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Weihnachten in Ghana

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Frohe Adventstage, Grüße aus Ghana, wo das mit der Weihnachtsstimmung irgendwie nicht so klappt, es sei denn man findet Gefallen an dem sich wöchentlich noch absurder schmückenden Plastiktannenbaum im einzigen Swedru‘er Supermarkt. (Mittlerweile gibt es sogar Lametta und Weihnachtsmann- Mützen zu kaufen)

Wahlen

Seit dem siebten Dezember, den Wahlen, gibt es hier in Swedru, aber ich glaube das lässt sich auf ganz Ghana übertragen, kaum noch Ruhe. Die New Patriotic Party (NPP) und alle ihre Anhänger feiern nun seit letzter Woche Freitag, als die Ergebnisse verkündet wurden, ihren Sieg. Die Geschichte dazu, wie ich von diesen mitbekommen habe, ist ganz lustig, deshalb will ich sie jetzt einmal nicht vorenthalten, aber erst einmal ein kleiner Sprung zu Mittwoch, dem lang ersehnten "Eleccion Day“ und generell zum Wahlablauf. In Ghana wählt man nämlich erst einmal nicht in einem Wahlsaal oder ähnlichen Einrichtungen, wie man es aus Deutschland kennt, nein, man wählt an Schulen oder an kleinen "Ständen“ an der Straße. Der Grund dafür, dass die meisten Schulen an diesem Tag geschlossen hatten, resultiert ebenfalls daraus (meine Schule übrigens eingeschlossen).  

Auch dürfen zuerst die Lehrer wählen, so wurde es mir zumindest erzählt, denn es kann schon sein, dass man, vor allem gegen Abend stundenlang Schlange stehen muss, um seine Wahl gültig zu machen. Gewählt wird hier übrigens nicht wie in Deutschland durch Ankreuzen, sondern durch  Fingerabdruck, den man zur entsprechenden Partei setzt. Die dafür benutzte rote Farbe bleibt auch am nächsten Tag noch am Daumen haften, was ganz praktisch ist, da die Ghanaer dadurch angeblich kontrollieren, dass keiner zweimal wählen geht und das Ergebnis so nicht verfälscht wird. Ob das mit der Korruption, die es hier im kleinen Stil zumindest gibt, wirklich so gut funktioniert kann und will ich aus meiner Perspektive nicht beurteilen, es heißt jedoch, dass die bis dato regierende Partei nicht ganz rechtmäßig an die Macht kam.

Beziehungen und auch sogenannte Wahlgeschenke, die von den hohen Tieren in der Partei ausgehen, sollen unter anderem viele Wähler beeinflussen. Ob das nun stimmt oder nicht sei dahingestellt, vorstellbar ist es jedoch. Da die Menschen hier sozusagen öffentlich "Farbe bekennen“, schon monatelang vorher an Umzügen teilnehmen und sogar  ganze Outfits in den Farben ihrer Partei haben, wird es schwierig seine Orientierung geheimzuhalten, wodurch es natürlich auch zu kleinen Bestechungen und Wahl aufgrund freundschaftlicher Beziehung kommen kann.

Entspannter Wahltag

Der Tag des siebten Dezember war an sich sehr eigenartig, denn es lag eine völlig ungewohnte und veränderte Stimmung in der Luft, die ich im Nachhinein gar nicht mehr richtig beschreiben kann, weil ich gar nicht genau weiß, was denn so verändert war. An sich war es glaube ich einfach die Stille und die Anspannung, die irgendwo spürbar wurde. Morgens wache ich auf, es ist still: Kein Hahn kräht, keine der Frauen auf dem Hof ist singend am Waschen, vom Trotro- Platz rufen heute keine Lautsprecherstimmen ihre Fahrtziele in die Menge, auf den Straßen ist keine Musik, wenig Verkehr und wenige Menschen. Die meisten Shops haben geschlossen, am Straßenrand stehen in den Abendstunden noch meterlange Schlangen von Menschen, die wählen möchten (Kurze Randinfo: Die Wahlbeteiligung war diesmal ungewöhnlich hoch: fast 1 Million Ghanaer hat abgestimmt, die Jahre zuvor waren es als nur 20.000!). Da an diesem  Tag aufgrund der Ereignisse keine Schule war, war ich mit Lea, Pia und Marie einmal wieder bei einem Lehrer unserer Schule zu besucht, wo wir Filme geschaut und gekocht haben, ein entspannter Wahltag also.

In den nächsten Tagen lag noch dieselbe eigenartige Spannung in der Luft, meine Gastmutter schien vor dem Fernseher gefesselt zu sein, um ja nicht die neusten Auszählungen zu verpassen, die live übertragen werden. Freitagabends dann kam das Ergebnis. Wie es der Zufall wollte, habe ich gerade mit Efiba und Awompa (meinen Gastschwestern) in meinem Zimmer ein kleines Workout gemacht, als auf der Straße der Tumult anfing. Die NPP hatte gewonnen und der Sieg glich dem Gewinnen einer Schlacht, von überall rannten Menschen auf die Straße, Musikboxen auf voller Lautstärke, Trompeten, Taxis mit offenen Fenstern, aus denen Leute NPP Fahnen schwenkten, Trompeten, Trommeln und soviel Begeisterung, dass ich es gar nicht beschreiben kann.

