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Ein Jahr Ghana und ein kleines Fazit

Übersicht

Hallo ihr lieben, mittlerweile kann man die Wochen, die noch verbleiben an einer Hand abzählen. Viel denke ich nun schon wieder drüber nach, wie sich Deutschland denn so anfühlt. So viele Dinge habe ich, glaube ich, auch vergessen. Ich spreche hier von Kleinigkeiten. Mein Mitfreiwilliger hat mir neulich total erstaunt erzählt, dass er total vergessen hatte, dass wir hier keine Briefkästen haben und meinte zu seinem Bekannten in Deutschland, er solle die Post für ihn dann einfach vor die Haustür legen.

Welcome to Ghana!

Und so sehr ich mich mittlerweile auch darauf freue, all meine Lieben nach so langer Zeit wiederzusehen, in einem frisch bezogenen Bett zu schlafen, und mir keine Gedanken über Ameisen, Moskitos und Malaria zu machen, so sehr weiß ich doch auch jetzt schon, dass ein großer Teil von mir noch immer in Ghana hängen wird. So sehr ich mich auf meine Rückkehr freue, so sehr fürchte ich mich auch vor dem, was dann wieder alles auf mich zukommen wird und was ich an Ghana vermissen werde. Denn vermissen, das steht fest, werde ich so einiges.

Auch Dinge, von denen ich wahrscheinlich nie denken würde, sie einmal zu vermissen, weil sie alle irgendwie zu meinem Leben hier dazugehört haben. Und das ist wahrscheinlich auch das, was so schwerfallen wird. Wir Freiwilligen waren hier nicht im Urlaub oder zu Besuch, wir waren hier um zu leben! Und was wir zurücklassen ist nicht mehr und nicht weniger als das. Unser ghanaisches Leben mit all seinen kleinen Höhen und Tiefen eines Jahres. Und wie man beim Lesen wahrscheinlich schon merkt, fällt mir das alles andere als leicht, denn dieses eine Jahr ist für mich nur schwer in Worte zu fassen. Trotzdem will ich es hier versuchen und ziehe ein kleines Rundum Fazit meiner letzten Monate…

Anfang mit Hürden

Fangen wir ganz am Anfang an, es ist September und ich als vollkommener "Ghana – Frischling“ schaffe ich es unter den widrigsten Umständen meine beiden Flüge zu bekommen und nach Ghana, Accra zu gelangen. Wie ich das alleine geschafft habe, ist mir bis heute ein Rätsel. Ich sehe mich noch genau, wie ich in London Heathrow mit zittrigen Knien, einem Rucksack und einer gehörigen Portion Aufregung stehe und versuche das Durcheinander es Flughafens zu entschlüsseln, wissend, dass ich dabei bin meinen Anschlussflug zu verpassen wenn ich jetzt keinen Sprint in die richtige Richtung einlege. Die ersten Tage in Ghana erlebte ich glaube ich ein bisschen wie einen Traum, durch einen Schleier des Neuen, Aufregenden. Es passierte so viel: Ankunft, Vorbereitungsseminar, Gastfamilie,… Und dann natürlich noch die Schule, wo wir am Anfang ziemlich überfordert waren und ein bisschen brauchten, um uns einzufinden. Ich bin echt froh, dass ich dabei meine Mitfreiwillige Pia an meiner Seite hatte.

Alltagstrott tritt ein

Der Oktober und November fühlten sich dann so an, als wäre man schon ewig hier, dabei waren es gerade mal wenige Wochen und ich habe gerade mal so die Grundregeln- und Strukturen erkannt. Ich verreiste zum ersten Mal übers Wochenende, was bald schon ein normaler Brauch wird, es ging nach Cape Coast, in den Kakum Nationalpark und so langsam erschnupperte man den Duft der Freiheit, die ich hier habe, was das Verreisen angeht. Ich bin in diesem einen Jahr mehr herumgekommen als in einem ganzen Leben in Deutschland. Gleichzeitig weiß ich noch, dass langsam alles zur normalen "Alltagsroutine“ wurde, was mir ein bisschen zu schaffen machte, denn plötzlich war nichts mehr neu und aufregend sondern zu deinem Alltag geworden. Das ist zwar schön, aber stürzte mich ein bisschen in ein Tief und ich fragte mich "Soll das jetzt schon alles gewesen sein?“ Aber natürlich ging das auch vorbei und ich habe mit Lea, Pia und Marie als kleine Gruppe wirklich Glück, denn wir unternehmen viel zusammen.

