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African Style

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Hallöchen, mal wieder eine Meldung von mir!

Nun bin ich schon seit fast einem Monat in Ghana und fühle mich immer heimischer auch wenn ich noch längst nicht alles gesehen, verstanden und erlebt habe, was das Leben hier bietet. Mittlerweile spielt sich jedoch, verbunden damit dass ich fünf Tage die Woche zur Schule gehe, eine gewisse Routine ein und die Tage werden immer kürzer, gefüllt mit Unterrichten, in der Stadt bummeln und je nach Tagesform noch beim Kochen helfen oder mit den anderen Freiwilligen etwas unternehmen. 

Gastfamilie

Seit meinem ersten Blogeintrag ist ja schon einige Zeit verstrichen, weshalb ich jetzt einfach da ansetzen will, wo ich letztes Mal aufgehört habe: Zur ersten Zeit in der Gastfamilie. Die erste Woche sind die Familienmitglieder nämlich in alle Winde verstreut. Wie ich vielleicht schon erwähnt habe, sind Efiba und Awompa (die Kinder) noch im Urlaub in Accra, der Vater Khujo, der ebenfalls Lehrer ist, nur Efua (meine Gastmutter) ist daheim. Da es für uns Freiwillige die erste Woche noch nichts zu tun gibt, weil unsere Einsatzstellen meist Schulen sind die noch Ferien haben, treffe ich mich viel mit den anderen, erkundschafte die Stadt (es gibt so viel zu sehen) oder fahre an den Strand. Die Fahrt mit dem Trotro kostet umgerechnet ungefähr einen Euro für knapp zwei Stunden, was wirklich sehr billig ist!  

Eine Gruppe Weißer, die ein Trotro nehmen wollen, ist hier natürlich eine echte Sensation und dementsprechend bemühen sich die Trotro-Fahrer auch, uns in ihren Autos unterzubringen- es entwickelt sich ein richtiger Tumult, wildes Geschrei, mit dem die Konkurrenten versuchen sich gegenseitig auszustechen, aus 5Cedi für die Fahrt werden 2 und bevor es zu ernsthaften Handgreiflichkeiten kommt, folgen wir einfach einem der streitenden Teams (die Fahrer haben ernsthaft begonnen Beulen in die Autodächer der Kontrahenten zu schlagen).

Als es irgendwann langweilig daheim wird, helfe ich Efua beim Kochen (überhaupt nicht mein Fachgebiet, vor allem nicht auf ghanaische Art, aber beim Gemüseschneiden kann selbst ich nicht so viel falsch machen). 
Gegen Ende der ersten Woche, ich meine es war ein Sonntag (ich bin das Wochenende allein daheim, weil Efua auf ein "Furneral"(Beerdigung) muss, welche hier sehr groß und mit viel Musik und Tanz gefeiert werden, klopft es völlig aus dem Nichts am Abend an der Türe und meine beiden Gastschwestern, die ich noch nie zuvor gesehen habe, stehen davor. Anscheinend hat ihre Tante sie hier abgesetzt und auch wenn sie am Anfang ein bisschen schüchtern sind, tauen sie bald auf und wollen sogar in meinem Zimmer schlafen.

Im Nachhinein betrachtet kommt mir diese Situation nach wie vor ziemlich lustig aber gleichzeitig auch ein bisschen komisch vor, denn wer in Deutschland würde seine sieben und zehnjährigen Kinder mit einer ahnungslosen deutschen Freiwilligen alleine daheim lassen, wo sich beide Parteien noch nicht einmal gesehen haben. Naja, in Ghana laufen die Dinge eben anders, wie man schon sieht. Zum Glück geht aber alles gut, die einzige Hürde, das Erkennen, dass nichts zum Frühstücken da ist, wird durch einen morgendlichen Spaziergang zum "Bäcker" um die Ecke gelöst, wo es Weißbrot für umgerechnet 50 Cent zu kaufen gibt (statt den Brotvariationen in Deutschland gibt es hier tatsächlich nur Weißbrot).

