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Hochzeit in der Haupstadt

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Ja, ich will….

Hochzeit in Ghana, Accra und der Kunstmarkt

Hallo an euch alle zusammen, so schnell ist der Februar gekommen und mit ihm, für mich zumindest, auch viele neue Erlebnisse, von denen ich jetzt mal ein bisschen erzählen möchte.
Erst einmal war ich wieder ein bisschen unterwegs, es ist Montag und mittlerweile sitze ich wieder in der Schule, das Wochenende hingegen habe ich mit Pia und Marie in Accra (der circa zwei Stunden entfernten Hauptstadt) verbracht.

Kino und Kunstmarkt

Wir starten am Samstagmorgen, ich für meinen Teil völlig übermüdet, da wie so oft eine Beerdigungsfeier vor unserem Haus stattfindet, ghanaische Musik auf Diskolautstärke die ganze Nacht hindurch inklusive… Mit dem Schlafen geht das dann nicht so gut, dazu die abendliche Hitze, die sich in den Zimmern staut, kurz: völlige Übermüdung am nächsten Tag. Ich weiß nicht, ob ich es schon einmal erwähnt habe, aber Beerdigungen in Ghana werden für gewöhnlich als Fest über mehrere Tage hinweg gefeiert, es werden Pavillons aufgestellt, dazu die größten Musikboxen, die sich auftreiben lassen, und los geht’s.

Für mich geht es aber erst einmal los nach Accra, denn wir haben beschlossen uns seit längerer Zeit mal wieder etwas "Luxus“ zu gönnen, sprich Kino in der Westhills Mall. Wir fahren am frühen Mittag los und erreichen mit dem Trotro gute zwei Stunden später unser Ziel. Die Mall kann man sich ungefähr genauso wie ein deutsches Einkaufszentrum  vorstellen und wenn man von der stickigen gnadenlosen ghanaischen Mittagshitze durch die Glastüren passiert, bekommt man zuallererst einmal einen kleinen Kälteschock, da es drinnen so schön angenehm kühl ist. Vor dem Kino kaufen wir uns, was wir sonst fast nirgends bekommen, ein bisschen überteuerte Schokolade, aber das gehört wohl dazu. Der Film, in dem wir letztendlich landen stellt sich als ganz lustige Komödie heraus, aber es ist wohl schon alleine das schwer zu erklärende "Kino- Feeling“, das wir genießen.

Da wir noch nicht wissen, wo wir die Nacht in Accra verbringen werden, reden wir danach mit ein paar Ghanaern, die uns aber alle keine verwertbaren Infos geben können, es sei denn wir wollen 200 Cedi (50 Euro) für eine Einzelperson pro Nacht zahlen, was uns, die mittlerweile an fünf bis zehn Euro gewohnt sind, wirklich zu viel ist. Letztendlich suchen wir uns einen Taxifahrer und dirigieren ihn durchs mittlerweile nächtliche Accra zum "Sleepy Hippo Hotel“, das wir im Internet gesehen haben und ganz vielversprechend aussieht. Wir werden nicht enttäuscht und bekommen ein Zimmer in einem Schlagsaal. Das Beste aber: Es gibt Pizza zu kaufen, was wir dann selbstverständlich auch tun, wann kann man denn sonst schon einmal Pizza essen…?

Am nächsten Morgen genießen wir noch unser inclusive- Frühstück (Brot, Rührei und Tee), bevor wir uns entspannt auf den Weg zum Kunstmarkt machen, der in Accra ziemlich bekannt und wohl auch ein ziemlicher Tourimagnet ist, wie uns erzählt wird. Trotzdem lassen wir es uns nicht nehmen hinzufahren, als wir aus dem Taxi steigen, werden wir sofort von einem Dutzend Ghaner umringt, die uns alle ihren Shop auf dem Markt zeigen wollen, der eher wie eine Anordnung kleiner Läden in einem überdachten Gebäude ist. Von den vielen Farben sind wir ziemlich beeindruckt, denn es gibt so viel zu sehen: Selbstgenähte Kleider, Hosen, Oberteile, Taschen, Rucksäcke und vieles mehr, alles mit dem afrikanischen Stoff, den man überall zu sehen bekommt und den es in allen erdenklichen Farben und Farbkombinationen gibt. Beim Weiterlaufen finden wir Schmuck, selbstgemachte Holzohrringe, Perlenarmbänder und Halsketten, dazu werden wir begleitet von mindestens durchgängig einer Hand von Ladeninhabern, die uns zu ihrem Shop führen möchten, was das Ganze mitunter ein bisschen stressig, aber dennoch schön macht.