Am mittlerweile verdunkelten Nachthimmel explodierten die ersten Feuerwerkskörper in den buntesten Farben, von überall Musik und richtige Paraden von Menschen, die durch unsere Straße zogen. Ein bisschen wie Silvester und ein Triumphmarsch nach dem Gewinn eines WM-Fußballensspiels zugleich. Meine Gastmutter verabschiedet sich für den Abend und rennt singend mit einer Trompete die Straße hinunter, einige Nachbarinnen folgen ihr – bei diesem Anblick musste ich zu sehr lachen…So gehen die Feierlichkeiten dann bis in die Nacht. Und das nicht nur Freitags, sondern noch immer. Am Wochenende bleiben wir mit dem Trotro in einem Umzug stecken (nicht so vorteilhaft dann auch noch gegen den Strom zu fahren) und müssen Umwege fahren, um überhaupt vorwärts zu kommen ( ein NPP Anhänger hat vor lauter Euphorie auch noch unseren Seitenspiegel mitgenommen).

Boti Falls

Obwohl wir im Voraus vor möglichen Ausschreitungen gewarnt worden waren, hatten die Ghanaer dann doch Recht: "Ghana is a peaceful country“, bis jetzt ist hier noch nichts passiert, die Menschen sind zum Großteil noch immer voll im Glück, die anderen zwar enttäuscht aber wie es aussieht nicht gewalttätig. Da am Wochenende Marco, der Mitfreiwillige in meiner Familie Geburtstag hatte, sind wir dafür nach Koferidua gefahren, einer kleine Stadt drei Stunden entfernt von Swedru. Die Trotro-Fahrt dahin gestaltet sich immer wieder als Abenteuer, denn die vielen Schlaglöcher in den eher unbefestigten Straßen, erinnern wirklich sehr an eine Achterbahnfahrt. Koferidua ist vor allem bekannt für seine Wasserfälle, die wir natürlich auch besuchen.

Zwar ist die Regenzeit ja eigentlich schon vorbei, die Boti Falls sind aber trotzdem noch sehenswert wie eh und je. Zuerst wandern wir ein bisschen durch den Regenwald zum "Umbrella Stone“, einem Aussichtspunkt, von wo aus man über die ganze Landschaft blicken kann, ein wunderbarer Ausblick! Den Namen der Plattform kommt daher, dass dort ein riesiger Felsbrocken steht, der die Form eines "Umbrella“, also eines Regenschirms hat. Bei den Boti-Falls gehen dann ein paar unserer Gruppe schwimmen, als sie dann aber eine Wasserschlange entdecken, bin ich mehr als froh an Land geblieben zu sein!

Exam Week

Gerade sitze ich nun in der Schule, es ist die letzte Woche vor den Ferien und statt Unterricht ist diese Woche "Exam Week“, was bedeutet, dass die Schüler jeden Tag eine Klassenarbeit schreiben; ist diese beendet, gibt es nichts mehr zu tun. Während die Kinder also mehr oder weniger herumsitzen und auf das nächste Klingeln warten, habe ich alle Hände voll mit dem Korrigieren der Arbeiten zu tun. In der ersten Klasse ist das zum Glück noch ziemlich einfach und der Schnitt ist am Ende besser, als ich erwartet hätte! Immerhin eine schöne Überraschung. Da diese Woche kein Unterricht mehr ist, habe ich letzte Woche ein paar "Weihnachtsstunden“ mit meinen Schülern gemacht, wir haben Tannenbäume gebastelt und dekoriert und sogar die Weihnachtsgeschichte nach dem Vorlesen aufgemalt. Die Weihnachtsbäume hängen jetzt als Girlande im Klassenzimmer, was die Kinder total begeistert hat.

Weihnachten

In ein paar Tagen werde ich mich nun in die Weihnachtsferien verabschieden, dann ist schon Term 1 von Dreien in der Schule geschafft. Unglaublich, wie die Zeit vergeht! Gespannt bin ich auf jeden Fall schon auf Weihnachten, anscheinend wird das hier, außer mit stundenlangen Gottesdiensten, eher weniger groß oder spektakulär gefeiert, also heißt es Abwarten. Bis dahin wünsche ich euch allen wunderschöne Weihnachtstage im kalten Deutschland  (ein bisschen neidisch bin ich ja schon, vor allem auf die ganzen Plätzchen). 