Weihnachten in Ghana

Und dann ist irgendwie schon Dezember und der erste Term in der Schule um. Einer von drei, dachten wir uns und staunen. Während bei einigen die Sehnsucht nach Zuhause - Deutschland -  einsetzt, schließlich ist auch schon bald Weihnachten, gefiel es mir immer besser. Mit Lea packte ich meinen Rucksack und wir fuhren los nach Busua, Tage voller Sonne, Sand und dem Ozean, paradiesisch. Dann Weihnachten in der Gastfamilie, Heiligabend mit ein paar anderen Freiwilligen in einem Zimmer mit Kerzen; und Kirche mit Efua. Und dann die Reise, die mir im Nachhinein am schönsten in Erinnerung geblieben ist, unsere Nordentour. Sechs Mädels mit Rucksäcken, einem Reiseführer, Abenteuerlust und sehr viel Spontanität auf einem Road Trip einmal durch Ghana. Ich weiß noch, wie wir im Norden, in Larabanga unterm Sternenhimmel vor unserem Häuschen mitten in der Savanne saßen und hofften, die Zeit würde langsamer vergehen. Silvester, nicht zu vergessen, in einer ghanaischen Großstadt und feiern auf einer Dachterrasse.

Zeltlager-Klassiker singen

An wirklich keinem Zeitpunkt dachte ich, die Zeit könnte mal ein bisschen schneller vergehen. Mir kommt es eher vor, als sei sie gerannt. Noch nie ist ein Jahr in meinem Leben so schnell vergangen! Es ist Januar, ein neuer Start in die Schule aus den Ferien mit einem Kopf voll neuer Ideen, ich brachte den Kindern ein paar Zeltlager-Klassiker bei, die wir seitdem jedes Mal vor meinen Unterrichtsstunden singen. Ein paar weitere kleine Wochenendreisen und schon wieder ist ein Monat rum. Es hat wirklich etwas Spontanes, jedes Wochenende an einen anderen Ort zu fahren, neue Städte, Menschen und Lebensweisen zu sehen und ich genieße es in vollen Zügen.

Februar- Halbzeit, tatsächlich ist schon die Hälfte rum! Ich fuhr mit meiner Gastfamilie ein Wochenende auf eine Hochzeit in Accra, was mir bis heute als schönes Ereignis in Erinnerung geblieben ist. Dann der Besuch meiner Eltern, was ich noch immer nicht glauben kann, dass sie wirklich hier waren. 10 wunderschöne Tage, in denen sie Ghana fast so sehr liebgewinnen konnten wie ich und ich endlich mal zeigen konnte, wovon ich in meinen Nachrichten und Telefonaten redete. Und dann waren sie auch wieder weg, abgeliefert am Flughafen und unbemerkt hat der März Einzug gehalten.

Das erste Mal Malaria

Es ist also März und irgendwie passierte so viel: Es war Independence Day und wir feierten am Strand, wir gingen zur Schule und fuhren jedes Wochenende woanders hin. Dann flog Marie nach ihrem halben Jahr Ghana nach Deutschland zurück und wir hatten alle Hände voll zu tun sie zu verabschieden. Ich erinnere mich noch an einen Moment, als ich abends, als es schon dunkel war, nach Hause lief und das Lied "I’m coming home“ auf der Straße hörte und war glücklich, denn genauso fühlte es sich an: Nachhause Kommen, Ghana ist irgendwie zuhause geworden.

