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Nicht endender Regen

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Ich lese: "Warnung vor den Fluten"
Ich lese: "Wetterchaos"
Ich lese: "Heftige Regenfälle und Überschwemmungen"

Das ist ja so deprimierend.

Ich lese: "Schifffahrt streckenweise eingestellt"

In Nepal fahren keine Schiffe, nie. Die sind nämlich nicht hochgebirgstauglich. Sogar der Bergrücken in Fitzcarraldo hat nur 1500 Meter. Die Schlagzeilen stammen von Spiegel Online und es geht um Deutschland. Wozu bin ich denn dann eigentlich in Kathmandu und im Monsun?

Ich schreib den Blogeintrag trotzdem, schon aus Prinzip. Wenn jemand einen spannenderen aus dem Brettachtal schreibt, bitte, mir doch egal. Ich hab immerhin eine richtige innertropische Konvergenzzone. (In den Subtropen...? Vielleicht auch nicht. Dafür haben meine Recherchen auf Wikipedia ergeben, dass das Wort "Monsun" sich etymologisch aus dem arabischen "mausim" für "Jahreszeit" ableitet. Das ist bestimmt verwandt mit "mausam", Nepali für "Wetter". Und für "Limette". Soweit die editorische Notiz.)

 

Es ist Regenzeit

Jedenfalls hat Ende Mai die Regenzeit begonnen. Mit Regen, dieses Jahr. Und für mich mit einem Fußweg, das war das eigentliche Problem. Dabei hatte ich sogar einen Schirm, deshalb ist an meinem Hinterkopf eine Stelle trocken geblieben. Und sogar mein Laptop funktioniert noch, obwohl ich den im Rucksack hatte.

Neben mir liegt eine Taschenbuchausgabe von "Into the Wild", inzwischen wieder ziemlich trocken, ein bisschen was vom Cover ist abgeblättert. Das passt zumindest zum Buch, immerhin. Die Buchhandlung, wo ich es her hatte, ist letzten Samstag gleich abgebrannt.

Es gibt an der Straße vom Eiscafé in mein Viertel, dem Kantipath, einen Gehweg. Der ist erwartungsgemäß erhöht und unterbrochen von Seitenstraßen. Fußgänger stehen unter Schirmen und daher mit trockenen Hinterköpfen an den betreffenden Stellen und tasten mit den Füßen unter der Wasseroberfläche reißender Sturzbäche, um die Wassertiefe zu ermitteln. Darunter ich. Unter den Fußgängern, meine ich, nicht unter der Wasseroberfläche. Bisher jedenfalls.
Als der Monsun symptomatisch angefangen hat, war ich auf dem Weg ins Eiscafé. Als ich irgendwann wieder nach Hause wollte, war leider immer noch Regenzeit. Mit Regen.

 

Unterseeischer Zebrastreifen

Der Zebrastreifen ist überflutet. Ich hab das inzwischen überprüft. An der Stelle ist wirklich ein Zebrastreifen, auch wenn das Verhalten der motorisierten Verkehrsteilnehmer das nicht nahelegt, nicht mal bei Trockenheit. Als ich vom Eiscafé zurückzukommen versuche, ist ihnen da kein Vorwurf zu machen. Da ist nämlich kein Zebrastreifen mehr zu sehen.

Der Regen hört nicht auf und nutzt die Gelegenheit, zuzunehmen. Irgendwo auf dem Grund trete ich in ein Schlagloch. Außer meinem Hinterkopf ist sowieso schon alles nass. Ich komme an eine Fußgängerbrücke, eine Überführung, eigentlich, also über die Straße. Heute eine Brücke im traditionellen Sinn, also mit Fluss drunter. Von den Stufen kommt mir Wasser entgegen, ziemlich viel Wasser. Aber mir kommt eigentlich die ganze Zeit Wasser, ziemlich viel Wasser, entgegen, von oben und leider nicht zielgenau nach unten. Sonst wäre das betreffende Hinterkopfareal ja größer.

Ich passiere einen Sandhaufen, Straßenarbeiten. Die Straßenarbeiten sind natürlich unterbrochen. Von dem Sandhaufen fließt ein Bach. Das Wasser steigt.

Eine andere Straße, längst komplett unter Wasser und zwar unter ziemlich viel. Eine Einmündung am Rand. Kein Sturzbach. Männer, die Sandsäcke stapeln. Die Einmündung ist nämlich im Moment vor allem eine Ausmündung. Sie führt zwei Meter nach unten, da ist ein Parkhaus. Das ist bisher noch trocken und irgendwie ist das ein Problem. Es könnte nämlich nass werden. Sehr sogar.

