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Es weihnachtet sehr...

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Hallo an euch alle und noch einmal frohe Weihnachten nach Deutschland. 

Wie sich der eine oder andere wahrscheinlich schon denken wird, ist Weihnachten in Ghana ein Erlebnis der etwas anderen Art als man das aus Deutschland gewohnt ist. Heute, der Tag an dem ich anfange das hier zu schreiben, ist der Abend des 25. Dezember und ich sitze in meinem grünen Zimmer. Meine Gastschwestern liegen müde geworden, wie so oft, auf dem Fußboden. Ich bin am Freitag erst wiedergekommen von Busua, einem wunderschönen kleinen Fischerdörfchen am Meer, zwar fünf Stunden Trotro- Fahrt entfernt von Agona Swedru, aber wirklich sehenswert.

Als ich am Freitagnachmittag, dem 23. Dezember auf der Main Station im Herzen Swedru’s  aus dem Trotro steige, nimmt die erholte Urlaubsstimmung ein schnelles Ende: Menschen über Menschen tummeln sich auf dem Markt und den Straßen, dazwischen hupende Taxis, Trotros, Kinder und Verkäufer mit großen Körben auf dem Kopf, alles hinterlegt mit einer Tonspur aus den "Anpreis“-Gesängen der Marktverkäufer und von dröhnenden Bässen der Musik, die aus den riesigen Lautsprechern dringt, die rechts und links am Straßenrand aufgebaut sind und immer wieder Jung oder Alt zum Tanzen animieren.

Geschenke

Ich komme in ein überfülltes, geschäftiges Swedru, wie ich es bis jetzt noch nicht erlebt habe und in meinen Schilderungen wird es wahrscheinlich auch nicht in diesem Ausmaß vorstellbar werden. Aus dem Urlaub zurück in Swedru braucht dann aber doch ein, zwei Minuten Umgewöhnung. Da Lea und ich noch unbedingt ein paar Besorgungen machen müssen (unter anderem vor allem letzte Geschenke für die Gastfamilie (Efiba, Awompa, die Gastmutter Efua und der Gastvater Khojo).

Das stellt sich in dem Gedränge aber eher als schwer heraus; die sonst so wenig "bevölkerten“ Stände auf der Straße sind völlig überfüllt, Mütter mit Kindern, Väter, ältere Frauen und Männer, dazwischen Kleinkinder und Babys auf dem Rücken, alle sind dabei und kaufen für Weihnachten ein. Wie mir meine Gastmutter erklärt hat, ist es in Ghana üblich rund um Weihnachten groß Einkaufen zu gehen; zwar wird der Heilig Abend nicht wirklich gefeiert und die Leute schenken sich meist auch nichts, allgemein ist es aber die Zeit, in der man sich mal "etwas gönnt“ (O-Ton Efua) und eben mal mit oder für die ganze Familie Einkaufen geht, was die Massen an Menschen und das geschäftige Treiben erklären. Bis wir uns zum einzigen Supermarkt der Stadt durchgekämpft haben, dauert es eine ganze Weile und dort angekommen geht es erst noch weiter: Es ist unvorstellbar wie leergekauft die Regale sind, wo sonst die möglichsten und unmöglichsten Dinge aufgereiht sind und man ich stetig fragt, welcher Ghanaer das denn kaufen würde, klaffen nun große Löcher.

Es scheint als habe sich halb Ghana versammelt und beschlossen den gesamten Bestand leerzukaufen, selbst die kitschigen Plastikweihnachtsbäume und Lamettaschlangen sind größtenteils verschwunden und alle drängen sich um die Kassen (Anstehen in einer Reihe kennt man hier übrigens nicht ). Ich kaufe für meine Gastschwestern Nagellack, für den Vater eine große Schachtel Kekse und für meine Gastmutter Body Lotion und Ohrringe und mache mich, gespannt auf den 24. Dezember, auf den Heimweg.

Boxing Day

Wider Erwarten geht es Samstags dann aber gar nicht in die Kirche. Marco und ich fragen Efua, meine Gastmutter, also nach den Plänen für die Feiertage die hier, wie sich mittlerweile herausgestellt hat, nicht wirklich als Feiertage zu erkennen sind. So gut wie alle Shops haben geöffnet und von meinem Zimmer aus sehe und höre ich das Treiben auf dem Markt. Efua erzählt uns dann, dass der 24. und generell Heiligabend hier mehr oder weniger unter den Tisch fallen, es nur Sonntags in die Kirche geht und die Familie danach gemeinsam isst. Am Montag (mittlerweile heute) sei dann der "Boxing Day“, an dem man Geschenke austauscht.

Am 24. Dezember, einem fast normalen Samstag, wenn man mal nicht darauf achtet, dass in Deutschland Ausnahmezustand herrscht und ich ungefähr zehn unterschiedliche Bilder von geschmückten Weihnachtsbäumen aus Deutschland aufs Handy geschickt bekomme, treffe ich mit Pia und deren Freundinnen aus Deutschland, die sie gerade besuchen, im Internetcafe. Gegen Abend komme ich zuhause, parallel mit dem Gastvater Khojo an, der für die nächsten zwei Wochen Urlaub hat.