Und dann waren schon wieder Schulferien, es wurde April und Pia und ich fuhren mal wieder nach Busua, mein Lieblingsort in Ghana. Mit einer Dosis "Vitamin Sea“, Sonne, Meer und Strand aufgefüllt, waren wir danach bereit nach Togo, eine neue Unbekannte, aufzubrechen. Damit es auch nicht langweilig wurde, bekam ich das erste Mal Malaria – aber das gehört wohl irgendwo dazu, auch wenn ich Togo vielleicht sonst ein bisschen mehr hätte genießen können.

Sehnsucht nach Unbekanntem

Juni und Juli, ich kann es gar nicht mehr oft genug sagen, die Zeit rennt! Ich verreise viel, besuche Mawuwoena Tukpata und ihre Familie, fuhr zum Strand und an alle Orte, an denen wir schon einmal waren und unbedingt nochmal hinwollen, immer mit dem Hintergedanken "das ist wohl das letzte Mal“. Jetzt ist es Ende Juli und ich kann nur von einem super schönen Jahr reden, wenn ich so auf diese Zeilen zurückblicke. So schön, voller Neuem, dass ich gar nicht ausdrücken kann wie sehr. Ich habe eine neue Welt kennengelernt, ein neues Leben gelebt, neue Freunde gefunden und die bisher vielleicht fast schönste Zeit meines Lebens verbracht. Ghana ist so vielfältig und ich liebe dieses Land mit all seinen Eigenheiten.

Mit seinen Stränden, seinen großen Städten und kleinen Dörfern, mit dem endlosen Grün der Landschaften, die durchs Trotrofenster an einem vorbeiziehen, das Rauschen der Wellen und der Palmblätter, Sand unter den Füßen, endlose Strände und die unbezähmte Kraft des Ozeans, die Weite, die mich fasziniert. Es erwacht, zumindest bei mir, eine Sehnsucht nach all dem Unbekannten, das da draußen noch etwas ist und ich glaube Ghana hat meine Reiselust nur noch mehr geweckt… Ich will in diesem kleinen Fazit aber auch nichts beschönigen. In so manchem Moment habe ich mich auch mal nach Deutschland zurückgewünscht, zu Freunden und Familie, in ein sauberes Zuhause ohne Staub, Dreck und Krabbeltierchen, dorthin, wo einem alles so vertraut ist. Das bunte Treiben auf der Straße ist manchmal auch einfach zu viel, kombiniert mit der Hitze sehnt man sich dann manchmal einfach ins ruhige, geordnete Deutschland zurück, wo keine Beerdigungen mit lauter Musik bis in die frühen Morgenstunden gefeiert werden.

Don't travel with Malaria

Man ist von den Ghanaern genervt, die manchmal einfach nicht verstehen, was man von ihnen will beziehungsweise nicht will, hat es satt zu erklären, dass man, nur weil man weiß ist, nicht gleich reich ist und Geld an alle verschenkt, dass man nicht heiraten möchte ("Nein, nicht weil wir verschiedene Hautfarben haben, sondern weil ich dich noch nie zuvor gesehen habe“), dass man nicht festgehalten werden und nicht seine Handynummer rausrücken möchte. Es gab nicht immer nur die schönen Momente, auch all die anderen gehörten dazu. Es kommt einfach darauf an, wie man mit diesen weniger schönen Situationen umgeht. Ich kann mich gut an so manche Situationen erinnern, in denen ich einfach nur meine Ruhe haben wollte, keine nervigen Gastschwestern, die mein Zimmer belagern, keine Gespräche, keine Musik, keine Diskussionen.

Zu meinem absoluten Tiefpunkt zählt aber glaube ich noch immer mein erstes Mal Malaria, unterwegs in Togo und ich sehe mich noch zu gut an einem Morgen nach der ersten Nacht unserer Reise in aller Frühe vor der Strandhütte sitzen, Fieber, Schüttelfrost, Kopf – und Gliederschmerzen und eine Ibuprofen als Frühstück während alles um mich herum (inklusive meine Mitfreiwilligen) schlief. Ich sitze in einem fremden Land, dessen Sprache ich nicht beherrsche, habe kein Internet oder Guthaben, um zu telefonieren oder mich bei irgendjemandem zu melden, habe zudem das Gefühl, dass ich wirklich mal ins Krankenhaus sollte und bin einfach total verzweifelt. Don’t travel with Malaria,  kann ich da als kleinen Erfahrungswert nur sagen…