Wir arbeiten und stöbern uns durch den Markt, ich erstehe eine Halskette, einen Armreifen und ein Bild, Acryl auf eine Art Leinwand. In einem Laden bekommen wir alle ein Armband von einer netten sehr lebensfrohen alten Frau geschenkt, total nett! Die Sachen sind im Vergleich mit deutschen Preisen nicht teuer, im Gegenteil, im Verhältnis dazu, dass man vieles jedoch auch um einiges billiger auf der Straße kaufen kann, lohnt es sich unbedingt zu handeln. Inzwischen können wir das auch ziemlich gut, in vielerlei Hinsicht zahlen sich die zurückliegenden fünf Monate also aus. Bei einem Trommelladen bekommen wir einen Gratis- Trommel Workshop von zwei Brüdern, die auf der Straße, beziehungsweise in ihrem Laden, aufgewachsen sind und Trommeln verkaufen. Da wir aber wirklich kein Geld mehr haben, außer das, das wir noch zum Heimfahren brauchen, kaufen wir nichts mehr und machen uns nach einer Weile auch wieder auf den Heimweg- den nächsten "Termin“ zum Wiederkommen haben wir schon festgelegt. Heute sitze ich wieder in der Schule und korrigiere die Hefte der Kinder, die gerade einen Arm von der Tafel abmalen  und beschriften müssen.

Die Hochzeit in der Hauptstadt

Was ich eigentlich noch erzählen wollte kommt jetzt, nämlich das Hochzeits-Wochenende, ebenfalls  in Accra, das ich mit meiner Gastfamilie verbracht habe. Aus meinen bisherigen Erzählungen geht glaube ich schon hervor, dass das Familienleben in Ghana im Gegensatz zu Deutschland nicht in dieser Form vorhanden ist, bis auf Kirchengänge verbringt man ziemlich wenig Zeit miteinander und so auch ich mit meiner Gastfamilie. Bis auf manchmal abends auf dem Balkon zusammenzusitzen oder mit meinen Gastschwestern UNO zu spielen, bleibt einfach auch nicht viel freie Zeit übrig, deshalb ist es schon eher etwas Besonderes ein ganzes Wochenende in der Familie zu verbringen. Da die Braut Joselyn die Nichte meines Gastvaters ist, fährt die ganze Familie (oder vielmehr Efua und die Kinder) schon am Mittwoch los nach Accra, zum Haus von Kojos Bruder.

Am Donnerstag findet die traditionelle Hochzeit im ghanaischen Stil statt, mit traditionellem Körperschmuck und entsprechender Kleidung. Da ich aber bis Freitag zur Schule muss, komme ich am Samstagmorgen nach. Dafür das ich um sieben Uhr schon im Trotro unterwegs bin, und nicht wirklich weiß wohin, ziemlich früh. Ich habe ein Stück Papier mit einer Adresse, einen Rucksack, Efuas Handynummer und ein bisschen Geld, da kann eigentlich nichts schiefgehen. Sollte man denken, trotzdem bekomme ich es hin, dass ich meinen Ausstieg (Kaneshi) fast verschlafe.

Da stehe ich also in Accra und weiß nicht wohin, weshalb ich ersteinmal meine Gastmutter anrufe, die praktischerweise nicht abnimmt… Bis sie zurückruft unterhalte ich mich mit einer netten alten Frau, lerne Lydia und Rosalin kennen, die mich beide zum Taxi begleiten wollen und das auch tun, als  es schließlich klingelt und Efuas Neffe sich meldet, der dem Taxifahrer eine Wegbeschreibung gibt. Irgendwie scheint dieser das jedoch nicht so ganz verstanden zu haben. Unterwegs muss ich weitere fünf Mal telefonieren, da er nicht weiter weiß. Irgendwie schaffe ich es dann aber doch annähernd zum Haus von Kojos Bruder, auf halber Strecke holt mich Prince, der Neffe, ab und führt mich zum Haus.

Nach einer langen Fahrt am richtigen Ort

Die Gegend in die ich komme ist um Ecken ärmer als die Straßen Swedrus, in denen ich mich sonst bewege. Wir laufen durch enge Gassen, fast wie ein Labyrinth, rechts und links sind kleine Hütten und Häuser, dazwischen Kinder, Hühner, Friseurläden und Kiosks. Ich werde natürlich von allen Seiten neugierig beäugt. Aber auch daran bin ich mittlerweile wohl oder übel gewöhnt. Das Haus von Kojos Bruder und dessen Familie ist zwar klein, aber von einem großen Hof mit Betonmauern umgeben, in dem schon viele Frauen vor großen Töpfen sitzen und kochen. Während ich auf einen Stuhl befördert werde (in Ghana ist es unhöflich sich nicht hinzusetzen, wird einem Platz angeboten) geschehen um mich herum noch die letzten Vorbereitungen für die anstehende Zeremonie in der Kirche. Frauen schlüpfen in ihre farbenfrohen und festlichen Kleider und Gewänder, behängen sich mit Unmengen von Ohrringen, Ketten und Armreifen und richten sich gegenseitig die Haare bis alles perfekt sitzt.