Ich wate an den Sandsäcken vorbei. Ich taste mich durch eine andere Abzweigung, die auch ein bisschen abfällig ist, und achte darauf, dass mir das Wasser nicht die Füße wegzieht, mit denen ich nach dem Teer suche. Immerhin, die Straße ist geteert! Das wäre sonst ein Aquaplaning-Unfall ohne motorisierte Verkehrsteilnehmer. Eigentlich faszinierend.

 

Motorrad oder Jetski?

Ich biege wieder in eine größere Straße ein. Ein Jetski kommt vorbei. Vielleicht ist es auch ein Motorrad. So ein Ding, das zwei keilförmig zueinander stehende Wasserwände vor sich herschiebt, halt. Ein anderes Gefährt, eindeutig ein Motorrad, jedenfalls der Teil über dem Wasser, steht am Straßenrand, etwas Plastikmüll hat sich an ihm verfangen.
Am Straßenrand stehen, da, wo die Gebäude einen ein bisschen trocken halten, Menschen und schauen auf die Straße. Also in Richtung der Straße, denn die Straße ist ja nicht mehr zu sehen. Ich wate weiter, vorbei an langen Reihen von Zuschauern. Das hat was von der Tour de France.

An exponierter Stelle laufe ich sogar einer Fernsehkamera durchs Bild. Der Reporter hat währenddessen Schwierigkeiten, sich im Strom auf den Beinen zu halten.

Da, wo die Straße ihr Gefälle verliert, steht inzwischen auch der Gehweg unter Wasser. Es ist ganz in der Nähe von meinem Arbeitsplatz, ich kenne den Seitenweg, der wenige Hundert Meter entfernt auf einen Berg flüchtet, der so schnell zumindest nicht von stehendem Wasser überflutet sein kann. Ich biege ein und ziehe meine Flip-Flops (auch: „bistabile Kippstufe“) durch die Fluten. Meine Füße sind allmählich wund gerieben.

Vor mir sehe ich einen Mann. Durch den massigen Regen ruft er aufgeregt etwas auf Nepali. Schall verbreitet sich unter Wasser schließlich besonders schnell, allerdings ist niederprasselndes Wasser selbst ziemlich laut. Und das Nepali-Wort für „Baugrube“ kenne ich eh nicht. Aber ich verstehe ihn, verstehe, wieso er auf die Wasseroberfläche zeigt, ich kenne den Weg, weiß, dass da genau genommen gerade überhaupt keiner ist, eine Baugrube ist schließlich die Negation, wenn nicht gar die Inversion eines Weges.

Eine überflutete Baugrube wiederum ist mindestens die Negation einer sichtbaren Baugrube, deshalb aber noch lange kein Weg. Zwischen den angrenzenden Mauern sehe ich keine Baugrube, nur eine Wasseroberfläche, die glatt wäre, wenn der Regen sie nicht aufwühlen würde. Man kann sich ganz am Rand der Baugrube an einem Zaun entlanghangeln. Ich überlege es mir, schließlich kenne ich den Weg. Drei schreiende Passanten hindern mich daran, weiter über die Entscheidung nachzudenken. Ich schaue auf das leichte Wellen schlagende Wasser vor mir. Ja, stimmt, da haben sie jetzt auch gegraben. Ich beschließe, dass ich den Weg doch nicht kenne, und biege in eine weitere Seitengasse ein, von der ich weiß, dass da nicht gebaut wird. Ich will nicht in eine unterseeische Baugrube stürzen. Meine Füße sind wund und irgendetwas bleibt in meinen Schuhen hängen, bis ich es abschütteln kann.

Als ich wieder auf die Hauptstraße komme, stelle ich fest, dass der Kanal, aus dem ich gerade komme, sogar mit Sandsäcken gegenüber der größeren Straße abgesperrt ist. Da sprudelt nämlich ein Gulli.

Später stehe ich unter der Dusche, um zumindest von anderem Wasser durchnässt zu werden. Ich höre ein Donnern, permanent, es klingt nach sehr schwerem Gewitter. Ich brauche eine Weile, um zu begreifen, dass es von den Wasserrohren kommt, die das Wasser vom Dach ableiten. Also einen Teil davon. Meine Füße sind von den Flip-Flops aufgeschürft. Ich erinnere mich an das Wasser, durch das ich gewatet bin, und reibe die Wunden spontan mit Alkohol ab. Wenn es doch einfach nur Wasser wäre.

Zugegeben, eigentlich ist noch Vormonsun. Es regnet bisher nämlich zu selten. Die Nachrichten aus Deutschland sind eigentlich beeindruckender.

Aber Schiffsverkehr hat die Brettach auch nicht!
                      

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