Sich wie der König der Welt fühlen

Abgesehen davon war dieses Jahr war sonst dann doch sehr wichtig für mich. Ich war mein ganzes Leben lang mehr oder weniger an ein und demselben Ort (nicht, dass ich den nicht vermissen würde- das gute alte Eichelberg ist einfach zu schön), klar war ich auch viel im Urlaub und unterwegs aber es stimmt eben immer noch – Reisen bildet. Ich habe in diesem Jahr so viel erlebt und gesehen und vor allem auch gelernt. Über Unterschiede und dass andere Lebensweisen manchmal weder schlechter noch besser, sondern einfach anders sind . Und ich glaube es tut gut, gleich nach dem Abi, wenn man sich fühlt wie der König der Welt, ein bisschen ins kalte Wasser geworfen zu werden. Denn wir leben ein solch privilegiertes Leben, was wir gar nicht wissen und wertschätzen können. Ghana hat mir so vieles gezeigt. Dass Afrika eben nicht Afrika ist. Afrika hat über 50 Länder, da kann ich nicht einfach Afrika sagen und alle in einen Topf werfen.

Ich rede auch nicht davon "in Afrika“ gewesen zu sein. Ich habe keine Ahnung von Afrika, ich war gerade mal in einem, okay, in zwei westafrikanischen Ländern. Es gibt Ostafrika, es gibt Südafrika, es gibt Zentralafrika. Davon weiß ich gar nichts. Und Ghana hat mir auch gezeigt, dass dieses stereotypische Bild Afrikas, das man bei uns eben durch die Medien und Berichte bekommt, nun wirklich nicht so zutrifft, wie könnte es auch. Mit Afrika assoziieren wir wilde Tiere, Löwen, Giraffen, Elefanten, als nächstes wahrscheinlich arme schwarze Kinder, die mit Fahrradreifen spielen und aber eigentlich hungern und dann noch die Natur, vertrocknet, Savanne und Frauen, die zum Wasserholen an Wasserlöcher laufen – oder so ähnlich. Wir wissen einfach viel zu wenig über Afrika selbst, immer nur wird uns dieses Bild vorgegeben und ich hoffe, ich konnte das für euch in diesem Jahr ändern. In Ghana gibt es drei Elefanten  (oder auch ein paar mehr), keine Giraffen und auch sonst sind wilde Tiere eher rar vorhanden.

Kein Mitleid

Die Menschen sind hier genauso fortgeschritten wie wir, jeder hat ein Handy, es gibt Schulen und Universitäten, Krankenhäuser und auch Museen. Natürlich ist das Leben von Grund auf anders, Erziehung und Kultur, hier sind mitunter andere Dinge wichtig als bei uns und das ist gut so. Ich habe vieles aus diesen Unterschieden gelernt. Zum Beispiel, dass nicht alles, was hier auf andere Art gemacht wird grundsätzlich falsch ist. Es ist einfach anders. Hier laufen kleine Kinder mit Körben auf dem Kopf stundenlang in der Hitze umher, um Geld zu verdienen. Für uns wäre Kinderarbeit alles andere als zu erdulden, hier ist es einfach so. Kinder kochen, waschen und verkaufen in jungem Alter, meine Gastmutter nennt das Sozialisierung. Sie sollen früh Verantwortung übernehmen und ins Familienleben integriert werden. Ich bin wirklich froh um meine behütete Kindheit, das, was Kinder hier haben ist deshalb aber nicht unbedingt schlechter, es ist einfach anders.