Die Kirche, zu der wir anschließend aufbrechen ist in den Farben der Hochzeit, weiß, blau und gold dekoriert, es hängen goldene und blaue Tücher von der Decke und im Kirchengang stehen Gestecke aus Plastikblumen (da es wie man sich vorstellen kann an echten mangelt). Links neben dem Altar, der mehr eine Art Rednerpult zu sein scheint, ist ein kleiner Pavillon mit noch vier unbesetzten Stühlen aufgebaut. Dort sitzen später, wie mir meine Gastschwester Awompa erklärt, das Brautpaar sowie die Trauzeugen, die hier "Lady of Honour“ genannt werden. Anwesend sind insgesamt außerdem 12 Pastoren, die Namen tragen wie zum Beispiel Reverend Gordon Kweku Duah oder Pastor Andrews Kwame Arhin.

Eine lange Trauung

Wir sitzen, ausnahmsweise einmal pünktlich, tatsächlich um 11 Uhr auf den Kirchenbänken und nach und nach trudeln immer mehr Gäste ein, vor allem viele andere Familienmitglieder, deren Beziehungen, Namen und Wohnorte ich mir ebenfalls von Awompa erklären lasse. Mein persönliches "Highlight“ ist definitiv Auntie Florence, die Tante von Efiba und Awompa, die in einem knallpinken Dress aus Spitze einmarschiert und sich gleich den besten Sitzplatz unter den Nagel reißt. Ihr Haare sind in einer Igelfrisur so gestylt, dass sie in alle Richtungen des Kopfes abstehen. Sie trägt blauen Liedschatten, pinken Lipprnstift, eine pinke Halskette aus Glitzerperlen und die dazu passende Handtasche. Kurz: Eine solche Erscheinung habe ich mein Leben lang noch nicht gesehen. Dazu ist sie schon ein bisschen älter, eher wie eine Großmutter und diktiert die übrigen Familienmitglieder mit einem Tablet in der Hand so herum, dass sie von jedem ein Foto machen kann. Ob die betreffende Person will oder nicht, Auntie Florence kennt kein Erbarmen.?

Ohne großen Aufwand marschiert dann auch schon der Bräutigam, Ivan Mensah,  herein und wird gleich in ein Fotoshooting verwickelt. Im Gegensatz zu den Trauungen in Deutschland, die ich bis jetzt erlebt habe, schwirren den ganzen Gottesdienst eine Traube von Fotografen  (auch Selbsternannte oder Gäste mit Smartphones) um das Brautpaar herum und halten jeden Atemzug fest. Da die ganze Zeremonie über vier Stunden geht und ich zwischendurch immer wieder von Müdigkeit übermannt werde, werde ich jetzt nicht jeden Abschnitt erläutern.

Auf jeden Fall setzt mit dem Auftritt des Bräutigams auch die Musik ein, die von einer Band gespielt wird und die Menschen hinter ihren Bänken zum Tanzen bringt. Als nächstes folgen die Brautjungfern und deren männliche Begleiter. insgesamt 8 Paare, alle im selben Outfit. Für die Männer einen einfachen schwarzen Anzug, für die Frauen wunderschöne türkisblaue Kleider mit Spitzenborten. Dazu tragen alle denselben Schmuck und ergeben ein wirklich sehenswertes Gesamtbild.

Und dann kommt auch schon die Braut, in klassisch weiß und wird, von ihrem Vater geführt, ersteinmal mit einer Art weißem Schaum besprüht, den die tanzende Menge vor dem Altar in die Luft wirft. Nach einem Dutzend Eröffnungsliedern und Gebeten wird aus der Bibel vorgelesen und es folgt, wie in einem gewöhnlichen Gottesdienst, eine Predigt. Von der verstehe ich aber wenig, da sie größtenteils auf Fante abgehalten wird. Beim Austauschen der Ringe und dem Ehegelübde wird es dann interessant, denn zunächst spricht der Pastor dieses vor und erst muss Ivan, der Bräutigam seinen Part wiederholen und anschließend Joselyn, die Braut. Ivan scheint es jedoch kaum erwarten zu können seine Angebetete zu "Mrs. Mensah“ zu machen, auf jeden Fall brüllt er das Gelübde so schnell hinunter, dass der Pastor irgendwann innehält und zu großem Gelächter fragt:“ Are you in a hurry, Mr. Mensah?“ (Sind sie in Eile Herr Mensah?).

