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Tote Mädchen lügen nicht. So ist das Serienfinale

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Hannah Baker lebt nicht mehr. So viel ist zu Beginn von „Tote Mädchen lügen nicht“ klar. Wie es zu ihrem Suizid kam, schildert Hannah selbst in Form von 13 bespielten Kassettenseiten. Die erste Staffel der Netflix-Serie wurde kontrovers diskutiert. Einige hielten die Show für einen wichtigen Gesprächsanstoß zu noch wichtigeren Tabuthemen. Andere befürchteten den Einfluss diverser schonungsloser Szenen auf Teenager – trotz der zahlreichen Triggerwarnungen. Was letzten Endes auch dazu führte, dass das Premierenstaffelfinale noch einmal gekürzt wurde. 

Hannahs Umfeld nach ihrem Suizid 

Der Stoff des Buches, auf dem „13 Reasons Why“, wie es auf Englisch heißt, basiert, ist jedoch nach der ersten Staffel bereits ausgeschöpft. Egal, die Leute mochten es, oder haben zumindest darüber geredet – also gibt es mehr von Clay und den Schülern der Liberty High School

Im Jahr darauf also behandelte die Serie, wie Hannahs Umfeld mit den Konsequenzen ihres Todes klarkommt. Es formen sich unerwartete Freundschaften, die Frage, ob die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden, klärt sich und – so sah es damals jedenfalls aus – Clay erholt sich von seiner ersten Liebe, die niemals sein sollte. 

Mitleid um Bryce Walker

Eigentlich ein schöner Schlusspunkt. Könnte man meinen. Staffel drei sollte uns eines Besseren belehren – schafft aber genau das Gegenteil. Bryce Walker ist ermordet worden, wir sollen noch dazu mit ihm Mitleid haben (er hatte um die zehn Mädchen vergewaltigt) und eine neue Figur drängt sich unangenehm auf, dass man sich wundert, was sie mit all dem eigentlich zu tun hat. 

Das Ende der Storyline ist schrecklich und die Staffel insgesamt mindestens fünf Folgen zu lang

Die letzte Staffel 

Aber damit sind wir immer noch nicht fertig. Wer dachte, die Geschichte um Bryce war unnötig, der wird sich, wie ich übrigens, eigentlich nur über die letzte Season aufregen. 

Warum ich sie dennoch geschaut habe? Die Charaktere sind mir ans Herz gewachsen. Auch wenn sie ein schlechtes Drehbuch bekommen, dumme Dinge sagen und machen – ich will, dass es ihnen gut geht, dass sie glücklich sind. 

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Ab hier gibt es jetzt einige Spoiler. Wenn ihr Staffel vier noch nicht gesehen habt – lesen auf eigene Gefahr. 

Wir fangen dort an, wo Staffel drei geendet hat. Monty wird im Gefängnis getötet. Die Freunde nutzen die Gelegenheit, um Bryce‘ Mord, den Alex und Jessica begangen haben, dem Klassenkameraden anzuhängen. Nur leider hat der ein Alibi. Eine Partybekanntschaft, mit der Monty geschlafen hat, als Bryce umgebracht wurde: Winston. Der wechselt an die Liberty High, um herauszufinden, was wirklich passiert ist. 

Gelungene Coming-Out-Story 

Alles klar, nun erst einmal zu den Dingen, die ich tatsächlich mochte. Alex‘ Coming-Out-Story war wirklich süß und hat mich glücklich gestimmt. Vor allem von dem kleinen Liebesdreieck war ich begeistert. Charlie und Alex werden am Ende sogar die Abschlussballkönige und sind damit das gesündeste Paar in der gesamten Serie. Die Subtilität der Erzählart ist wunderbar – bei „Thirteen Reasons Why“ ist schwul zu sein keine große Sache (zumindest bei dieser Mittelklassefamilie) – wie in anderen filmischen Vertretern der Popkultur. Es ist normal – Alex hat eben keine Freundin, sondern einen festen Freund. Ist doch schön! Diese Normalität in einer Teenagersendung zu zeigen, ist so wichtig. Alex' Mutter formuliert es richtig: „Behandelt er dich gut und macht er dich glücklich? Dann könnte ich mir keinen besseren Freund für dich wünschen!“ 

Ein weiterer Pluspunkt? Ich flog durch die letzten Folgen von „Tote Mädchen lügen nicht“. Das lag vor allem an den wirklich fabelhaften und atemraubenden Cliffhangern am Ende jeder Folge. Zudem bekam Pechvogel Tyler ein nettes Ende mit einer einfühlsamen Freundin. Wenn auch deren Hintergrund etwas seltsam scheint. 

Deplatzierte Horrorelemente 

Da hören die positiven Aspekte aber auch schon auf. Nachdem Brian Yorkeys Teenagerdrama schon zum Krimi umfunktioniert wurde, geht Staffel vier noch einen Schritt weiter und bringt sogar noch Horrorelemente ins Spiel – die total deplatziert wirken. 