In der Schule

Am Dienstag darauf ist dann auch schon mein erster Schultag gekommen, morgens um sieben treffe ich mich mit Pia, meiner Mitfreiwilligen auf dem Schulhof der 31. December School, einer relativ kleinen Schule mitten im Zentrum Swedrus (ich durchquere morgens einmal die halbe Stadt, die um sieben Uhr schon völlig im morgendlichen Trubel überfüllt von Menschen ist). Abgesehen von Dutzenden afrikanischen Kindern, die alle unsere Haut und unsere Haare berühren, uns Twi oder Fanti beibringen und alle gleichzeitig unsere Aufmerksamkeit wollen, verläuft der Tag ziemlich unspektakulär, da der Headmaster uns in die zweite Klasse schickt, welche von der Lehrerin den ganzen Tag über Schreibaufgaben bekommt, während wir untätig daneben sitzen dürfen. Das ändert sich aber schnell, denn bereits am folgenden Tag erklärt uns der Rektor, dass der Lehrer für die zweite Klasse beschlossen hat, studieren zu gehen, die rund siebzig Kinder nun also keinen Lehrer mehr haben und wir gebraucht werden.

Die Lehrer sind hier übrigens alle sehr jung, manchmal erst 20 Jahre alt, da man in Ghana kein Studium braucht, um Unterrichten zu können. Viele Lehrer sind daher gerade mit der High-School fertig, wenn sie beginnen zu unterrichten. Pia und ich werden also in eine Klasse mit siebzig Schülern gesteckt, zum Glück sind an diesem Tag nur 30 vorhanden (wie man uns erklärt hat, kommen die Schüler in Ghana meist erst mehrere Tage oder sogar Wochen nach Schulbeginn in den Unterricht und manche Lehrer wohl auch).  Auf die Nachfrage, was wir denn genau jetzt unterrichten sollen, fertigt uns der Rektor mit einem einfachen "Haltet sie still, schaut dass sie nicht rumschreien und im Klassenzimmer bleiben" ab.

Am Anfang läuft unser Unterricht auch total gut und alle machen mit, irgendwann haben wir aber so viele Matheaufgaben gelöst, gelesen, gemalt und geschrieben, dass uns  neben unzähligen Spielen auch nichts mehr einfällt. Die Kinder werden mit der Zeit immer lauter und unkonzentrierter und irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem kein "Sit down", verbunden mit einem strengen Blick mehr ausreicht, um die quirligen Zweitklässler auf ihre Plätze zu bewegen (Ist ja auch verständlich nach einem solch langen Tag) Gegen 15:00 Uhr, dem Schulende, sind Pia und ich beide völlig erledigt und versuchen die Kinder nur noch mit Müh und Not davon abzuhalten sich gegenseitig zu verprügeln

Die nächsten Tage werden ähnlich anstrengend , bis der Headmaster uns erlöst: Ab Montag wird ein neuer Lehrer eingestellt, es ist kaum vorstellbar wie erleichtert wir sind. Pia bleibt daher, nun mit dem neuen Lehrer, der sich als ganz nett herausstellt, in der zweiten Klasse und ich wechsle in die Erste, die bereits von Ms. Loverance unterrichtet wird. Auch sie ist noch ziemlich jung und sehr nett. Sie redet zwar so gut wie nichts, wenn man ihr keine Fragen stellt aber immerhin lächelt sie mir zu, wenn ich mich verabschiede. Ob das jetzt gut oder schlecht ist steht außer Frage!

Es ist am Anfang ziemlich komisch die ghanaischen Unterrichtsmethoden mitzuerleben, da die Art zu Unterrichten natürlich ganz anders ist als in Deutschland. Erst einmal sind die Klassen gut dreimal so groß wie in Deutschland und dementsprechend ist laut und unruhig, so viele Kinder!. Obwohl das "Caning", also Schlagen eigentlich abgeschafft ist, patroullieren in unserer Schule ziemlich viele Lehrer mit Stöcken, um die Schüler im Zaum zu halten, wenn auch mehr zur Androhung als zur Verwirklichung.

Unterrichtsmethoden

Die Lehrer sind teilweise auch sehr entspannt, meistens wird etwas an die Tafel geschrieben, von den Schülern ein paar Mal laut und deutlich wiederholt und anschließend abgeschrieben, wofür diese (zumindest in der ersten Klasse schonmal eine Ewigkeit brauchen). Wenn jemand auf eine Frage richtig antwortet, heißt es "Clap for him" oder eben "Clap for her" und das Kind bekommt einen kleinen Applaus, was eigentlich eine ziemlich nette Angewohnheit hier ist und in allen Klassen von der Junior bis zur Senior High gemacht wird. Was mir auffällt ist, dass die Kinder in meiner Klasse vor allem einen völlig unterschiedlichen Wissenstand haben, was das Unterrichten um einiges erschwert.

