta nacional de la cerveza" - das Oktoberfest. Ähnlich wie in Deutschland machen sich also Tausende aus Argentinien, Chile, Brasilien und Uruguay auf, um das Oktoberfest zu feiern. Außerdem besuchen wir die Stadt Villa Carlos Paz, nur 40 Minuten entfernt und sehr touristisch. Eine Tour durch Córdoba, als zweitgrößte Stadt Argentiniens, darf dann natürlich auch nicht fehlen. 

Da meiner Familie der Genuss der wunderschönen, argentinischen Reisebusse nicht entgehen darf, machen wir uns über Nacht im Bus auf in den Norden. Das erste Ziel der Reiseliste: Mendoza! Mendoza ist eine der bekanntesten Weinprovinzen Argentiniens, mit bis zu 42 Grad im Sommer. Nach 13 Stunden im Bus und zwei weiteren, in denen wir versuchen ein Taxi zu organisieren, erreichen wir das Hotel. Viel Zeit ist nicht, bis ein Bekannter uns abholt um uns seine Bodega (Weingut) zu zeigen. Nachdem wir bei 35 Grad zur Freude meiner Schwester und mir also in den Genuss (ob es sich wirklich um Genuss handelt sei dahingestellt) einer exclusiven Weinprobe kommen, probieren wir, zur wirklichen Freude meiner Eltern, die typisch argentinischen Weine: Malbec, Syrah, Cabernet Sauvignon.

Die Reise geht weiter und unser nächster Stop ist die wunderschöne Hauptstadt: Buenos Aires. An meinem einzigen freien Tag den ich dort mit meiner Familie habe, versuche ich, so viel von der Stadt zu sehen wie möglich: das Centro, die Plaza de Mayo, das "Colon Theater", die Avenidas 9 de Julio und Florida, das Barrio La Boca und seinen künstlerischen Part "El Caminito" und San Telmo. 

Da wir Deutschen hier unseren Pünktlichkeitsdrang verlieren, beginnt unser Freiwilligenseminar am nächsten Tag nicht wie geplant um 15.23 Uhr, sondern um 17 Uhr im Hotel Bauen. 

 

Warum ausgerechnet das "Hotel Bauen"?


Während der Finanzkrise Argentiniens im Jahr 2001 meldete der Besitzer des Hotel Bauen Konkurs an, woraufhin das Hotel geschlossen wurde. Da unzählige Mitarbeiter ihren Job verloren besetzten ehemalige Mitarbeiter im März 2003 mit Hilfe des "Movimiento Nacional de Empresas recuperadas" das Gebäude. Seit der Besetzung des Gebäudes hat das Hotel 150 Mitarbeiter gewonnen. Wie uns das Personal bei einem Vortrag erzählte, sind nun wieder rund 200 Zimmer verfügbar, der Rest in Arbeit. Da es den ehemaligen Mitarbeitern verboten war, das Hotel zu führen, wurden die Zugänge offiziell geschlossen, was jedoch nicht daran hinderte, das Hotel zu besetzen, neu aufzubauen und weiterzuführen.

Nach langem Kampf wurde 2006 endlich die Schließung des Hotels aufgehoben, weshalb sich nun alle frei bewegen können, erzählte uns Marcelo, der seit vielen Jahren im Bauen arbeitet und nun zur Leitung gehört. Da das Bauen wieder gut läuft, ist noch nicht sicher, wie die Zukunft des Hotels aussehen wird. Der ursprüngliche Hotelbesitzer fordert es nun wieder ein, was bei verschiedenen besetzten Fabriken und Gebäuden vorkommt. 

