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"Kein Bock auf Nazis!"

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Samstagmorgen, 5 Uhr. Da muss schon ein sehr guter Grund herhalten, um um diese Uhrzeit aufzustehen. Den gab es aber allemal am Samstag, den 21. November: 

Die NPD veranstaltete mittlerweile zum vierten Mal hintereinander ihren Bundesparteitag in Weinheim. Trotz mehrerer Versuche der Stadt Weinheim, diesen verbieten zu lassen, konnte sich die NPD schlussendlich wieder einmal durchsetzen. Was die Stadtverantwortlichen leider nicht erreichten, versuchte die Initiative "Nazifreies Weinheim" über eine groß angelegte Gegendemonstration zu erreichen.

Gesagt, getan: unter dem Motto "Stoppt den Bundesparteitag der NPD" legten die Veranstalter großen Wert darauf, den NPD-Bundesparteitag nicht nur mit Gegendemonstrationen zu stören, sondern ihn auch mit Mitteln des zivilen Ungehorsams so weit wie möglich zu verhindern

Drei Stunden Verspätung

Doch alles der Reihe nach. Noch nicht so richtig bei der Sache, stand ich an besagtem Samstagmorgen mit ein paar Freunden am Hauptbahnhof in Heilbronn, um von dort aus mit einem Autokonvoi von sechs Fahrzeugen in Richtung Weinheim zu fahren. Als sich alle versammelt hatten, insgesamt starke 20 Personen, setzten wir uns in Bewegung. Die erste halbe Stunde der Fahrt lief alles nach Plan, pünktlich um 8 Uhr in Weinheim anzukommen. Doch es kam uns auf der A6 zwischen Heilbronn und Weinheim eine Vollsperrung dazwischen, die unseren Zeitplan ordentlich durcheinander brachte. Der Grund war ein schwerer Autounfall, der zur Folge hatte, dass wir drei Stunden lang auf der Autobahn festsaßen. Das einzig Positive daran: ein wenig Schlaf nachholen.

Mit dreistündiger Verspätung gelangten wir dann doch nach Weinheim. Das war um 11 Uhr. Kurze Enttäuschung machte sich breit, als wir erfuhren, dass die Sitzblockaden der Antifaschisten, die den Zugang der Nazis zur Stadthalle blockieren sollten, da schon von der Polizei mit unerfreulichen Maßnahmen aufgelöst wurde. Nach und nach sickerte durch, dass die Polizei mit roher Gewalt in Form von unnötigen Pfeffersprayeinsätzen und Schlagstöcken die Sitzblockaden auseinandertrieb und gleichzeitig 150 Personen festnahm. Eine Demonstrantin wurde sogar so schwer verletzt, dass Sie mit Ausfallerscheinungen ins Krankenhaus gebracht werden musste .Dieser "Kessel", so bezeichnet man eine Gruppe von Demonstranten, die von der Polizei umstellt sind, musste dann über mehrere Stunden in klirrender Kälte und Regen stehen, bis sie ohne rechtlichen Grund nach Mannheim abtransportiert wurden. 

Unverständnis für die Polizei

Unter uns und den zahlreich anderen Demonstranten machte sich Wut darüber breit, dass die Polizei so gegen Menschen vorgeht, die Nazis blockieren wollen. Wohlgemerkt die Nachfolgepartei der NSDAP, die Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte mindestens relativiert und, noch viel abscheulicher, sich klammheimlich darüber freut, wenn Menschen auf dem Mittelmeer ertrinken. Die eigentliche Schande ist aber, dass die NPD auf legitimen Boden bestehen darf und zahlreiche Verbotsversuche, jetzt aufgepasst, daran gescheitert sind, dass das Bundesverfassungsgericht in einigen Fällen nicht differenzieren konnte, wer in der NPD Geheimdienstmitarbeiter (V-Männer), Nazi oder sogar beides ist. 

Um den Abtransport der Verhafteten nach Mannheim zur "Gefangenensammelstelle" zu verhindern bauten sich gegen 12 Uhr ca. 250 Demonstranten vor den von der Polizei organisierten Bussen auf, um deren Weiterfahrt zu blockieren. Unsere Gruppe mit darunter harrte so eine Stunde lang aus, bis die Polizisten leider andere Wege fanden, die Busse zu den 150 Gefangenen zu bringen. Für manche unter uns war das die erste Teilnahme an einer Demo gegen Nazis und dementsprechend flatterten ihnen schon die Nerven, wenn sich ein Polizist keine zwei Meter entfernt, vor ihnen in kompletter Ausrüstung aufstellte. 

Diese Spontanaktion erzielte ihren gewünschten Erfolg ebenfalls nicht. Da war der Tag aber noch lange nicht zu Ende. Ab 13 Uhr folgte die große Gegendemonstration, an der schätzungsweise 2500 Personen teilnahmen. Im letzten Jahr waren es gerade einmal 400. Redebeiträge von verschiedensten Initiativen am Weinheimer Hauptbahnhof sorgten für die richtige Stimmung, in denen nicht nur die Nazis verbal verprügelt wurden, sondern auch der im NSU-Prozess so unrühmliche und peinliche Verfassungsschutz, durch die sogenannten V-Männer von Nazis durchsetzt, heftig angegriffen wurde. Ein Zitat blieb dabei im Kopf hängen: "Ist er nur überflüssig – oder gefährlich?

Großer Erfolg

Um den Weinheimern zu zeigen, dass sie mit den Nazis nicht alleine sind, zogen die kompletten 2500 Menschen einmal quer durch die Innenstadt, begleitet mit lautstarken Sprechchören und guter Musik. "Alerta, Alerta, Antifascista!" gehört zum Grundrepertoire einer jeden antifaschistischen Demonstration. Es war teilweise so laut, dass selbst die klägliche braune Suppe in der Stadthalle zuhören konnte. Nicht erfreulich war dagegen wieder das provozierende Auftreten der Polizei. In einem Zwei-Mann Spalier folgten sie dem friedlichen Demonstrationszug. Einzelne Verhaftungen lösten großes Unverständnis aus, wegen angeblicher Vermummung. Es reichte der Polizei anscheinend schon, sich den Schal ins Gesicht zu ziehen um den peitschenden Regen abzuhalten.

Um 16 Uhr erfolgte dann die offizielle Beendigung der Demonstration. Konnten die Veranstalter nicht ihr gewünschtes Ziel der Verhinderung durchsetzen, war die Demonstration allein durch die enorme Teilnehmerzahl ein großer Erfolg. Ich kann nur an alle appellieren, die verständlicherweise Angst haben, auf eine solche Gegendemonstration zu gehen, wenigstens im kleinen Zeichen gegen Rassismus zu setzen. Sei es, wenn Bekannte komische Sprüche klopfen oder wenn ihr den AfD-Stand in Heilbronn seht, geht hin, macht sie mit Argumenten fertig, denn ihr kleines Erbsenhirn ist für Intelligenz nicht geschaffen.

 

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