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Tempo, Tempo und viele Fragen

Übersicht

Die Anfänge sind manchmal so schwierig. Besonders wenn der Anfang in einem fremden Land ist und die Leute eine fremde Sprache sprechen. Mein Name ist Emad und ich bin 22 Jahre alt. Syrien ist das Land, aus dem ich komme. Vor zwei Jahren bin ich nach Deutschland geflüchtet. Am Anfang wusste ich gar nicht, was mich erwartet oder was ich erleben würde.

Missverständnis

Ich habe viele Situationen erlebt und bin vielen Schwierigkeiten und Problemen begegnet. Aber ich war bisher nie hoffnungslos. Ich habe immer positiv gedacht und an mich geglaubt. Ich sage mir  immer, dass es morgen gut und schön wird. Manche Situationen, die ich erlebt habe, waren peinlich, traurig – aber auch lustig.  Vielleicht  sind sie auch deshalb lustig, weil sie schon vorbei sind. Ich bin persönlich Fußballfan  und liebe den Sport sehr.  Als Kind habe ich  viel Fußball in der Schule und mit Freunden auf der Straße gespielt. In Syrien haben wir keine öffentlichen Spielplätze. Auf den wenigen, die es gibt, muss man Eintritt bezahlen. Also  haben wir damals vier Steine als Tore  auf die Straße  gelegt und einfach miteinander gespielt. Als ich nach Deutschland gekommen bin, bin ich zu einem Sportverein gegangen und wollte weiter Fußball spielen. Damals konnte ich ein paar Worte Deutsch sprechen und verstehen. Ich bin zweimal in der Woche gegangen und habe trotzdem  nie verstanden, was der Trainer gesagt hat.

Im Training war ich immer der letzte Fußballspieler, der an der Reihe war. Ich wollte der letzte sein, um bei den anderen abgucken zu können. Eigentlich habe ich nur getan, was ich gesehen habe und so langsam die Anweisungen des Trainers verstanden. Einmal mussten wir eine halbe Stunde lang laufen. Wir sind gerade einmal fünf Minuten gelaufen, da hat der Trainer plötzlich geschrien: "Feuer, Jungs! Feuer!" Ich habe mich gefragt: "Was ist los, warum schreit er so? Brennt es, oder wie?" Dann schrie er: "Tempo!" Endlich benutzte er ein Wort, das ich verstand. Taschentücher habe ich wegen meinen entzündeten  Nasennebenhöhlen oft gebraucht – sie waren immer in meinem Rucksack. Aber im Training hatte ich natürlich keine Tempos dabei. "Hast du eins für mich?" Mein Mitspieler hat sich kaputt gelacht und mich aufgeklärt. Mittlerweile weiß ich, dass "Tempo" auch "schneller" bedeutet. "Feuer" schreien die deutschen Trainer, um ihre Spieler zu motivieren. Auf Arabisch schreien sie: "Yalla! Yalla! Yalla!" Glücklicherweise hat "Tempo" nur zwei Bedeutungen. "Yalla" hat 50.

Unterschiede

Frauen mit raspelkurzen Haaren zu sehen, war am Anfang komisch für mich. Bei uns in Syrien ist ja schulterlang schon kurz. Manche Frauen, die kein Kopftuch tragen, haben solche kurzen Haare. Rasierte Kurzhaarfrisuren deutscher Frauen waren deshalb ungewohnt für mich – und mir sind viele von ihnen aufgefallen. Ich bin manchmal ein neugieriger Typ. Dass sich eine ganz gewöhnliche Frau die Haare so kurz schneiden lässt, konnte ich mir einfach nicht vorstellen. Manche Frauen sahen in meinen Augen fast wie Männer aus. Sie trugen keinen Schmuck, hatten keine kurvige Figur. Manchmal war ich verwirrt: Mann oder Frau?  Diese Situation ist eine von vielen lustigen, die ich hier in diesem Land erlebt habe.

Applaus

In meinem Heimatland habe ich nie gesungen. Höchstens im Badezimmer unter der Dusche. In Beilstein habe ich ein Jahr in einem Asylantenheim gewohnt. Dort gibt es einen Freundeskreis Asyl. Wichtig zu wissen: 2015 konnte ich noch kein Deutsch. Ich habe erst im Mai 2016 angefangen, Deutsch zu lernen. Die Asylfreunde haben uns eines Tages zu einer Veranstaltung eingeladen. Dort gab es einen Chor, der gesungen hat. Ich habe auch nicht verstanden, was die Leute gesungen haben. Als sie fertig gesungen haben, habe ich nur geklatscht. In Beilstein habe ich auch eine sehr nette Frau kennengelernt. Sie heißt Brigitte Dürl und gehört zu dem Freundeskreis Asyl.  Nach jedem Lied hat sie mich gefragt: "Gefällt dir, Emad?" "Ja, ja natürlich! Sehr schön", habe ich geantwortet. Ich wusste aber nicht, ob  das wirklich schön war oder mir gefallen hat. Am Ende hat Frau Dürl mich gefragt: "Willst du das machen?" Ich habe wieder geantwortet: "Ja, ja natürlich." Dabei wusste ich nicht, was sie mich gefragt hat, oder was ich machen wollte. Brigitte Dürl  hat eine Bekannte, die als Chorleiterin arbeitet und Timea Toth heißt. Frau Dürl hat Timea Toth gefragt, ob sie einen syrischen Flüchtling in den Chor nehmen möchte. Dann kam Frau Dürl zu uns und hat mir gesagt: „Am Donnerstag holt dich die Chorleiterin ab.“ Ich habe gefragt: "Wo?" "Zum Chor! Willst du nicht mehr?" "Doch, doch. Natürlich", habe ich geantwortet. Ich wusste nicht, was passieren würde oder was ich dort tun sollte.

Freundschaft

Ich bin zum Chor gegangen. Ich habe viele neue nette Leute kenngelernt, und besonders Timea. Ich habe mich gefragt: Ist das Schicksal? Im Lauf der Zeit ist Timea als Mensch für mich und mein Leben sehr wichtig geworden. Wenn ich jemanden brauchte, war sie immer für mich da. Sie ist für mich die Mutter, die Schwester und die Freundin, welche immer für mich ein offenes Ohr hat. Sie hat mir in vielen Situationen geholfen. Ohne sie wüsste ich nicht, was ich tue – als ein Mensch in einem fremden Land, das ich vorher nicht kannte. Das war wirklich eine der schönsten Situationen in meinem Leben in Deutschland. Zum Glück habe ich am Anfang nichts verstanden, sonst hätte ich Timi vielleicht nie getroffen. Meine Verständigungsprobleme  haben mich also mit einem tollen Menschen in Kontakt gebracht.  

Zur Person

Emad Almansour kam vor zwei Jahren als Flüchtling nach Deutschland. Im vergangenen Jahr wurde der Asylantrag des Syrers bewilligt. Heute wohnt er mit zwei Studenten aus Kamerun in einer WG in Heilbronn-Böckingen. Mit einem Praktikum bei der Heilbronner Stimme möchte der 22-Jährige seinem Traum ein Stück näher kommen – er möchte Journalist, am liebsten Fernsehjournalist,  werden. Seit anderthalb Jahren besuchte Emad regelmäßig Deutschkurse bei der AIM – seine Fortschritte sind beeindruckend. Den Text auf dieser Seite hat er fast komplett alleine verfasst.

 

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