Ungefähr die Hälfte kann Buchstaben von der Tafel abschreiben, den eigenen Namen beherrschen nur wenige und freies Schreiben und Lesen schon gar nicht. Da in Ghana bereits im Kindergarten mit Unterricht begonnen wird und in der Vorschule dann auch das Schreiben, sollten Kinder in der ersten Klasse dem Lesen und Schreiben mächtig sein, wie mir Ms. Loverance erklärt. Ich stelle aber fest, dass das in der Praxis nicht so wirklich funktioniert und die Hälfte der Kinder nicht einmal einfache Buchstaben von der Tafel abschreiben kann.

Somit ist die "bessere" Hälfte natürlich immer eine gute halbe Stunde früher fertig während die anderen gegen Unterrichtsende noch immer nichts auf dem Papier haben. Mittlerweile kommen ein paar der Benachteiligten bei Schreibaufgaben zu mir und ich helfe ihnen dann oder führe ihre Hand, damit sie die Buchstaben selbst schreiben. Fatimah, ein kleines muslimisches Mädchen mit Kopftuch (wirklich total süß), kommt inzwischen eigentlich immer zu mir, vor allem dann wenn die Lehrerin nicht hinschaut und nicht nur zum Schreiben, sondern auch zum Zeichnen, Ausmalen oder Zahlen schreiben. Aber sie verbessert sich von Tag zu Tag ein bisschen.  

Ein anderer Punkt, der vor allem für meinen Kunstunterricht ziemlich schwer ist, besteht darin, dass es zwar wunderschöne Lehrpläne mit ausgefeilten Lerntechniken und Methoden gibt, jedoch in der Schule einfach kein Material um auch nur einfache Ideen umzusetzen. Als ich frage, ob es denn Scheren gibt meint Ms. Loverance nur, dass die ganze Schule zwei Scheren besitzt.....
 Mit Ausschneiden üben oder Basteln wird es also schwer, wenn ich nicht 50 Scheren organisieren will. Mittlerweile habe ich mir deshalb ein paar andere Dinge überlegt, Lehrplan hin oder her und auch die Lehrer meinen als Antwort auf Fragen dieser Art nur "feel free to do anything!"-na das werde ich tun.        
                                                                             

Der Zauber Afrikas

Ansonsten genieße ich jeden Tag aufs Neue den noch immer anhaltenden "Zauber" Afrikas, denn es gibt immer etwas Neues zu sehen und auszuprobieren, nicht zuletzt das Essen. Fufu, das Nationalgericht Ghanas, ist zum Beispiel absolut nicht mein Fall, selbstgemachte Bananenchips oder frittierte Teigbälle (Borfu) sind dafür echt lecker und einfach zu bekommen (Einfach eine der Kinder oder Frauen anhalten, die die ganzen Leckereien auf dem Kopf transportieren und für einen Cedi verkaufen). Was mich noch immer ein bisschen abschreckt, ist der Fisch auf dem Markt, der dort meist getrocknet verkauft wird, jedoch schon etwas streng riecht und dem Aussehen nach zu urteilen eigentlich schon längst nicht mehr essbar ist. Neulich bin ich morgens sogar einem Mann  begegnet, der den Fisch, der auf dem Marktplatz auf dem Boden lag, heruntergefallen oder unabsichtlich verloren, wieder aus dem Dreck und Müll auf dem Boden aufsammelte und in Plastiktüten schob. Wer weiß, was er damit vorhatte, ich hoffe nur inständig, dass er ihn nicht weiterverkauft hat!  

Faszinierend sind für mich noch immer die Menschen hier, vor allem auf dem Markt, wenn kiloschwere Säcke Mais oder ganze Holzkisten mit Essen einfach so auf dem Kopf transportiert werden, selbst von den kleinsten Kindern. Ab 11 Jahren dürfen diese hier übrigens Waren verkaufen, um ihren Eltern zu helfen für den Unterhalt der Familie zu sorgen, wie man hier sieht, wird diese Regel jedoch oft nicht beachtet und auch schon deutlich Jüngere laufen in der Hitze umher, um aus riesigen Kühlboxen Eis oder anderes zu verkaufen. 

