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Post aus Ghana

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Und noch einmal ein Blog aus Ghana!

Nun ist es an der Zeit mich einmal wieder zu melden, weshalb ich jetzt einfach ein bisschen erzählen werde, was in letzter Zeit so alles geschehen ist. Zuerst einmal endet jetzt hier die Regenzeit, was heißt, dass es merklich wärmer und viel trockener ist (es hat nun seit drei Tagen nicht mehr geregnet!) Morgens vor allem spürt man den Staub der Straße, wenn einer der großen (manchmal deutschen) Lastwagen vorbeifährt und all diesen aufwirbelt, sodass man aufpassen muss nichts einzuatmen oder schnell die Augen schließen sollte.

Ansonsten geht alles seinen gewohnten Gang, in der Schule als auch in der Familie. Ich stehe morgens auf, meist gegen 6 Uhr (wenn nicht gerade Wochenende ist) und setzte mich nach ein bisschen Getrödel auf den Balkon zum Frühstücken. Meine Gastmutter ist meist schon seit 3 Uhr morgens wach, wäscht, bereitet den Unterricht für die Schule vor in der sie arbeitet oder kocht Abendessen oder Frühstück vor. Zum Frühstück gibt es meist "Oats" (in Wasser gekochte Haferflocken), wenn nicht "Winnemis"( eine Art Erdnusspampe) oder "Coco"(ein säuerlich schmeckender Brei aus Kasava, nicht sehr empfehlenswert!), dazu die obligatorische Scheibe Weißbrot, wenngleich "Scheibe" hier Definitionssache ist. Meist essen die beiden Kinder morgens zusammen schon ein Brot, deren "Scheiben" fallen dementsprechend größer aus!). 

Mein Morgen startet also schonmal mit einem schönen Moment, dem letzten Stück des Sonnenaufgangs über der noch müden Stadt, den ich beim Aufstehen durch mein Zimmerfenster sehe. Wenn ich mich nach einigem Hin und Her auf den Weg zur Schule mache, laufe ich erst einmal jeden Morgen am Schneider Robert vorbei, mit dem ich jeden Tag dieselben Worte wechsle, so auf die Art "Good morning" und "Are you going to school?", was ich mit Ja beantworte, woraufhin er mich verabschiedet, bis zum Abend, wenn ich den Berg wieder hoch- und an ihm vorbeilaufe.

Alltag

In der Stadt angekommen (ich muss dazu nur die Straße vom "Top Hill" herunterlaufen, wo mein Haus steht) geht es meist schon hektisch zu (zumindest an Markttagen); wenn nicht sind die Händler und Verkäufer gerade dabei ihre Waren in den Ständen zu drapieren und aufzuhängen. Mittlerweile kenne ich ein paar Leute, mit denen ich jeden Morgen ein paar Worte wechsle und so komme ich zwanzig Minuten später in der Schule an. An sich habe ich dort aber nicht so viel zu tun, da ich nur drei Stunden die Woche unterrichte. Meist läuft es daher darauf hinaus, dass ich Hausaufgaben korrigiere oder den Kindern die nicht gut schreiben können beim "Classwork", also das was im Unterricht an Aufgaben gegeben wird, helfe. Die Klasse wird in jedem Fach von der gleichen Lehrerin unterrichtet, deshalb sitze ich den ganzen Tag mit ihr im Klassenraum und habe mich mittlerweile auch an ihre stille Art gewöhnt, auch wenn ich es immer noch ein bisschen befremdlich finde, wenn sie anfängt auf ihrem Handy, das quasi nonstop in Betrieb ist, anfängt Spiele zu spielen.

Auch die Kinderanzahl hat sich inzwischen vergrößert, wir sind nun 65 Schüler, auch wenn nie mehr als 53 gleichzeitig da sind (bis jetzt). Freitag und Montag werden hier nämlich bei manchen meiner Schüler als verlängertes Wochenende gesehen. Nach der Schule, mit manchmal mehr oder weniger Arbeit, sind Pia und ich nun einmal ins Internetcafe gegangen, welches man jedoch kaum als ein solches bezeichnen kann, mehr als einen Raum, vollbesetzt mit ein paar Steckdosen (wir saßen daher erst einmal auf der Straße) ist da nicht. 