 

Schattenseiten Argentiniens


Neben dem Vortrag von Marcelo über das Hotel Bauen und seine Geschichte hatten wir weitere, interessante Gäste. Pedro erzählte uns von seiner Geschichte: Mit 32 Jahren fand er heraus, dass er einer der "nietos de las abuelas de la plaza de Mayo" ist. Seine Geschichte ist leider ein häufig geteiltes Schicksal in Argentinien. Noch heute demonstrieren 200-300 Frauen jeden Mittwoch als "Abuelas de la Plaza de Mayo" am Plaza de Mayo gegen das, was in der Militärdiktatur mit ihren Kindern passierte. Unzählige Frauen und Männer sind verschwunden, zum Beispiel wegen anderer politischer Ansichten. Viele von ihnen sind niemals wieder aufgetaucht. Wenn eine schwangere Frau verschleppt wurde, war es in der Regel der Fall, dass das Militär sich das Kind aneignete.

In Pedros Fall war der Mann, von dem er glaubte, er sei sein Vater, derselbe Mann, der seine Mutter verschleppte und verschwinden lies. Geschichten wurden erfunden, um Freunde und Nachbarn nicht denken zu lassen, dass etwas nicht mit Rechten Dingen zu ginge. Pedro sei der adoptierte Neffe, später dann das Kind aus einer Affäre. Irgendwann war sein Vater dann plötzlich der Großonkel. Nach und nach schöpfte Pedro immer mehr Verdacht. Als er heiratete und seine eigene Postadresse bekam, erreichten ihn die Briefe der Abuelas, die schon seit Jahren versuchten, ihre Enkel zu finden. Mit seinen scheinbaren Eltern hat Pedro keinen Kontakt mehr, dafür lernte er seinen richtigen Vater und seinen Bruder kennen. Die beiden verschwanden und kamen Jahre später aus dem Exil in Frankreich zurück nach Buenos Aires. Was mit seiner leiblichen Mutter passierte weiß niemand. Man glaubt jedoch nicht, dass es von den Verschwundenen, die bisher nicht wieder auftauchen, noch Überlebende gibt. 

 

Verschiedene Kulturen


Mehr interessanten Besuch hatten wir von einer Indígena, aus dem Stamm der Quechuas und unseren Tanzlehrern Lucas und Soledad. Über die Quechua wurde uns eine Menge der Kultur erzählt, über die verschiedenen Bräuche und das Leben früher und wie unterschiedlich es heute ist. Eine der wichtigen Traditionen früher war, dass alle jungen Männer sich einem enormen Wettrennen von einer Strecke von 30-60 Kilometern aussetzen mussten. Der Gewinner war der schnellste und sportlichste Mann des Stammes. Er hatte somit die Aufgabe von einem Dorf zum anderen oder entlang einer Grenze von einem Posten zum anderen zu rennen. Er musste auch Nachrichten übermitteln, da es weder Stifte noch Handys gab und dies die einzige Möglichkeit war, um mit anderen zu kommunizieren.

Lucas und Soledad lehrten viel Theoretisches über Folklore in Argentinien und welcher Rhythmus der Musik passend zum Tanz aus welcher Zone stammt und warum. So stammt zum Beispiel der Chamamé aus der Provinz Corrientes, der Zone des Litoral. Ähnlich wie die Polka hat dieser Tanz ebenfalls einen 6/8 Takt und ist ein Paartanz, der in der Kolonialzeit entstand. Wir lernten auch viele praktische Dinge. Seit dem Seminar beherrschen wir nun also die typisch argentinischen Folkloretänze: Chacarera, Chamamé, Gato und den Carnavalito. 

Neben all den spannenden Erzählungen und Geschichten veschiedener Gäste und dem Tanzkurs, bei dem erstaunlicherweise alle voll dabei waren, diskutierten wir in den fünf Tagen des Zwischenseminars auch viel über uns, die Anthroposophie, Waldorfpädagogik mit Vor- und Nachteilen, die verschiedenen Einsatzstellen, die Visumsverlängerung, Argentinien und die aktuelle Situation. Diese lässt uns immer wieder staunen, wenn uns zum Beispiel klar wird, dass man nicht immer Geld abheben kann, wenn man welches will oder braucht, weil es eben nicht immer Geld gibt. 


 

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Hasnain Kazim liest in der Stadtbibliothek im K3 Heilbronn aus „Mein Kalifat“.