Und so ist das auch mit dem Mitleid. Am Anfang tun einem viele Menschen leid, die Umstände unter denen sie leben, ihre Möglichkeiten, die uns so begrenzt erscheinen, das legt sich aber ziemlich schnell, so schlimm das sich jetzt auch anhören muss. Aber ich bemitleide die Menschen hier nicht, ich sehe nicht herab und denke, du hast es so schlecht, du könntest es viel besser haben, im Gegenteil: Viele Menschen hier sind zu bewundern. Mütter mit Kindern auf ihren Rücken gebunden, die auf dem Kopf riesige und schwere Körbe mit allem möglichem transportieren. Die Männer, die in der Hitze Dinge errichten, Straßen teeren, den Mate im Trotro, und die Familie mit den 16 Kindern von Gegenüber. Ich bewundere, wie hier mit dem Leben umgegangen wird. Die Hitze, Stromausfall, Wasserausfall, Kochen auf offenem Feuer auf der Straße, das kommt schon so einiges zusammen und für alles hat man seine besonderen Techniken.

Mehr nehmen als geben

Der Spruch "Was nicht passt, wird passend gemacht“, wird mich wohl für immer an Ghana erinnern, denn genauso ist es. Mit ein bisschen und am besten noch ein bisschen mehr Geduld wird hier alles nach und nach geregelt und passt am Ende. Ich will jetzt nicht schreiben, dass die Menschen hier alle arm und glücklich sind, denn davon stimmt weder das ein oder andere. Aber man kann vieles lernen, wenn man durch die Straßen läuft und viele der Leute bewundere ich für ihr unglaubliches Maß an Freude und Güte, dass sie mir entgegenbringen, ein Lächeln wird mit einem doppelten zurück belohnt. Allgemein kann man sich von vielen Ghanaern wirklich eine Scheibe abschneiden. Ich meine, keiner hätte zu mir freundlich sein müssen, ich habe offensichtlich keine Ahnung und man hätte mich so leicht mit bösen Absichten täuschen können, aber in all meinen Monaten hier habe ich nichts dergleichen erlebt. Mir gegenüber waren alle so unglaublich freundlich und hilfsbereit, wie ich es noch nie erlebt habe.

Das ist glaube ich auch einer der Gründe, weshalb ich mich hier so schnell heimisch gefühlt habe und gleichzeitig auch das, was ich am meisten bewundere. Der Umgang miteinander ist soviel wärmer und herzlicher als bei uns, man achtet auf seine Nachbarn und nicht nur auf sich selbst, etwas, das bei uns irgendwie schon meist verlorengegangen ist. Man kann wie so viele nach Afrika gehen, um zu "helfen“. Letztendlich kann man aber für den Umgang miteinander und manchmal auch für den Umgang mit dem Leben so viel mehr Nehmen als Geben. Und dann sind da noch die Kinder, alleine die in der Schule. Sie wachsen so völlig anders auf, als ich es zum Beispiel bin, sie sind so viel schneller selbstständig, sie wissen genau was sie dürfen und was nicht und ich glaube auch jedes Kind hat seinen festen Platz.

Die Freiheit der Zeit

Die Jugendlichen, die nichts zu tun haben und die dümmsten Dinge anstellen, gibt es hier nicht, es hat jeder eine Aufgabe, die er auch erfüllen muss. Ich finde es vor allem bewundernswert, wie die Älteren auf die Jüngeren abfärben. Dreijährige haben ihre kleinen Brüdern oder Schwestern auf dem Rücken und die Eltern vertrauen darauf, dass nichts passiert – und das tut es auch nicht, denn irgendwie geben alle aufeinander Acht. Klar gibt es Streit und man schlägt sich auch mal aber vor Älteren hat man generell Respekt und was der ältere Bruder oder Schwester sagen wird auch getan. Freunde in der Schule schlagen sich, nur um im nächsten Moment ihr Essen zu teilen. Allgemein das Teilen, meins, deins ist in Ghana mit vielen Dingen nicht so wichtig, wer könnte das in Deutschland schon behaupten….Was ich noch gelernt habe?

