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Abschiedsschmerz und Wiedersehensfreude

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Es ist schwer zu glauben, dass mein ganzes argentinisches Jahr schon vorbei ist. Im Voraus kam mir ein Jahr ziemlich lang vor, wenn ich aber nun auf alles Erlebte zurückblicke, sind diese zwölf Monate wie im Flug vergangen. In den Tagen vor meinem Abflug war ich voller Vorfreude, gespannt was mich erwarten würde, glücklich und bereit, etwas Neues zu sehen und zu lernen und einen richtigen, großen Schritt aus dem "Nest" zu machen. Alles kam mir unglaublich weit weg vor, fremd, schwer auszumalen, da ich ja gar kein richtiges Bild davon hatte, was mich hier denn eigentlich erwarten würde. 

Schon ab dem ersten Arbeitstag wurde ich in der Schulgemeinschaft mit offenen Armen und viel entgegengebrachter Herzlichkeit aufgenommen, weshalb es ziemlich einfach war, sich anzupassen und sich in das Schulleben einzugliedern. Mit den Kindern war es von Beginn an einfacher als mit Erwachsenen, Spanisch zu sprechen, da auch sie, obwohl es ihre Muttersprache ist, noch am Lernen sind. Durch Spanischkenntnisse aus der Schule und Spanischunterricht in den ersten drei Monaten schaffte ich es jedoch, die Sprache ziemlich schnell zu beherrschen wodurch sich nicht nur die Verständigung mit allen Beteiligten, sondern auch meine Arbeit im Kindergarten (zum Beispiel beim Eingreifen in Konfliktsituationen) erleichterte. 

Kaum Tiefen

Erstaunlicherweise habe ich in diesen zwölf Monaten kaum Tiefen erlebt, was vor allem daran liegt, dass ich seit dem ersten Moment wie eine Tochter in meiner Gastfamilie aufgenommen wurde und so niemals alleine oder einsam war. Mein "Tief" war nun eher die Abschiedsphase, als ich merkte, wie wichtig mir die Arbeit und die Menschen hier geworden sind, wie viele Dinge ich gewonnen habe und dass sich das hier zu einem zweiten Zuhause entwickelt hat, das ich nun erstmal zurücklassen werde. Ich denke, jeder von uns hat in diesem Jahr durch alles neu Gelernte, Sprache, Kontakte, Kultur, Gebräuche, usw. auf verschiedene Art und Weise Höhen und Tiefen erlebt und ist dadurch auch gewachsen, was ja ein Ursprungsgedanke war: zu wachsen, zu lernen, Neues zu sehen.

Beim Arbeiten mit den Kindern und dem "Entdecken" der Pädagogik habe ich gelernt, dass Dinge keinesfalls perfekt oder immer identisch sein müssen, es ist vollkommen ausreichend, wenn die entsprechenden Sachen in Ordnung sind. Ich hoffe, dass ich diesen Gedanken auch in Deutschland erkennen und umsetzen kann, um mir selbst alles Bevorstehende etwas erleichtern zu können. 

Der perfekte Moment

Meiner Erfahrung nach ist die Zeit nach dem Ende der weiterführenden Schule der perfekte Moment, um von Zuhause wegzugehen und etwas Neues und Anderes zu lernen bzw. zu tun. Ich denke, dass man später nie wieder die Gelegenheit bekommt, auf diese Art und Weise zu reisen, sich so weit und für so lange Zeit von Zuhause zu entfernen und dabei so offen zu sein und den Kopf so frei für Neues, Ungewohntes und Fremdes zu haben, ständig mit dem Wunsch etwas Neues zu erleben, zu helfen, zu lernen, so viel wie möglich aus diesen zwölf Monaten aufzusaugen und jeden Moment völlig auszukosten. Außerdem bin ich der Meinung, dass eine Erfahrung wie beispielsweise der internationale Freiwilligendienst grundlegend für einen selbst und die persönliche Entwicklung ist. 

