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Zeit des Reflektierens

Übersicht

Nach einigen Monaten Stille, fühle ich in diesem Moment, vielleicht zum ersten Mal seit Beginn des Blogs, einen Drang zu Schreiben. Was folgt ist wohl mehr ein Blogeintrag für mich selbst, als für die Öffentlichkeit, aber ich denke es ist ein guter Einblick in Gedanken, mit denen sich wahrscheinlich alle Freiwillige im Ausland zu einem gewissen Zeitpunkt auseinandersetzen müssen.

Zeit zum Nachdenken

Stromausfall. Mal wieder. Die einzige Lichtquelle, in völliger Dunkelheit in und um mein Schlafzimmer, ist der Bildschirm meines Laptops auf dem ich gerade schreibe. Es ist 8 Uhr abends und schon seit einer Weile dunkel, was in Kambodscha allerdings nicht heißt, dass das Schwitzen aufhört. Musik im Hintergrund. Adrians Gitarre wird von Fröschen und Grillen begleitet.

Die letzten Wochen waren anstrengend. Über 40°C und mehr Verantwortung denn je. Wir hatten eine Pause gebraucht, und verbrachten deswegen zwei ruhige Tage im Haus von Pechs (einer der drei Musketiere im Learning Center) Familie.

Den Rückweg bestritten wir in einem Minivan, Transportmittel der Wahl für alles und jeden der in Kambodscha günstig von A nach B will. Reisen in diesen 11-Sitzern (in Kambodscha auch 26-Sitzer genannt), in denen man in der Regel dicht an dicht, mit kambodschanischen Reisenden eine mobile Sauna genießt und in denen Beinfreiheit definitiv kleingeschrieben wird, sind für mich trotz der meist "beklemmenden“ Umstände, Zeit für Reflektion und freier Raum für meine Gedanken.

Abschied nehmen ?

In letzter Zeit muss ich viel über das Ende meines Freiwilligendienstes nachdenken. Es sind nun nicht einmal mehr drei Monate bis ich wieder nach Deutschland zurückkehre und ich spüre schon seit einer Weile wie mir die Zeit wie Sand durch die Finger rinnt. Meine bisherigen acht Monate waren eine unglaublich intensive Zeit. 

Vor weniger als 4 Wochen hatte ich den Spaß meines Lebens in den Wasserschlachten um Khmer New Year (vom 14. - 18. April), aber erst letzte Woche wurde ich Zeuge eines Motorradunfalls, der das Gesicht eines Mannes für den Rest seines (dank des Helmes geretteten) Lebens entstellt hat. Dieser Kontrast von Höhen und Tiefen, Reichtum und Armut, Aufbau und Verfall zieht sich durch all meine bisherigen Erfahrungen in Kambodscha.

Aus all dem und noch vielem mehr habe ich gelernt und durch all meine Erfahrungen bin ich gewachsen. Dessen bin ich mir sicher und ich bin gespannt, was dies für mein "normales“ Leben zurück in Europa bedeuten wird. Weshalb ich aber fühle, dass mir die Zeit ausgeht, ist nicht wegen dem was ich nach Hause bringen will, sondern wegen dem was ich hinterlassen werde.

Fortschritt ermöglicht

In meinem letzten Bericht habe ich über meine Pläne für die zweite Hälfte meines Freiwilligendienstes geschrieben und einiges hat sich in dieser Hinsicht getan. Durch viele bemerkenswert großzügige Spenden für unsere Farm, haben wir nun ein Budget das uns einige wichtige Investitionen für die Regenzeit ermöglichen wird.  

Für den Verkauf unserer Seife haben wir mittlerweile drei Partner in Kampot Town gefunden, die bereit sind unsere Seife zu verkaufen, wobei diese Partnerschaften noch in den Kinderschuhen stecken und ausgebaut werden können. Auch die Bemühungen mehr Kulturangebote zu machen nimmt langsam Gestalt an. So wird zum Beispiel am 17. Mai eine Gruppe von "Cambodian Living Arts“ - Musikern in der nahegelegenen öffentlichen Schule und in unserem Center auftreten.  

Man kann also Fortschritt sehen, allerdings merke ich jetzt, wo ich versuche etwas mehr auf die Beine zu stellen, wie viele weitere Möglichkeiten es gäbe und wie viele ich nun im Hinblick auf die immer knapper werdende Zeit schon verpasst habe. Und auch zu meiner Hauptaufgabe, dem Unterrichten, stelle ich mir immer wieder die Frage, wie viel ich den Kindern tatsächlich vermitteln kann.

Letzte Motivation

Die Menschen hier sind mir sehr ans Herz gewachsen, und gerade die Kinder, für die ich nicht nur "teacher“, sondern auch Freund, Spielkamerad, großer Bruder und Vaterfigur bin, haben eine noch ungeschriebene Zukunft mit enormen Potential.

Es wird schwer werden allen auf Wiedersehen zu sagen, aber bis dahin und auch nach meiner Zeit in Kambodscha werde ich mein Bestes geben, alle auf ihrem Weg zu unterstützen. Das Licht geht an. Der Strom ist zurück.

 

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