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Die Reise geht weiter

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Nächster Tag. Den Rest von Shivarathi haben wir nämlich im Restaurant verbracht, bevor wir ins Eiscafé weitergezogen sind. Früh morgens um halb neun ging unser Bus nach Daman. Irgendwann mittags kamen wir an. Daman: Per Definition meiner Reiseführer der Ort mit der besten Bergsicht Nepals. Die Reiseführerschreiber schreiben zwar ganz offensichtlich voneinander ab, aber irgendwer muss ja als Erster auf die Idee gekommen sein. Das Dorf war dann auch ganz schön. Es war nämlich gerade Rhododendron-Blüte und da stehen ziemlich viele von den Sträuchern (Oder sind es Bäume?), die das betroffen hat. Berge übrigens auch, aber die haben nicht geblüht, nur ein bisschen geglüht, am Morgen. Für 400 Rupien, was fast vier Euro sind, haben wir ein Dreierzimmer bekommen, für 80 Daal Bhaat mit Nachschlag (zu viel), das ganz gut war (allerdings wirklich zu viel), und einer von uns hat meine Taschenlampe in der Toilette versenkt.

Am nächsten Morgen haben wir uns die Berge beim Sonnenaufgang angeschaut, schließlich sind wir dafür nach Daman gefahren, auch wenn der Rhododendron eigentlich schöner war. Gegen neun haben wir den acht-Uhr-dreißig-Bus genommen und sind nach Hetauda gefahren.

Einerseits ist da ein großer Busbahnhof (Wieso eigentlich "Bahn"?), von dem unser Anschlussbus abgefahren ist. Andererseits war da gerade meine Theatergruppe. Davon wusste ich nichts. Sie waren auf Tournee und auch auf der Durchreise. Wir haben im gleichen Restaurant Pause gemacht. Das lag an der Bushaltestelle für ankommende Busse. Die war ziemlich weit entfernt von der, von der unser nächster Bus abgefahren ist. Das Praktische an der Situation war, dass meine Theatergruppe noch Platz in ihrem gecharterten Minibus hatte.

Aha, der Mann aus Bangladesch, der mir inzwischen gegenübersitzt, hat das Spiel zwischen Bayern und Barcelona wiedererkannt. Ist tatsächlich eine Wiederholung.

Hetauda liegt etwa zweitausend Meter tiefer als Daman und tausend tiefer als Kathmandu. Ab da war es deshalb ein bisschen warm. Eigentlich sogar sehr.
Im Bus hatten wir die Plätze ganz hinten und waren da, weil unser Gepäck auch die Plätze ganz hinten hatte, auch nicht sehr flexibel in der Körperhaltung. Leider sind die Plätze ganz hinten auch die, die sich bei einem Bus, dessen Radachse ungefedert aufgehängt ist, und einer nicht ganz ebenen Straße, ganz beachtlich in der Vertikalen bewegen. Als der Bus sich geleert hatte und ich meinen Rucksack neben mich stellen konnte, hab ich regelmäßig den Kontakt zum Sitz verloren.

Wir sind am späten Nachmittag in Janakpur angekommen. Zwei von uns haben sich nach der Busfahrt überlegt, was eigentlich die Symptome einer Gehirnerschütterung sind, oder vielleicht auch nur ich. In Janakpur wurde gerade Ramas Geburtstag gefeiert, diesmal mit einer Prozession, die die Straße blockiert hat. Wir sind ein bisschen durch die Stadt geirrt und haben uns an den Straßenkreuzungen an einer Interpretation des Stadtplanes versucht, der im Reiseführer enthalten war. Bei diesen Gelegenheiten hat sich meistens eine kleine Gruppe von Menschen um uns gebildet, bis wir weitergezogen sind und haben, nämlich den Koffer, den einer von uns mitgenommen hatte. Einer von uns hatte ihn unter anderem mit zwei Winterjacken und sehr viel mehr Büchern gefüllt. Zwei Französinnen, die wir ab Janakpur so oft getroffen haben, dass sie alle Chancen auf eine Paranoia hatten (Sie waren fast immer vor uns da.), haben uns später erzählt, wie sie von ihrem Hotelzimmer aus fasziniert die drei Reisenden mit dem großen, orangefarbenen Koffer beobachtet haben. Ein Polizist hat uns schließlich den Weg zu der Straße mit den Hotels gezeigt.

Im Hotelrestaurant hat Malte, der ich nicht bin und der kurze Hosen getragen hat, festgestellt, dass es Moskitos gab. Praktischerweise haben sie sich primär für seine kurzen Hosen, also vor allem den zu langen Hosen fehlenden Teil interessiert.