Worauf hier in Ghana nicht so geachtet wird, ist, wie ich bis jetzt feststellen konnte, der Plastikverbrauch. Alles, aber auch wirklich alles, von Nahrungsmitteln bis bereits in Plastik einzeln verpacktes Klopapier, wird noch einmal eingepackt, für jede Tüte gibt es noch eine Tüte, selbst wenn man mehrmals betont, dass es wirklich nicht nötig ist. Dementsprechend sehen auch die Straßen aus, inmitten der bunten und farbenfrohen Menschenmassen gibt es leider auch viel Müll. Wie ich aber gesehen habe, wird der, zumindest auf dem Markt auch regelmäßig mit Strohbesen aufgekehrt.  

Regenzeit

Gerade ist hier übrigens Regenzeit und in den letzten Tagen spürt man das immer mehr. Von einer Minute zur anderen verdunkelt sich der Himmel und es fängt an zu regnen. Aber nicht nur ein bisschen, sondern in Strömen, so laut, dass man selbst im Inneren der Häuser kein Wort mehr versteht und der Unterricht in der Schule, falls er gerade in diese Zeit fällt, kurzzeitig unterbrochen wird. Unser Klassenzimmer hat als Fenster einfache Öffnungen in der Wand und wenn es anfängt gut zu regnen, wird regelmäßig das halbe Klassenzimmer nass, sodass die Kinder sich auf die Bänke in der Mitte verteilen müssen. Die kleine Pause finden sie glaube ich aber auch ganz erfrischend!


Mittlerweile fühle ich mich richtig wohl in dem bunten Treiben rund um mich, auf dem Markt und in den Straßen Swedrus. Viele Leute rufen auch nicht mehr "Obrouni", sondern meinen Namen, was schön ist und wenn man Zeit hat, was eigentlich immer der Fall ist, bleibt man auch mal stehen und redet ein bisschen.

Die Menschen sind einfach so viel freundlicher als überall, wo ich bis jetzt gewesen bin, bieten ganz selbstverständlich Essen, Sitzplätze oder einfach auch nur ein kleines Gespräch an und nehmen dich ganz selbstverständlich auf, weshalb man sich hier glaube ich auch viel schneller heimisch fühlt als in europäischen Ländern.  Es ist ganz normal hier auf der Straße mit einem "Welcome!" begrüßt zu werden oder Leuten die triumphierend die Faust in die Luft recken oder Daumen hoch zeigen, wenn du ihnen zulächelst. Wer hier ein Lächeln schenkt wird mit dem dreifachen zurück belohnt

"African Style"

Pia und ich gehen nach der Schule auch immer öfters ein bisschen durch die ortansässigen Kleiderläden bummeln und sind mittlerweile schon Stammkunden im ein oder anderen Laden, wodurch wir die Preise ein bisschen herunterhandeln konnten. Aber generell versuchen viele der Ghanaer auf scherzhafte Art und Weise ein bisschen mehr von uns "Weißen" zu verlangen, zum Beispiel ein einfaches Stück Seife für 15 000 Cedis, das Höchstgebot bis jetzt!.

Aber man gewöhnt sich hier schnell an alles und lernt jeden Tag dazu. Selbst zwei Tage lang eine Beerdigungsfeier vor der Haustüre zu haben, wo große Zelte mit Musikboxen aufgestellt sind und Leute tanzen und singen, kommt mir nicht mehr seltsam vor und nachts um vier von den Schreien einer Kirchenzeremonie aufgeweckt werden schon gar nicht.

Mittlerweile ist es schon fast seltsam, wenn es einmal still ist, denn Geräusche und Gesang als auch Trommelmusik gehören für mich einfach zu Ghana, keine Frage! 
Ein völlig neues Erlebnis war für mich auch sich die Haare in einen "African Style" umzuwandeln, was bedeutet sich sechs Stunden lang über 100 Zöpfchen flechten zu lassen, was eine vor allem sehr schmerzhafte Erfahrung ist, vor allem im Nachheinein.

Gelohnt hat es sich aber und es ist hier auch sehr praktisch. Die Schule läuft auch immer besser, die Themen, die ich mit den Kindern behandle sind zwar nicht besonders spannend aber ich baue meist noch das ein oder andere Spiel ein, um das ganze ein bisschen aufzulockern und mittlerweile treffe ich immer mehr meiner Schüler auf der Straße, wo mir dann ein "Madame Mira" zugerufen wird, manche begleiten mich sogar manchmal ein Stück auf dem Heimweg.

Bis jetzt bin ich also noch gespannt auf alles, was ich in den nächsten Wochen noch erleben werde, wo wir jetzt dieses Wochenende zum ersten Mal verreisen werden... 

Mira

 

 

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