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Auslandsjahr als Sturm

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In vier Wochen werde ich schon wieder in Deutschland sein und mit Vorfreude auf ein großes Weindorf-Wiedersehen blicken, doch wie fühlen sich eigentlich die letzten verbleibenden argentinischen Wochen an? Wie habe ich mich verändert? Wie blicke ich auf meine Rückkehr nach Deutschland? Wann werde ich wieder nach Argentinien kommen? Oft werde ich gefragt, ob ich nicht etwas schreiben möchte - hier sitze ich nun und versuche, all meine Gedanken und Gefühle erstmal auf Deutsch in Worte zu packen. Ein guter Freund von mir schrieb vor einigen Tagen für eine Zeitschrift einen Artikel über sein Auslandsjahr und alle gemachten Erfahrungen und bat uns um Hilfe und Meinungen. Er beschrieb sein Jahr mit dem Gedanken nach einem langen, langen Tag wieder in den Flieger zu steigen und nach einer Menge Erlebtem spät nachts dann wieder heimzukommen. Passend zu dieser Idee habe auch ich einen Satz gefunden, den ich sofort und automatisch mit meinem Auslandsjahr verbunden habe. "When you come out of the storm you won’t be the same person who walked in. That’s what this storm’s all about."

Ein Sturm der Erlebnisse

Ich finde dieser Satz und der Vergleich des Jahres mit einem Sturm passt ziemlich gut zu allem was wir hier erlebt, gelernt und von früher vielleicht auch noch verarbeitet haben. Alles, was der Sturm mit sich gebracht, weg- oder sogar ausgewaschen hat. Das Auslandsjahr als Sturm, beinahe schon bildlich gesprochen, mit allen Höhen und auch den Tiefen, die bestimmt jeder von uns hier auf verschiedene Art und Weise erlebt hat, durch alles neu Gelernte, Sprache, Kontakte, Kultur, Typisches und so weiter. Inwiefern sich jeder verändert hat, kann man allerdings, glaube ich, schwer sagen. Ich weiß jedoch von mir selbst, dass ich meine Sichtweise auf verschiedene Dinge geändert habe, gelernt habe einige Dinge lockerer zu sehen oder sogar anders anzugehen, vor allem aber, nicht immer so streng mit mir selbst zu sein. Ob ich jedoch ein "anderer" Mensch bin - was ja eigentlich auch irgendwie zu erwarten wäre - weiß ich nicht, das stellt sich wahrscheinlich aber auch erst in Deutschland heraus.

Ein Sturm kommt oft unerwartet, manchmal ist er jedoch auch vorhersehbar. Für mein Jahr und meinen Abschied aus Deutschland passen beide Begriffe ziemlich gut. Es war vorhersehbar und wochenlang beschäftigte ich mich mit nichts anderem als Spenden sammeln, Visum beantragen, Arztterminen, Vorbereitungsseminar und haufenweise Infomaterial und irgendwie kam es trotzdem ziemlich unerwartet, als ich plötzlich am Flughafen stand und Freunde und Familie verabschieden sollte. Außerdem verging alles wie im Flug und ich kann kaum glauben, dass es nun schon elf Monate hier in Argentinien sind. Manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich vorgestern erst mit allen meinen Geburtstag gefeiert und wäre dann nach 16 Stunden Flugzeit völlig müde und erschöpft hier angekommen, als wäre mein Jahr unvöllständig, nicht abgeschlossen und ich alles andere als bereit für die Heimreise. An anderen Tagen packe ich im Kopf schon meinen Koffer.

Sonnenschein

Jeder Sturm hat auch seine schönen Seiten, wenn man zum Beispiel im Haus mit einer heißen Schokolade oder einem Tee auf der Couch sitzt und weiß, dass man sicher ist. So habe ich auch in diesen Monaten viel Schönes und Sonne erlebt und noch viel mehr schönere Dinge genossen. Ich habe zahlreiche Facetten meines geliebten Gastlandes kennengelernt, viele neue Leute, die ich sehr ins Herz geschlossen habe, eine neue Kultur, eine andere Lebensweise, eine komplett andere Welt. So dankbar wie meine Freunde und Familie über den bevorstehenden Regen in Deutschland und etwas kühlere Temperaturen nach dem Sturm sind, so dankbar bin auch ich, für die Gelegenheit, eine solche Erfahrung gemacht zu haben.

Leider hat jeder Sturm auch sein Ende, was meistens aber auch gut so ist und mit dieser Einstellung versuche ich langsam auch ein bisschen auf mein Jahr hier zu blicken. Auf meine Rückkehr freue ich mich mittlerweile schon ziemlich, auf meine Freunde, Familie, Opas und Omas, das leckere schwäbische Essen. Ich weiß allerdings auch, dass ich alles und jeden unglaublich vermissen und auf jeden Fall wiederkommen werde. Ein Teil meines Herzens wird wohl in Argentinien bleiben.

Respekt vor der Rückkehr

Was mich in Deutschland erwartet macht mir dann trotzdem ein bisschen Angst. Angst ist vielleicht ein harter Begriff, Respekt könnte man aber schon sagen. Einige Freunde sind bereits nach Hause zurückgekehrt und sind nicht wirklich zufrieden mit dem, was sie dort „vorgefunden“ und erlebt haben. Sich erneut einzugewöhnen ist scheinbar nicht so einfach, wie man das hier aus der Ferne denken könnte. Was ist also, wenn ich mich zu sehr verändert habe oder wäre es schlimm, wenn alles noch ziemlich genau wie früher wäre? Was, wenn ich Deutschland plötzlich mit ganz anderen Augen sehe und der Kulturschock völlig überraschend und "de golpe" über mich hereinbricht? Wahrscheinlich wird es einfach eine Zeit dauern, bis ich mich wieder an alles und jeden gewöhnt habe. Vielleicht versteht auch nicht jeder was wir hier erlebt haben und wie anders Kultur, Lebensweise, Menschen, Sichtweisen, Meinungen und Lebensstandards waren, aber das wird sich ja alles zeigen, wenn es soweit ist und auch wenn wir hier jetzt schon am Abschied planen sind, werde ich meine letzten Wochen mit meinen geliebten Kindern noch genießen und voll auskosten!

 

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