Man beginnt, mehr Verantwortung zu übernehmen sobald man vom gewohnten Umfeld entfernt und auf sich selbst gestellt ist. Man beginnt eigene Entscheidungen zu treffen und mit diesen zu leben, man beginnt so offen wie möglich zu sein, ständig Neues auszuprobieren und lernt dabei, dass es auch nur menschlich ist, dass jeder ab und zu Fehler macht und wie man daraus dann wieder etwas lernt, wie man solche Dinge verarbeitet und lernt, mit ihnen umzugehen. 

Zurück in Deutschland

Die letzten Tage sind rasend vergangen und plötzlich stand ich nun also am Flughafen und musste mich verabschieden. Wann werden wir uns wieder sehen? In ein paar Monaten, in ein paar Jahren? Diese Gedanken mache ich mir, als ich mal wieder auf meinen verlegten Flug warte. Als ich mit 90 Minuten Verspätung aus Córdoba starte, werde ich nervös - klappt der Flughafenwechsel schnell? Komme ich rechtzeitg am internationalen Flughafen an? Sollte ich kurzfrisitig doch verlängern, einfach noch bleiben?

Doch als ich in Buenos Aires lande, bleibt nicht viel Zeit, um sich weiter den Kopf zu zerbrechen: Koffer holen, Shuttlebus organisieren, Sitzplatz sichern, 70 Minuten Fahrt von Flughafen A nach Flughafen B, Koffer aufgeben, Passkontrolle, Zoll, Gate suchen - geschafft! Am Gate sitzen bereits haufenweise Deutsche, auch viele, von denen man denken könnte, sie hätten gerade auch erst ihren Freiwilligendienst beendet. Schon kurz darauf sitze ich im Flugzeug: "in knapp 14 Stunden erreichen wir unseren Zielflughafen: Frankfurt, Deutschland." Ich kann es kaum glauben und obwohl ich hundemüde, bin kriege ich auch auf diesem Flug kein Auge zu

Angekommen = Angekommen?

Meine Familie wartet schon ungeduldig und gespannt, als ich eine Stunde nach Landung mit Sack und Pack endlich rausspaziere. Die Freude ist groß, alle Müdigkeit verflogen, sogar meine Cousinen sind gekommen! Schon auf dem Heimweg ist alles wie immer, kein seltsam unangenehmes Schweigen, keine Distanzierung, zu meinem Beruhigen ist alles gut. Auch mit allen Nachbarn beim Kaffee und Kuchen und allen Freunden bei einer von ihnen organisierten Überraschungsparty ist es, als wäre ich nie weggewesen, oder eben zumindest nicht so lange. Fürs Schlafen keine Zeit, ein weiterer großer Wiedersehenspunkt ist das Weindorf, und so machen wir uns auf, um direkt nochmal darauf anzustoßen, dass wir nun (wenn auch nur für kurze Zeit) alle wieder vereint sind!

 

Das Wochenende rast zwischen Weindorf, Familie, Nachbarn, Geburtstag und Freunden nur so an mir vorbei und endet am Sonntagabend dann zu meiner großen Freude mit Sauerbraten und Knödel! Danach falle ich ins Bett, der Jetlag macht sich bemerkbar und drei Stunden Schlaf pro Nacht sind auf Dauer eben auch keine Lösung, wie sich mal wieder herausstellt. 

Mittlerweile bin ich physisch gut angekommen, obwohl mein Kopf oftmals noch in Argentinien ist und sich fragt, wie es dort wohl läuft, was die Leute machen, wie es ihnen geht. Es fühlt sich an wie einer dieser Träume die ich in den Wochen vor meinen Rückflug hatte, man ist zurück in Deutschland und hofft auf das Beste, sieht alle geliebten, gewohnten Leute und trotzdem ist alles ein wenig unwirklich. Doch dieses Mal scheine ich nicht aufzuwachen und auch wenn ich Land, Kultur und Leute vermisse, bin ich doch auch wieder ein Stückchen froh, hier zu sein. Das Einleben wird wohl noch ein bisschen dauern und wir sind alle schon gespannt, wie das Nachbereitungsseminar laufen wird. Auch wenn sich die Meinungen über das Jahr, die Erwartungen, Rückkehr, Erzieltes etc. teilen werden, sind wir uns bei einer Sache alle ziemlich sicher: Wir sind froh, dass wir die Chance hatten, den Freiwilliegndienst zu machen und diese auch beim Schopf gepackt haben!

 

 

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