Daheim ist meist sowieso noch niemand wenn ich früher komme, deshalb vertreibe ich mir die Zeit oft noch ein bisschen in der Stadt oder gehe einkaufen (frische Ananas - total lecker!). Neulich wollten Pia und ich uns ein paar schöne Holzarmbänder am Straßenrand kaufen, als plötzlich etwas über unsere Köpfe fliegt und hinter dem Rücken der Marktfrau verschwindet, die uns gerade "berät". Sie wischt es mit einer unbedachten Handbewegung weg, woraufhin das etwas (ein Tier) auf den Boden fällt und wegzukrabbeln beginnt. Es war tatsächlich eine riesige Kakerlake! Das war ein etwas traumatisches Erlebnis, vor allem an dem Punkt, wo die Marktfrau begonnen hat, dieser hinterherzulaufen und sie mit ihren FlipFlops an den Füßen zu zertreten. Schöner Anblick, ich habe noch immer das Geräusch im Ohr, als sie zerplatzt ist!

Aber dieser Tag war von noch mehr erfrischenden Erfahrungen wie dieser geprägt. Als nächstes sehe ich einen Mann, der auf allen Vieren kriecht, in einem seltsam verdrehten Gang, der an einen Menschenaffen erinnert, ein bisschen hinkend und schwerfällig. Ich nehme mal an, dass er nicht laufen konnte, denn er trug auch an seinen Händen, die er so als Füße benutze, Flip Flops und kroch den Berg hinauf. Das war wirklich ein ziemlich erschreckender Anblick, bei dem man sehr schnell von Mitleid erfüllt wird, denn in Deutschland gäbe es so etwas einfach nicht! Unvorstellbar so etwas bei uns zu sehen.

Unerfreuliche Überraschung

Diese Woche gab es dann aber auch noch eine Überraschung einer etwas unerfreulicheren Art. Diese beginnt damit, dass Marco (der zweite Freiwillige in meiner Familie) und ich neulich abends, bei Dunkelheit, von einem Treffen mit anderen Freiwilligen aus der Stadt, nach Hause liefen. Da uns oft Kinder hinterher rufen und laufen, war es an sich nichts besonderes, dass sich auch dieses Mal ein Junge im Alter von vielleicht 8 oder 9 Jahren an unsere Fersen heftet und uns etwas erzählt. Seinen Namen habe ich bereits vergessen, weiß aber noch, wie er meinte, dass seine Eltern tot und seine Verwandten weg sind, er seitdem auf der Straße lebt und unbedingt Geld braucht. Da bekommt man natürlich erst einmal ein schlechtes Gefühl, egal wie glaubwürdig die Geschichte klingt oder nicht. Bis zu unserem Haus liefen wir noch mit dem Kleinen mit, dann verabschiedeten wir uns mehrmals, auch wenn der Junge noch immer vor unserem großen Metalltor wartete und auch nicht wegging.

Da unsere Gastmutter uns immer wieder darauf aufmerksam macht ja keinem zu zeigen, wo wir wohnen und keine Leute ins Haus zu lassen, überlegten wir abzuschließen, ließen es dann aber sein... Naja, kurze Zeit später stand dieser Junge unbemerkt in unserem Hausflur (zumindest für kurze Zeit, bis Marco ihn bemerkte und wieder nach draußen brachte). Hiermit endet die Geschichte aber noch nicht, im Gegenteil. Zwei Tage später (ich erzähle jetzt, was mir erzählt wurde, denn ich habe das ganze Spektakel verschlafen) gibt es für ghanaische Verhältnisse spätabends, so gegen 10 Uhr Ortszeit, eine große Aufruhr: Der Junge von neulich hat sich in unseren Innenhof geschlichen und dort versteckt, bevor das große Metalltor abgeschlossen wurde. Dann hat er versucht den Haustürschlüssel von unserer Wohnung von den Nachbarn abzuluchsen und die Türe aufzuschließen, woraufhin er jedoch von einem der sehr aufmerksamen Nachbarn erwischt wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte er schon die Wäscheleine geplündert und Marcos T-Shirts und Hosen in der Hand.

Von da an werden die Erzählungen ein bisschen wirr, auf jeden Fall hat meine Gastmutter ihm anscheinend eine ordentliche Tracht Prügel verpasst, und ihn zur Polizeistation gebracht, da er anscheinend Teil einer Bande ist, die Kinder schickt, um Dinge aus den Häusern zu stehlen. Ob das jetzt stimmen mag oder nicht, der Junge tat mir, auch wenn seine Geschichte erfunden sein mag, total leid, denn irgendeinen triftigen Grund muss er ja haben, um stehlen zu wollen und wenn es ist, dass er gezwungen wurde. Das Witzige an der Sache ist, dass Marcos Sachen nun noch immer als "Beweisstücke" bei der Polizei sind und der diensthabende Officer anscheinend, beim Anblick von Marcos Boxer Shorts, erst einmal gefragt hat, wozu man denn so große Unterhosen brauche. Mal sehen, ob er sie wieder bekommt oder ob sie in Kleiderspenden verwandelt werden!. Nun sind wir auf jeden Fall ein bisschen vorsichtiger und bedacht darauf immer die Türen abends zu schließen. 