Einfach mal ein bisschen positiver zu sein, Geduld zu haben und nicht so schnell auf alles, was anders ist herabzusehen und zu urteilen, denn das tut jeder von uns viel zu schnell. Mit ein bisschen mehr Dankbarkeit für mein Leben durch die Welt zu gehen, gehört sicherlich auch dazu und nicht immer alles so ernst zu nehmen. Wenn ich an Deutschland denke, denke ich an ein graues Meer von Anzugträgern, die auf den Boden schauen und sich in der Bahn nicht einmal grüßen. Ghana ist für mich das Gegenteil, die vielen Farben, die redenden Menschen und dann denke ich an so vieles, was ich vermissen werde. Und so viele Freiheiten wie hier werde ich glaube ich wirklich nie wieder haben. Auch die Freiheit der Zeit.

Die Freiheit jedes Wochenende hinzufahren, wo man gerade Lust drauf hat, zu tun und lassen, was man will und das werde ich glaube ich wirklich mit am meisten vermissen. Denn Ghana ist so vieles. Vor allem auch eine Heimat. Ich werde die vielen Farben vermissen. Dass Ghana selbst an einem grauen Regentag noch so bunt ist, dass es nie grau wird. Ich werde es vermissen über den Markt zu laufen, Stoffe in allen Farben zu durchsuchen und letztendlich mit dem Schönsten von allen weiterzuziehen. Ich werde es vermissen mich mit Pia und Lea spontan in ein Trotro zu setzen und das Wochenende an einem neuen Ort zu verbringen, Ghana zu entdecken und zu verreisen. Ich werde meine zwei quirligen Gastschwestern vermissen, Efiba wie sie beim Uno die ganze Zeit schummelte und Awompa, mit der ich die Hausaufgaben machte. Ich werde es vermissen "Auntie Mira“ genannt zu werden und von den beiden Süßigkeiten abgeluchst zu bekommen.

Ich werde die Momente vermissen, wenn Efua gerade nichts zu tun hatte und mit mir auf dem Balkon saß. Ich werde die Abendessen mit meinem Mitfreiwilligen Marco vermissen. Ich werde mein kleines grünes Swedru Zimmer vermissen und die Wochenenden, die ich einfach nur zuhause verbrachte und Nichts tun musste und alles tun konnte. Ich werde all meine süßen sechzig Erstklässler vermissen und meine Creative Arts Stunden, ich werde es vermissen "Madame Mira“ zu sein und Tiere, Figuren und Meerjungfrauen in ihre Hefte zu malen, die sie mit Begeisterung aus meinen Händen rissen. Ich werde sie alle vermissen, Linda, Derrick, Beyounce, Aisha, Lavoe, Mary, Anabel, Ann, Janice, Janitha und alle anderen. Ich werde es vermissen, wie sehr sie sich freuen mich zu sehen, so wie diese Kinder wird sich glaube ich nie wieder jemand jeden Tag aufs Neue derart über meine Anwesenheit freuen.

Herzlichkeit und Lebensfreude

Ich werde das Trotro fahren vermissen, mit Musik in den Ohren die Landschaft an mir vorbeiziehen zu sehen und meine Gedanken schweifen zu lassen. Ich werde meine ghanaische Kollegen vermissen, den Headmaster und die Küchenfrauen, die zwar kein gutes Englisch können, sich aber immer lieb mit uns auf Fante unterhalten. Ich werde es vermissen durch die Straßen von Agona Swedru zu laufen, die ich so gut kenne und liebe. Ich werde das ghanaische Essen vermissen, das frische Obst auf der Straße, sogar die Hitze, die roten, staubigen Straßen und bunten Häuser. Ich werde es vermissen zur Schneiderin zu gehen und für wenige Euros neue Kleider zu entwerfen und nähen zu lassen.

Ich werde die lächelnden Menschen, die Freundlichkeit und Herzensgüte, die mir entgegengebracht wurde, die Lebensfreude und das Positive vermissen. Ich werde die Farben Ghanas vermissen, die Musik, die mich umgibt und die Menschen, die so ausgelassen dazu tanzen. Ich werde den Gesang der Frauen beim Waschen unter meinem Fenster vermissen, zu dem ich morgens aufwachte. Ich werde den Moment vermissen, in dem nach einem Stromausfall das Licht wieder anging und ich die ganze Stadt erleichtert jubeln hörte… Das alles und so viel mehr!

 

 

 

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