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Vida Boliviana

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Bloggerina Annabelle berichtet von der "Vida Boliviana" in Santa Cruz de la Sierra. Essensgewohnheiten, Busfahrten und das Leben in Bolivien.

Dieser Blogeintrag ist der "Vida Boliviana" in Santa Cruz de la Sierra gewidmet. Santa Cruz de la Sierra ist die Haupstadt des Departamento Santa Cruz. Mit knapp Zwei Millionen Einwohnern bleibt es die größte Stadt Boliviens auf etwa 400 Höhenmetern. Durch ihre extreme Einwohnerzunahme in kürzester Zeit wird sie auch "die am schnellsten wachsende Stadt" genannt und ist strategisch in Ringen aufgeteilt, die jeweils im Süden, Western, Norden und Osten in Regionen eingeteilt sind. So bildet der erste Ring, der "1er anillo" das Zentrum und der neunte Ring, der letzte, die Gebiete am äußersten Stadtrand. Ich lebe zwischen dem fünften und sechsten Ring, an der Doble Vía la Guardia in der Avenida San Martin de Porres. Das ist zumindest das, was ich vor dem Taxifahrer am Wochenende um vier Uhr morgens runterleiere, wenn ich heim will.
 

Kein Frühstück

Zuerst einmal zu einer Sache, die mir gleich am Anfang meines Aufenthaltes hier bewusst wurde, nämlich die mangelnde Esskultur. Ihr werdet nun lächeln und meinen, dass das alles Geschmackssache ist, aber vielleicht überzeugen euch meine Beobachtungen.

Morgens wird hier oft nicht gefrühstückt. Bei manchen gibt es trockene Brötchen oder welche mit Marmelade, bei anderen frittierte Teigbatzen, bei uns in der Guardería gibt es Milchreis oder Haferbrei. Wenn man aber zu früher Stunde schon unterwegs auf der Ramada, einem der zwei großen Märkte, ist, kann man sehen, dass schon fleißig angefangen wird, Reis und frittiertes Hühnchen zu essen. Dreimal dürft ihr raten, was mittags gegessen wird – genau, Reis mit frittiertem Hühnchen. Und noch dreimal dürft ihr raten, was abends gegessen wird, nämlich auch Reis mit frittiertem Hühnchen.
 

Ein Euro für das Mittagessen

Jede Hauptmahlzeit, ausgenommen das Frühstück, besteht aus Suppe und Hauptgang. (Nahezu) jeder Hauptgang beinhaltet Reis und generell besteht die gesamte Mahlzeit aus so vielen Kohlenhydraten wie möglich. Bedeutet dann in der Suppenschüssel Nudeln mit Kartoffeln und auf dem Teller Reis mit Kartoffeln, Nudeln und Fleisch. Abwechslungsweise sind Bohnen anzutreffen. Diese Mahlzeiten werden von den Bolivianern oft nicht zuhause eingenommen, sondern in einer der vielen Pensiones, die eine Art Restaurant sind, aber oftmals für weniger als umgerechnet einen Euro ein Mittagsmenü mit Getränk anbieten.
 
Hungern muss man nicht nur wegen des billigen Essens nie, es wird einem auch einfach immer überall angeboten. Ist man mit dem Micro, so heißen die Linienbusse hier, unterwegs, laufen an jeder roten Ampel Verkäufer mit großen Körben Süßigkeiten, Chips oder Erdnüssen herum, die dann bei Bedarf durchs Fenster gegeben werden. Auch wenn man durch Santa Cruz Straßen läuft wird einem der Kauf etwas Süßem suggeriert wird, da alle paar Meter eine neue Einheimische mit Schubkarre gefüllt mit Süßigkeiten steht. Glücklicherweise gibt es als gesunde Alternative auch überall Karren voll mit Orangen und frisch und vor Ort gepresster Orangensaft wird angeboten.
 

Keine Mülleimer

Santa Cruz ist reich an Graffitis. Teilweise politisch, teilweise unpolitisch sieht man vieler Orts teilweise dilettantisch, teilweise künstlerisch wertvolle Parolen und Bilder. Hierbei sollte man wissen, dass dieser Evo, den alle niederdrücken wollen, der aktuelle Regierungspräsident ist und der sozialistisch geprägten Partei MAS angehört. Diese ist in Santa Cruz samt Präsident zutiefst verabscheut. Auch werden dem aufmerksamen Blick nicht die abenteuerliche Kabellegung und die fehlenden Mülleimern entgehen, die das Zentrum ausmachen.
 
Um noch mal auf die Micros zurückzukommen, muss man sich bei deren Benutzung an ein neuentwickeltes System anpassen. Dieses läuft theoretisch so ab, dass man generell überall in den Micro ein- und aussteigen kann. Das sieht praktisch so aus, dass ein Micro manchmal alle 500 Meter aufgrund eines "Pare por favor!" innerhalb des Busses oder eines Winken von einer am Straßenrand stehenden Person außerhalb des Busses anhält. Das macht die Fahrten unkalkulierbar und teilweise endlos lang.
 

Keine festen Fahrpläne

Hat man Glück kommen im fünf-Minutentakt Micros, hat man Pech, kann man ruhig mal 40 Minuten am Straßenrand stehen. Die Micronummern 48, 87, 88 und 121 bringen mich direkt vor meine Haustür und sind, wahrscheinlich deshalb, besonders selten anzutreffen… vor allem auf dem Heimweg abends um zehn nach dem Fitnessstudio. Fahrpreis beträgt egal wohin für Erwachsene 2bs und für Schüler und Studenten 1bs. Umgerechnet also jeweils circa 20ct und 10ct pro Fahrt. Je nach Uhrzeit gleicht jene Fahrt dem Aufenthalt in einer Sardinenbüchse, nur bei circa 30°C. Besonders abends, zwischen 18 und 22 Uhr ist Feierabendverkehr, lassen sich leicht sexuelle Spannungen bemerken, wenn man eng an einen Bolivianer gepresst seinen Atem im Nacken spürt. Nicht jedermanns Sache!
 

Nicht sehr gastfreundlich

Im Zweifelsfall kann man sich auch ein vergleichsweise teures Taxi nehmen. Hierbei ist zu beachten, dass die ausgefuchsten Taxifahrer gerne den Standardpreis um 10-20bs anheben, wenn ein Blondie einsteigt. Generell findet man in ganz Bolivien die von mir fast schon als Rassismus bezeichneten Preisanhebungen, wenn es um Ausländer geht. Nicht nur in Nationalparks darf man dann locker das Doppelte bezahlen, auch bei normalen Busfahrten erlebte ich es schon, dass mein Nebensitzer 80bs auf dem Ticket stehen hatte, wo bei mir 120bs stand. Über diesen Zustand kann man streiten, doch meiner Meinung nach macht diese Unterscheidung zwischen Ausländer und Einheimischen das Land für Touristen nicht sehr gastfreundlich, obwohl es das bitter nötig hätte.
 
Fast täglich und ganz bestimmt bei jeder Reise fallen mir neue Dinge auf, die ich euch mitteilen möchte, doch um alles aufzuschreiben, würde ich mehr als nur diese knapp 900 Wörter benötigen. Genug für heute und bis zum nächsten Mal, wenn ich euch von meiner neuen Arbeit erzählen kann!
              

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