Ich telefoniere mit meinen Lieben daheim (Gruß an euch nochmal, an dieser Stelle), die Kartoffelsalat und Schnitzel essen und sogar "live“ mit mir die Geschenke auspacken. Später kommen ein paar andere Freiwillige, wir zünden in meinem Zimmer Teelichter und Kerzen an und schauen zu Lebkuchen und Spekulatius aus diversen  Weihnachtspäckchen, einen Film und so langsam kommt auch die weihnachtliche Stimmung auf, die ich die Tage zuvor vermisst habe ( wie soll es denn bei über 30 Grad und nahezu keiner Andeutung von Weihnachten auch weihnachtlich werden?) Unsere kleine Weihnachtsfeier wird so richtig nett. Am Sonntagmorgen wache ich dann davon auf, dass meine Gastmutter an meine Zimmertür klopft, es ist Zeit für die Kirche. Ich nehme mir noch die Zeit zum Frühstücken auf dem Balkon, helfe ein paar Karotten zu schnippeln und wir kommen viel zu spät los (nicht wegen mir! ?).

In der Kirche

Die Kirche mit dem klangvollen Namen "Methodist Church of Christ“, einige Ecken entfernt von unserem Haus, ist an diesem Sonntag völlig überfüllt, die Menschen stehen sogar noch auf den Stufen vor der Kirche. Marco und ich werden von einem älteren Mann zum Glück zu zwei Sitzplätzen gelotst und sind so für die kommenden vier Stunden gewappnet. Wir sind mit der Gastmutter zur Kirche, die Kinder gehen in eine andere und der Gastvater überhaupt nicht, wir treffen ihn später auf dem Sofa schlafend wieder.

Der Gottesdienst ist für uns, wie eigentlich immer, auf Twi, also unverständlich, trotzdem ist es schön dazusitzen und all die Ghanaer und Ghanaerinnen in ihren farbenprächtigen Kleider vorbeitanzen zu sehen. Da gibt es Frauen mit glitzernden Tüchern, Ohrringen und traditionellen Kleidern, dazu tragen die jüngeren, selbst die Mädchen, meistens High Heels und Handtaschen in Gold oder Silber. Die Männer tragen teils Anzüge und Hemden, manche aber auch afrikanische Gewänder die bis zum Boden reichen und ab und an rundet eine verspiegelte Sonnenbrille das Outfit ab.

Verhältnismäßig wird jedoch recht wenig getanzt, nur zweimal, um vorne vor dem Altar Geld zu spenden und dann wieder zurückzutanzen. Die Predigt erzählt etwas über die Weihnachtsgeschichte, soviel verrät mir jedenfalls der englische Part, der jedoch schnell auf Fanti umschwenkt. Daheim, nach guten vier Stunden, fängt Efua direkt an zu kochen, es gibt Fufu (für sie selbst und den Gastvater) und für Marco, die Kinder und mich Jollof-Reis und Salat; ein echtes Highlight, da die Ghanaer normalerweise nie Salat oder generell Gemüse zubereiten! Wir essen, was in Ghana auch wirklich eine Seltenheit ist, alle gemeinsam an einem Tisch, zum ersten Mal seit meinem Aufenthalt hier und es ist überraschend entspannt und familiär, die Kinder übernehmen das Tisch decken und kaufen von ein paar Pesewas Luftballons, die im ganzen Raum verteilt aufgehängt werden.

Essen

So schön es auch ist, so schnell zerstreut sich der Kreis leider auch wieder und jeder sucht sich selbst etwas zu tun. Ich schaue noch einen Film und räume endlich einmal mein Zimmer auf, später drehe ich noch eine Runde durch Swedru, um ein bisschen rauszukommen. Ich glaube so lange am Stück war ich wirklich noch nie daheim! Heute, am Montag dann, ist "Boxing Day“. Da Marco schon um halb zehn das Haus verlässt um zu verreisen, geben wir unsere Geschenke einfach schon davor, vor allem die Kinder freuen sich total (über Topmodel Malbücher, Nagellack und Stifte- wer täte das an ihrer Stelle nicht??) und setzen sich gleich mit mir hin um die Bücher zu gestalten. Auch wenn sich sonst niemand etwas schenkt, so haben zumindest Marco und ich etwas geschenkt und es macht einen froh zu sehen, wie sie sich über die Kleinigkeiten freuen. Später gesellt sich Efua noch dazu und gibt mir den Auftrag Essen (Banku mit Pepper) zu kochen.

Mein Einwand, dass ich in der Küche nicht wirklich zu gebrauchen bin, wird in den Wind geschlagen, ich soll einfach mal machen. Gut, dass ich kochen und mir eben mal ghanaische Spezialitäten aus dem Ärmel zaubern kann; ein bisschen amüsiert mich das Ganze schon. Zum Glück helfen mir die Kinder (die eigentlich auch nicht mehr Ahnung haben als ich) und nach einer kleinen Überflutung auf dem Küchenboden gelingt es am Ende ganz gut (zumindest scheint es essbar gewesen zu sein). So schnell sind die Weihnachtstage dann auch wieder vergangen und auch wenn es ziemlich ruhig und mir kurzzeitig so langweilig war, dass ich sogar mein Zimmer aufgeräumt und über zwei Stunden gewaschen habe), war es an sich ein komplett anderes aber echt interessantes Weihnachten in Ghana. 

Liebe Grüße Mira

 

 

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