Das bringt alle zu großem Lachen und als der Pastor gegen Ende jedoch meint, dass Gott in der Bibel bestimmt habe, dass man sich bei der Hochzeit nicht küsse, hört man laute Protestrufe aus den Reihen und ein empörtes Raunen geht durch die Menge, woraufhin der Pastor nach gibt und die Kirche von lautem Gejohle erfüllt wird.

Schnell zum Buffet

Da die Fotografen diesen Moment jedoch nutzen, sieht man nichts als deren Kehrseite… Nach einer endlos erscheinenden Anzahl aus qeiteren Liedern, Tänzen und Geldspenden werde ich von meiner Gastmutter mit nach draußen genommen, anscheinend ist es hier völlig normal den  Gottesdienst vor Ende zu verlassen um sich einen Platz an den aufgestellten Tischen vor der Kirche zu sichern. Serviert werden zunächst eisgekühlre Cola und Wasser, außerdem ein kleiner Appetitanreger, Plantainchips und Erdnüsse. Nachdem eine halbe Stunde später auch das frischgebackene Ehepaar die Kirche verlassen und das Fotoshooting auf den Stufen davor beendet hat, geht das Programm weiter. Der Hochzeitskuchen wird angeschnitten und das Büffett, an dem es alle ghanaischen Spezialitäten zu finden gibt, eröffnet.

Der Nachmittag gestaltet sich so als wirklich schön. Es werden Geschenke präsentiert, Champagnerflaschen als eigener Programmpunkt zischend geöffnet, es gibt Musik, Tanz und wirklich viel zu essen. Der  Hochzeitstanz des Brautpaares ist mir am Besten in Erinnerung geblieben. Nichts mit Walzer oder Tango oder sonst einem klassischen Paartanz, nein, es ist ein wirklich ghanaischer Hochzeitstanz zu den fetzigen Rhythmen der ghanaischen Musik. Diese ist  nur schwer zu erklären (Für Interessierte ist Shatta Wale ein ganz guter Anfang).

Wir verlassen die Hochzeit erst in der Dunkelheit, so gegen acht Uhr abends und sind eine der letzen. Ghanaische Hochzeiten scheinen eindeutig nicht so lang zu gehen wie deutsche, was mir angesichts der vielen Moskitos aber auch ganz recht ist. Auf dem Weg zum Haus von Kojos Bruder werde ich noch schnell einer Friseuse in ihrem Shop vorgestellt, bei der ich heute Nacht schlafen werde. Ziemlich spontan holt mich ihre 23-jährige Tochter Gifty ab, die wirklich nett ist. Sie erzählt mir, dass sie eigentlich lieber Emerald genannt wird,“ so wie der Edelstein“, letztes Jahr die Schule beendet hat und nun gerne studieren würde.

Entschuldigend erklärt sie mir, dass sie in einem Ghetto wohne und ein bisschen mag sie Recht haben, denn die Gegend ist von Wellblechhütten besiedelt und scheint tatsächlich etwas ärmer zu sein. Emerald bringt mich in ihr Zimmer, eher ein Durchgangsraum von der Haustür weiter ins Haus, ich darf in ihrem Bett schlafen und bin so müde dass ich deshalb auch nicht groß diskutiere dass ich genauso gut auf dem Boden und sie im Bett schlafen kann. An sich finde ich das aber total nett und bin froh um meinen Schlafplatz.

Am nächsten Morgen werde ich zurück zum Haus gebracht, wo schon wieder Vorbereitungen auf Hochtouren laufen. Auf drei unterschiedlichen riesengroßen Töpfen über dem Feuer im Hof kochen Suppen und Reis, dazu Plantain und Kassava in einem anderen Topf. Wie ich erst später feststelle, kommen nochmal alle Hochzeitsgäste zu Mittagessen zum Haus, weshalb alle schon in heller Aufregung sind. Die Familie selbst geht zur Kirche, ich bleibe mit drei Frauen und meiner Gastmutter da und helfe mit das Essen vorzubereiten (Rice Balls mit Groundnut soup und Fufu mit Tilapia). Das ist in der sich anbahnenden Mittagshitze ganz schön anstrengend und zieht sich in die Länge. Als gegen Nachmittag dann die Gäste eintrudeln, mache ich mich mit Awompa auf den Weg nach Hause, zurück nach Swedru. Rückblickend war das mal wirklich ein schöner Ausflug mit meiner ghanaischen Familie!

 

 

 

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