Clay verliert vollkommen den Verstand. Es ist wirklich ermüdend, ihm dabei zuzusehen, wie ihn die Schuld immer weiter verschlingt. Blackouts und brennende Autos sind die Folge. Leider sind Clays Ausbrüche irgendwie seit Staffel eins an der Tagesordnung und nach einiger Zeit ist man einfach nur noch genervt. Ich bin auch nicht wirklich sicher, zu wie viel Prozent die Mental Health Thematik in Clays Fall realistisch ist. Und wenn sie es sein sollte, ist sie umständlich und auf haarsträubende Weise erzählt. Die Beziehung zu Justin, die noch eines meiner Highlights der letzten Staffel war, ist jetzt durch die unmöglichen, von Neid durchzogenen, fiesen Ausbrüche Clays geprägt. Was Justins Gesundheit ebenfalls beeinträchtigt. Muss das sein?

Unnötig scheint das Leitthema der Serienproduzenten gewesen zu sein. Die Bedrohung durch Winston und ein paar der Footballspieler, die nicht glauben wollen, dass Monty so weit gegangen wäre, seinen besten Freund Bryce zu töten, wird in dem Moment hinfällig, als sie die Wahrheit herausfinden. Diego ist in Jessica verliebt, will sie schützen. Winston ist der dritte Teil des Lovetriangles zwischen Alex und Charlie. Er hält im Endeffekt auch dicht. Wieso also dieses langgezogene Sterben einer bereits toten Sendung? 

Zu viele Tabuthemen

Zu viele Tabuthemen kommen auf den Tisch. „Thirteen Reasons Why“ will auf allen Hochzeiten tanzen und übernimmt sich dabei leider. Die Folge mit der simulierten Amokübung plus Platzpatronenschüssen und Polizisten, die sich als Attentäter ausgeben, ist zwar heftig (und leider Realität in den meisten amerikanischen Schulen) allerdings hebt sie sich selbst irgendwie durch den fast schon lächerlich anmutenden, anarchischen Aufstand der Schülerschaft auf. 

Einiges, wenn nicht gar alles, was einen aufstöhnen lässt, fühlt sich ziemlich gekünstelt an. Kommen wir zum Punkt, der mich um zwei Uhr nachts so laut weinen ließ, dass ich fürchtete, meine Nachbarn aufzuwecken. 

Justin. Zuerst ein eher unsympathischer Kerl, verkörperte Justin Foley so ziemlich den Prototyp eines Teenager-Durchschnittsdeppen. Sportler, eher begrenzter Horizont, Mobber. Außerdem Bryce' bester Freund. 

Schockierende Enthüllungen

Nach ein paar schockierenden Enthüllungen verschwindet Justin, lebt auf der Straße, wird drogenabhängig. Um Gerechtigkeit für Hannah und Jessica zu bekommen, startet Clay eine Suche nach ihm und hilft Justin, clean zu werden. Schließlich beschließen Clays Eltern sogar, Justin zu adoptieren und ihm ein neues Zuhause zu schenken. 

Damit hat Clays Adoptivbruder wohl die krasseste Verwandlung hingelegt. In Staffel vier geht es ihm endlich gut, so denkt man zumindest die meiste Zeit der Season. Wie oben schon erwähnt, ist allerdings Clay alles andere als nett zu ihm. Ziemlich grausam, nachdem Justin doch nur etwas Verständnis und Liebe sucht, nach allem, was er durchmachen musste. 

Doch es kommt noch dicker. Justin fühlt sich immer ausgelaugter, hustet stark. Auf dem Abschlussball bricht er zusammen. Schon in vorherigen Szenen hat man gesehen, dass die Liberty High auch in der letzten Staffel einen Toten zu beklagen hat. Noch ein paar Szenen vorher dachte ich, wie am Boden zerstört ich wäre, falls es Justin sein sollte. Und ich hatte Recht.  

Das Schlimmste an seinem Tod: Er wird unnötig grausam in die Länge gezogen (wie die Serie insgesamt – wie vorhin erwähnt). Justin vegetiert in seinem Krankenhausbett dahin. Seine Familie und Freunde verabschieden sich. Clay bekommt mitgeteilt, dass Justins HIV-Infektion sich zu einer schnellen AIDS-Erkrankung entwickelt hat und er nur noch eine Woche leben wird. 

Mein Fazit

Zwischen den beiden gibt es eine Aussprache (obwohl Clay sich nie explizit für sein Verhalten entschuldigt), sie erklären, wie lieb sie sich haben, es wird viel auf dem Flur gewartet – wie bei einer Geburt nur irgendwie rückwärts – und dann ist Justin tot. 

Dabei bleibt ein bitterer Beigeschmack. Nachdem ich mich beruhigt habe, durch die Tränen wieder klar sehe und meine Schluchzer sich verflüchtigt haben, denke ich über das Gesehene nach. Wieso war das jetzt notwendig? 

Wieso hat der Charakter, der die beste und tiefschürfendste Verwandlung durchgemacht hat, nun an einer Krankheit sterben müssen, die schon lange kein zwangsläufiges, unüberwindbares Todesurteil mehr bedeutet? 

Ich denke, die Antwort ist simpel: Um mich, den Zuschauer, zu schockieren, zu brechen, mir Kummer zu bereiten. Keiner schien mehr zu wissen, was man mit den Charakteren noch anstellen könnte. Also lässt man einfach die Hälfte wild durcheinander sterben. Gutes Storytelling ist etwas anderes. Ich werde einfach so tun, als gäbe es die letzten zwei Staffeln nicht. Ist vermutlich das Beste. 

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