Noch einmal vielen Dank für die Unterstützung hier zu sein, gerade ziehen die Tage und Wochen für mich wie im Flug vorbei und ich genieße jede Sekunde. Als so ein kleines Fazit für das Jahr kann ich schon einmal sagen, dass ich mir nie erträumt hätte, einmal da zu stehen, wo ich jetzt bin. Ich habe es geschafft  mich innerhalb dreier Monate in einem mir anfangs völlig fremden Land einzuleben. Das alles ohne sämtlichen Komfort, den man in Deutschland hat, mit Ameisenstraßen im Zimmer und in der Küche, mit Fledermäusen und Kakerlaken, manchmal drei Tage lang ohne fließend Wasser, mit dem Waschen der Wäsche von Hand, mit dem Essen, dem Klima und den Menschen…

Ich will mich nun echt nicht selbst loben, aber ich hätte nie gedacht, dass ich das schaffen würde, ohne Heimweh, ohne Krisen und ohne größere Probleme, es läuft einfach alles seinem Gang. Manchmal denke ich beim Waschen, wo ich für gewöhnlich viel Zeit und Ruhe zum Nachdenken habe, darüber nach, was für Probleme ich denn eigentlich mit mir herumtrage. Und es ist überraschend, dass mir wirklich nicht mehr einfällt, als dass mein Zimmerboden wirklich chronisch dreckig ist (trotz meiner Putzaktion letzte Woche) und dass man hier vielleicht ein bisschen zunimmt. 

Umkompliziert

Ich glaube als Freiwilliger, der hier herkommt, lässt man sich stückweit einfach fallen in diese Unkompliziertheit, mit der das Leben hier verläuft. Nicht dass man sich gehen lässt, nein, man schraubt einfach ein paar Gänge runter und entspannt sich, man macht sich über andere Dinge Gedanken, was mitunter aber genauso, eigentlich viel anstrengender sein mag. Und sosehr man sich in Ghana verliebt, man lernt vor allem wertzuschätzen, was man selbst hat, in Deutschland. Man bewundert das Bildungssystem und die Ordnung genauso wie man die Menschen hier für ihre Offenheit, Wärme und Unkompliziertheit bewundert. Es ist, als könnte man sich einfach das Beste aus beiden Kulturen heraussuchen und versuchen danach zu leben. Ich finde es eigentlich dumm, immer alles hier mit Deutschland zu vergleichen, denn man kommt vielleicht zu einem Ergebnis, dieses wird jedoch durch völlig verschiedene Werte bestimmt. Man kann  den Geist eines afrikanischen Landes nicht mit dem eines europäischen vergleichen, weil sie sich in fast allem unterscheiden.

Wir bewerten glaube ich automatisch nach Effektivität, Produktivität, Leistung und Funktionalität und weniger nach Tradition, Charakter und Stimmung. Und in diesen Kriterien schneidet Ghana im Vergleich nun mal viel besser ab als andersrum. Ich habe mich mittlerweile an viele Dinge gewöhnt und auch mit Manchem abgefunden, trotzdem frage ich noch, wie die Kinder nach der Schule ihr Eis auf dem Kopf  verkaufen können, für wenige Cedis dabei in der prallen Mittagshitze quer durch die Stadt laufen, obwohl es noch bestimmt fünfzig andere Eisverkäufer gibt, sodass sich der Umsatz doch gar nicht lohnen kann…Ich frage mich, wie die Marktfrauen jeden Tag am selben Platz sitzen und ihren getrockneten Fisch mit einem staubigen Tuch polieren können, ohne daran zu denken, dass sie in ihrem Leben wahrscheinlich nie mehr etwas anderes tun oder sehen werden..

Ich frage mich, wie die Kinder in der Schule den Wunsch Arzt zu werden wirklich verwirklichen wollen, mit dem, was sie beigebracht bekommen. Viele Dinge lassen mich noch immer zweifeln und man spürt nur zu deutlich die himmelschreiende Ungerechtigkeit als Weißer in einem Industrieland geboren zu sein, wo Grenzen wahrscheinlich im Vergleich nur die des Weltraums sind. Meine eigene Rolle hier, in der Schule, das weiß ich, ist ersetzbar. Ich bin eine Unterrichtsassistenz, die dreimal die Woche unterrichtet und obwohl es mir und den Kindern Spaß macht, bin ich hier nur für ein Jahr.  Danach habe ich wieder all den Luxus um mich, den ich zum Leben „brauche“… Und so gemein das auch ist, so froh bin ich, dass ich es besser habe, dass ich privilegiert bin und das macht mir zumindest ein ganz schön schlechtes Gewissen

 Da Pia und ich in der Schule allgemein nicht so viel zu tun haben, wollen wir nach den Ferien nun einmal mit dem Headmaster sprechen, ob wir denn noch etwas zusätzlich tun können. Mal sehen, was daraus wird. Ansonsten haben wir vor zu verreisen, hoch in den Norden und in die Volta Region, ein ganz anderer Teil Ghanas.

Nun noch einmal, ganz zum Schluss: Frohe Weihnachten und liebe Grüße aus aus Ghana.

Mira, oder Efua (mein ghanaischer Name, wird nach Wochentagen bestimmt)

 

 

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