Das Wochenende über ging es dann zum zweiten Mal nach Cape Coast, dem schönen Städtchen am Meer und unserem Hostel direkt am Strand. Diesmal waren wir eine kleinere Gruppe von ungefähr 8 Freiwilligen, die schon am Freitag mit dem Trotro starteten- Noch immer bin ich ein großer Fan vom Trotro fahren, auch wenn es manchmal ein bisschen eng werden kann, weil die Trotro Fahrer es mit der Personenanzahl nicht so eng nehmen. Es kann gut sein, dass das Gefährt, mit dem man irgendwann über die unebenen Straßen rollt, plötzlich von der Polizei angehalten wird und schnell ein paar Geldscheine die Besitzer wechseln, bevor es weitergeht. Bestechung gibt es also zumindest in dieser Form.

Nationalpark

Am nächsten Morgen, nach einem kleinen Spaziergang durch die Stadt, auf der Suche etwas zu essen, ging es dann los, mit einem anderen Trotro weiter in den Kakum Nationalpark, noch einmal gute zwei Stunden entfernt. Diese zwei Stunden Fahrt lohnen sich aber, denn der Park ist wirklich sehenswert. Erst einmal total grün (ist ja selbsterklärend), riesige Bäume, Gebüsch und das Zirpen von Tieren, die man zwar nicht sieht aber dafür umso lauter hört. Durch die feuchte Luft noch dazu  bekommt man wirklich das Gefühl mitten im Regenwald zu stehen. Das eigentliche Highlight sind aber die Hängebrücken des Parks, die bis in 40 Meter Höhe durch die Bäume führen und die man überqueren kann, was wirklich eine sehr wackelige Angelegenheit ist. Unser Guide erzählt uns, dass es wohl auch Tiere zu sehen gibt, Elefanten, Affen und allerlei Vögel, das einzige was ich jedoch zu Gesicht bekomme ist ein Tausendfüßler in XXL Format, ungefähr unterarmgroß!

Das reicht mir aber auch schon an exotischen Tiererfahrungen, obwohl einen Elefanten hätte ich schon gerne gesehen. Dafür kreischen die anderen Besucher auf der Wackelbrücke aber auch definitiv zu laut. Nachdem wir alle wieder heil am Boden sind (man hat wirkliche einen gigantischen Blick aus 40 Metern Höhe) bekommen wir noch eine Führung, bei der uns die Bäume genauer erklärt werden, was uns noch eine weitere Stunde durch den Wald führt. Völlig durchgeschwitzt erreichen wir um einiges später wieder den Eingangspunkt, genau richtig, denn ein paar Minuten später fängt es an zu gewittern, irgendwo hinter uns schlägt sogar ein Blitz ein und wir sind froh, als wir unsere Rückfahrt antreten!

 Ansonsten habe ich mich nun wirklich richtig eingelebt und das, was am Anfang alles spannend aufregend, manchmal erschreckend und faszinierend war, ist das noch immer, jedoch beginnt man schnell die Dinge zu seinem Alltag zu zählen. Wenn man also 4 Tage ohne fließendes Wasser auskommen muss, während die Wasservorräte im Bad kontinuierlich schrumpfen, macht einem das nicht mehr so viel Bedenken wie zu Beginn. Auch beginnt man mit den Händlern auf dem Markt zu handeln, wenn sie etwas viel zu teuer verkaufen wollen, die tausende Gerüche auf dem Markt werden nicht weniger intensiv aber dafür vertraut und man passt sich an, vergisst völlig, dass man eigentlich eine andere Hautfarbe hat und wenn man mal wieder "Obrouni" hinterhergerufen bekommt, kommt man völlig aus dem Konzept.

Kurz: Das bisschen Afrika fasziniert noch immer, jeden Tag auf eine neue und andere Art, auch wenn langsam die kleinen Dinge beginnen, Alltag zu werden, was sehr schön ist, dadurch aber auch sehr schwierig hier zu beschreiben ist, da mir zwar nicht weniger "Spannendes" passiert, ich aber nicht mehr über alles so detailliert berichte, weil es mir teilweise einfach gar nicht mehr so auffällt. In der Schule versuche ich nach wie vor das Beste, den Kindern etwas beizubringen, auch wenn es schwierig ist, heute haben wir aber zum Beispiel ein Gedicht mit Bewegungen dazu auswendig gelernt, was den Kleinen viel Spaß gemacht hat. 

 Liebe Grüße aus Ghana

 Mira

 

 

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