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Auf ins Land der "Ticos"

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182 Tage hat der Countdowntimer auf meinem Handy anfangs angezeigt. 182 Tage bis ich nach Costa Rica gehen würde. Jetzt, am 20.8.2013, bin ich schon seit stolzen 29 Tagen im Land der "Ticos", wie sich die Costa Ricaner selbst nennen. Mit 17 Weiteren nehme ich am "weltwärts"-Programm, dem entwicklungspolitischen Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), teil. Für elf Monate werden wir in verschiedenen sozialen Projekten arbeiten. Ich bin seit Montag letzter Woche in einem Cen Cinai in Heredia Stadt, ungefähr 20 Minuten von der Hauptstadt San José entfernt.  

"Warum geht man, nachdem man schonmal ein Jahr im Ausland war (ich war 2010/11 als Austauschschüler in Riobamba, Ecuador), nach dem Abi weg, anstatt Geld zu verdienen oder zu studieren?", fragen sich viele. Für mich ist die Antwort relativ simpel: "Warum nicht?" Während dieser Reise hat mich wohl das Fernweh erwischt. Ich habe mich Hals über Kopf in die Mentalität Lateinamerikas, seine Länder und die spanische Sprache verliebt. Solche Erlebnisse sammelt man nur einmal im Leben, deswegen nichts wie weg, wenn sich die Chance ergibt!

 

Sven va a Costa Rica!

Diese Chance ergab sich bei mir Anfang 2012; Ich hatte schon viel von Freiwilligendiensten im Ausland gehört und war von der Idee hellauf begeistert, weshalb es nicht lang dauerte, bis ich auf meine Entsendeorganisation AFS stieß, welche das weltwärts-Programm unterstützt. Der aufwendige Bewerbungsprozess und die nervenaufreibende Wartezeit haben sich allemal gelohnt, denn im November stand fest: Sven va a Costa Rica!

Als wir am 22. Juli ankamen, ging die Vorbereitungsphase los: ein zweitägiges Arrival Camp in San José und zwei Wochen Sprachkurs im Regenwald von La Flor in der Provinz Cartago. Dort waren wir in einer Art Farm untergebracht. Von Vogelspinnen am Duschvorhang, Schlangen im Gebüsch und Mosquitos auf der einen Seite zu atemberaubender Natur nahe des Vulkans Turrialba, über göttliches Essen und Spanischunterricht bei waschechten Hippies machten wir alles gerne mit. Neben sechs Stunden Spanischunterricht pro Tag hatten wir verschiedene Aktivitäten, zum Beispiel einen Crashkurs in lateinamerikanischen Standardtänzen. Es sah von außen bestimmt echt witzig aus, wie sich eine Gruppe überforderter Deutscher holprig an Cumbia, Bachata, Merengue und Salsa versuchte. Trotz anfänglicher Skepsis und Hemmungen hatten wir dann doch alle riesen Spaß und fegten am Ende doch ganz gekonnt über's Parkett.

 

Die perfekte Gastfamilie

Am 5. August ging es nach Heredia, wo ein ganz neues Abenteuer auf mich wartete und der neue Lebensabschnitt begann, dem ich so lange entgegen gefiebert hatte. Alex und Sandra, meine Gasteltern, empfingen mich mit offenen Armen und alle Anspannung war vergessen. Wir scherzten viel und schnell war offensichtlich, dass die Chemie stimmte. Als ich nach den Hausregeln fragte, wurde gelacht: "Du bist doch erwachsen. Du weißt, was richtig ist und was nicht." Wäre das auch geklärt :) Spaß beiseite, meinen Gasteltern ist Vertrauen sehr wichtig und sie legen viel Wert darauf, offen über alles sprechen zu können. Feste Regeln wollten sie mir dennoch partout nicht geben ;) Mit den Worten "Stell' dir vor, du wärest hier geboren" und einem Lächeln wünschten mir meine Eltern eine gute erste Nacht in meinem neuen Zuhause und ich schlief sorgenlos und tiefenentspannt wie ein Baby.

Schon in der ersten Woche waren Sandra, Keilyn (meine Cousine) und ich bei Verwandtschaft in Puntarenas, um genauer zu sein, in Esparza. Nach einem Abstecher an den Strand machten wir uns am Folgetag auf nach Guanacaste im Nordwesten Costa Ricas. Unser Ziel waren die Cataratas (Wasserfälle) de Cortés. Ein echter Geheimtipp, der irgendwo im Nirgendwo versteckt ist. Wir hatten viel Spaß, aber bald hieß es zurück zum Ernst des Lebens. Am Montag um 7h begann für mich der Kern dieses Freiwilligendienstes, nämlich die Arbeit im CEN CINAI, einer Art Kindertagesstätte. Wenn ich darüber nachdachte, mit knapp 25, teilweise unterernährten Kindern aus extremst armen Verhältnissen zwischen nicht ganz drei und ca. sechs Jahren zu arbeiten, hatte ich ein echt komisches Gefühl. Immerhin war ich in diesem Bereich komplett unerfahren. Dennoch freute ich mich aber auch auf die Herausforderung und glaubt mir, es ist eine! Ganz viel Chaos, Geschrei, Tränen, Streit und kaputtes Spielzeug auf der einen Seite und Freude, Freundschaften, Lachen, Dankbarkeit und Herzlichkeit auf der anderen.

 

Die Siesta ist das Highlight

Jeden Tag habe ich unterschiedliche Aufgaben. Ich spiele mit den Kindern, helfe der Erzieherin, bin Streitschlichter, füttere die Kleinen oder wasche das Geschirr. Obwohl die Arbeit viel Kraft kostet und ich jeden Tag tot ins Bett fallen könnte (und heute war erst mein sechster Tag), mache ich sie doch gern. Es macht Spaß und ist wichtig, Zeit mit den Kindern zu verbringen; Zeit, in der sie, auch wenn nur ganz kurz, vergessen können, dass die Eltern kein festes Einkommen haben oder die alleinerziehende Mutter den ganzen Tag arbeitet, oder dass der Vater im Gefängnis sitzt. Trotzdem ist ein Highlight des Tages auch die fast zweistündige Siesta (Mittagsschlaf) der Kiddies, während der man auch mal durchatmen kann ;)

In diesem Sinne bis bald und pura vida! (Die Floskel "pura vida" bedeutet wörtlich übersetzt "das reine Leben" und wird hier ununterbrochen verwendet. Unter anderem, um auszudrücken, dass alles gut läuft und kein Grund zur Sorge besteht.)

Achso, fast vergessen. Zu Essen gibt es verschiedene Variationen von Reis und Bohnen. Immer.

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