Stimmt.de

Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Baustelle: Perfekter Körper

Übersicht

Völlig ausgepowert sitze ich auf der Bank der Umkleide des Fitnessstudios. Meine Hände sind eiskalt und mein Magen gibt hilfeschreiende Laute von sich. Doch beides ignoriere ich gekonnt. Um mich herum dreht sich alles und ich frage mich, wie ich bloß nach Hause kommen werde. Mein Fahrrad wartet bereits vor dem Fitnessstudio und rundet meine mörderische Trainingseinheit ab. Irgendwie schaffe ich es doch, mich aufzuraffen, setzte mein schönstes Lächeln auf und laufe freudestrahlend aus dem Fitnessstudio, doch kaum habe ich das Studio verlassen, schießen mir Tränen in die Augen.

"Perfekte" Vorbilder

Das war in der Startphase meiner Essstörung: Durch Instagram und Co. stieß ich auf sogenannte Fitness-Influencer wie beispielsweise Pamela Reif oder Sophia Thiel. Ihre perfekt geformten und definierten Körper, die kein Gramm Fett zu viel besitzen, spornten mich an und ich wollte auch so perfekt sein wie sie. Dass solche Influencer auch nur Menschen sind und keineswegs perfekt, sondern lediglich Meister der Illusionen und der Bildbearbeitung sind, lies mich völlig kalt.

So begann ich, härter zu trainieren und bewusster zu essen. Das harte Training machte mir Spaß, so powerte ich mich täglich für drei Stunden im Fitnessstudio aus. Auch die Ernährung machte mir keineswegs Probleme - mit dem Kalorienzählen war ich vertraut. Völlig gedankenlos ignorierte ich die Warnrufe von Familie und Freunden, zählte abermals Kalorie um Kalorie, wog Lebensmittel ab und ernährte mich eiweißreich und kalorienarm.

Gefährliche Warnsignale

Das Ganze verlief einige Wochen so, bis ich nach und nach einiges an Gewicht verloren hatte und nur noch ein Schatten meiner selbst war. Doch trotz allem rackerte ich mich Tag für Tag im Fitnessstudio ab und aß nur eine bestimmte Kalorienzahl. Zu meinem 18.Geburtstag bekam ich eine Fitbit (Sportuhr), die mein Vorhaben nur zu gut unterstützte.

Das erste Warnsignal war, als mich Mitglieder meines Studios auf meinen harten Trainingsplan ansprachen. Darauf erwiderte ich nur, dass ich einfach gerne Sport mache. Allerdings sagte ich immer öfter Freunden ab, um keine Trainingseinheit mehr zu verpassen und mein Trainingspensum noch mehr zu steigern. Am Ende bestand mein Tag im Großen und Ganzen nur noch aus Sportmachen.

Gleichzeitig fuhr ich meine Kalorienzahl stark herunter, da ich meinen Körper noch mehr perfektionieren wollte. Ich war regelrecht fasziniert, was man durch Ernährung und Sport alles regulieren und wie man sich so den perfekten Körper schaffen konnte. Durch meine Essstörung war nach und nach jegliche Lebensfreude aus mir gewichen. Mein Leben bestand nur noch aus Sport. Doch ich konnte nicht mehr aus dem Teufelskreis ausbrechen - zumindest nicht alleine.

Eisige Kälte

Ein prägendes Ereignis war, als mich der Chef meines Studios ansprach: Er und auch viele andere Mitglieder würden sich Sorgen machen. Das stimmte mich nachdenklich, und ich wollte etwas ändern, aber der Sport und auch das Kalorienzählen gaben mir so viel Halt in meinem Leben, dass ich erst nach einiger Zeit den Kampf gegen die Essstörung antreten wollte. Zumal ich mich seit langem einmal in meinem Körper wohlfühlte, auch wenn ich dafür einen halsbrecherischen Trainingsplan und einen strengen Ernährungsplan in Kauf nehmen musste.

Erst nach und nach merkte ich, was mir die Essstörung alles nahm und wie eingeschränkt ich doch war: Mein Körper litt unter starken Mängeln, ausbleibender Periode und ständigem Hunger. Das Schlimmste jedoch war das Frieren: Ich fror sowohl äußerlich als auch innerlich. Meine Hände waren der personifizierte Gefrierschrank, und in mir drin herrschte eine eisige Kälte und vor allem eine Leere, denn ich war so gefühlskalt wie noch nie.

Der Kampf beginnt

Tag für Tag arbeitete ich meinen Trainingsplan wie eine Maschine ab und fiel abends erschöpft ins Bett. Oft konnte ich vor Hunger nicht schlafen oder mir wurde sogar schlecht davon. Doch irgendwann kam der Tag, als ich zum ersten Mal in den Spiegel sah und zu mir sagte: “Entweder, du kämpfst gegen die Essstörung, oder dein Leben macht keinen Sinn mehr, denn mit Essstörung ist dein Leben nicht mehr lebenswert“.

Das Ganze ist vor etwa drei Wochen geschehen. Seitdem kämpfe ich Tag für Tag gegen die Essstörung, mal mehr, mal weniger. Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass ich eines Tages wieder mit Freude und intuitiv essen kann und keine Kalorien mehr zählen muss, denn mittlerweile komme ich mir vor, wie ein wandelndes Kalorienlexikon.

All denen, die den Vorbildern auf Instagram nachstreben, möchte ich sagen: Nehmt euch, wie ihr seid, denn auch Influencer haben Speckfalten oder Problemzonen, und das Wichtigste im Leben ist, dass man zufrieden und glücklich ist, egal in welchem Körper. An dieser Stelle möchte ich auch meiner Familie und meinen Freunden danken, ohne die ich den Kampf schon längst aufgegeben hätte.

 

Anzeige

Galerien

Regionale Events