Folgetag, Janakpur. In dem Restaurant, das als einziges in Lonely Planet erwähnt wird und nach dem sich dementsprechend alle anderen benannt haben (reine Spekulation), haben wir den Vormittag verbracht und uns danach die Stadt angeschaut (sofern man nicht schon die Besichtigung des Restaurants beachtet).

Loyal haben wir die Sehenswürdigkeiten besucht, die der Reiseführer aufgezählt hat. Den großen Mandir, das ist ein Hindutempel. Den einzigen Bahnhof Nepals. Immerhin hat er Anschluss nach Indien, sonst würde sich die Sache nicht lohnen. Eine Fair-Trade-Kooperative, in der nicht alphabetisierte Frauen Mithila-Kunst herstellen. Das ist der Kunststil, den Frauen in der Gegen traditionell zum Beispiel an Hauswänden anbringen, sieht ein bisschen nach mexikanischer Folklore aus und ein bisschen nach James Rizzi. Gerade weil viele der Tharu-Frauen nicht lesen und schreiben können, haben die Bilder auch eine protokollarische Funktion. Meistens zeigen sie Alltagsszenen, von, nun ja, vermutlich nicht alphabetisierten Tharu-Frauen.

Es gab da noch eine Attraktion. Das waren wir und ich weiß nicht, wieso. Wir saßen am Bahnhof und haben darauf gewartet, dass sich der Zug füllt (Ich gebe zu: Wir wollten einmal einen klischeehaft überfüllten Zug sehen, mit Fahrrädern an den Fenstern und Menschen auf dem Dach. Haben wir dann auch. Obwohl das Klischee eigentlich für Indien gilt.) Wir saßen da sogar ziemlich lange. Irgendwann standen drei junge Männer vor uns. Sie haben uns angeschaut. Das war alles. Aber es waren noch nicht alle. Wenig später standen da nämlich noch deutlich mehr junge Männer. Sie haben uns angeschaut. Das war alles. Dafür haben sie uns lange angeschaut. Wir saßen in einem Halbkreis. Wir haben uns unterhalten. Sie haben uns angeschaut, regungslos. Irgendwann hab ich sie begrüßt, soweit man eben in 180 Grad gleichzeitig grüßen kann. Sie haben uns angeschaut. Regungslos. Sie waren überhaupt nicht gewillt, zu interagieren, zu kommunizieren. Sie wollten beobachten. Die Situation war nicht bedrohlich, dazu waren sie zu apathisch. Jemanden auszurauben, ist eine ganz deutliche Interaktion. Sie wollten uns eben sehen, bis wir irgendwann langweilig wurden. Ich weiß nicht, wieso wir vorher eigentlich interessant waren. Dann jedenfalls sind die ersten gegangen und mit ihnen sehr bald auch alle anderen. Wir saßen am Bahnhof und haben darauf gewartet, dass sich der Zug füllt. Unbeachtet.

Das Phänomen der beobachtenden, jungen Männer ist für mich bisher einmalig geblieben. Ich habe nie zuvor und danach bisher nicht nochmal Menschen getroffen, die so einseitig in Kontakt getreten sind, die wahrnehmen wollten und sich gleichzeitig einfach geweigert haben, anwesend zu sein. Es gab in Janakpur noch ein paar andere Gruppen, deren Mittelpunkt wir waren, und einen Passanten, der seinen Kopf so tief über meinen Reiseführer gebeugt hat, dass ich den betreffenden Reiseführer nicht mehr gesehen habe. Aber die haben mit uns gesprochen. Allerdings waren es trotzdem auffallend viele...

Vielleicht hatte ich auch einfach nur Reis im Bart.
Die Beschreibung Janakpurs ist so noch einseitig, sogar zu einseitig, weil stereotyp. Höchstens eine Stunde später standen wir wieder irgendwo an der Straße. Ein Mann, der unsere Art des Herumstehens richtig gedeutet hat, hat uns gefragt, ob er uns helfen könne. Konnte er, deshalb haben wir die Fair-Trade-Kooperative dann auch noch gefunden.
Manchmal frage ich mich, wie es wäre, in Deutschland fremd zu sein, so orientierungs- und hilflos zu sein, dass andere es einem ansehen.
Die meisten Menschen haben uns übrigens nicht beachtet. Auch in Janakpur. Nur hab ich von denen nicht so viel zu erzählen.

Mein Gastonkel hat mir versichert, dass er die Sache mit dem Friseur keinesfalls vergessen hat.
Der meint es ernst!
                                  

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