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Unser Tag

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Hallo aus Ghana, 

da ich gerade Ferien und daher auch ein ganz kleines bisschen Zeit habe, ist es mal wieder Zeit für ein kleines Update

So schnell ist hier in Ghana auch schon das Zweite der drei Schulsemester vorbei, nun bleibt nur noch ein letztes. Der Gedanke beunruhigt mich zunehmend, denn die Zeit scheint zu rennen. Es sind Osterferien, das heißt drei Wochen Erholung vom mehr oder weniger anstrengenden Schulalltag. Doch springen wir nochmal zwei Wochen zurück zur letzten Schulwoche.

Ein Drucker für 500 Schüler

Diese gestaltet sich so, dass die letzten Exams (Klassenarbeiten) geschrieben und von meiner Wenigkeit benotet werden. In unserer Schule erstreckt sich die Examenswoche sogar über zwei Schulwochen, jeden Tag ein anderes Fach, sprich ein Examen pro Tag . "Und was passiert in der restlichen Zeit des Tages?“, werden sich  manche nun vielleicht fragen. Ich kann es euch sagen: Nicht viel. Ein typischer Schultag in diesen zwei Wochen sieht so aus, dass alle, wie gewöhnlich, um 8 in der Schule auftauchen, es geht zum Assembly und dann in die Klassenzimmer, wo auf die Examen gewartet wird, die jedoch jeden Morgen erst noch gedruckt werden müssen.

Meine Schule ist keine staatliche, sondern eine private Schule, was bedeutet, dass die Lehrer ihre Examen selbst schreiben dürfen (oder müssen) und keine von der Regierung geliefert bekommen. Das hat Vor – und Nachteile, in erster Linie werden damit jedoch meist bessere Ergebnisse erzielt, da die Aufgaben der Regierung meist noch ein bisschen kniffliger sind und manchmal auch Themen enthalten, die im Unterricht nicht behandelt wurden. Der Nachteil ist, dass die Schule die Aufgaben daher selbst drucken muss. Bei rund 500 Schülern (laut dem Headmmaster) und nur einem Drucker und Computer kein so leichtes Unterfangen. Das wiederum führt dazu, dass der dafür zuständige Lehrer, auch "Small Jeff“ genannt, jeden Morgen ganz schön beschäftigt ist, um für 11 Klassen Aufgaben zu drucken. Das dauert seine Zeit, genau gesagt bis 11 Uhr. In dieser Zeit sitzen die Schüler redend und spielend in den Klassenzimmern bis es zur Pause klingelt, in welcher nach diesen anstrengenden ersten Stunden erstmal gegessen wird. 

Kein Erfolgsdruck

Gegen 11 Uhr geht es dann los. Da nur wenige meiner Erstklässler lesen können, werden entweder Ms. Loverance, die Lehrerin meiner Klasse, oder ich zum Vorleser. Jede Aufgabe wird mehrmals vorgelesen und erklärt, damit nichts schiefgehen kann. Vor dem Einsammeln, das stattfindet, wenn alle Schüler fertig sind oder Ms. Loverance ungeduldig wird, weil sie so langsam sind, lesen wir die bearbeiteten Versionen noch einmal durch, was auch nötig ist, da manche Spezialisten bei einem Lückentext in jede Lücke einfach ihren eigenen Namen schreiben.

Anschließend habe ich die Freude die 60 Arbeiten zu korrigieren, was meist relativ schnell geht. In meinen beiden Fächern kann ich wirklich Erfolge verbuchen, bis auf eine Handvoll Ausnahmen haben alle Kinder bestanden (über 50% richtig), was mit Süßigkeiten belohnt wird. In Mathematik hingegen haben mehr als die Hälfte der Kinder 0 oder 10 % richtig, natürlich zu großem Entsetzen der Lehrerin. Hier gibt es dann auch schonmal ein paar Schläge auf den Hintern, was wirklich nicht gutzuheißen ist, aber Wirkung zeigt. Viele der Kinder verstehen die Bedeutung der Zahlen auf ihren Blättern sowieso nicht und sind deshalb auch nicht enttäuscht oder traurig.

Ein interessantes Phänomen rund um die Exams ist auch, dass die Kinder sich im Voraus weder darauf vorbereiten  noch aufgeregt oder nervös sind. Eigentlich eine ganz gute Einstellung, schließlich ist der Sinn der Schule ja, dass man im Unterricht aufpasst und nicht Zuhause alles von vorn lernt. Die letzen Tage fangen Ms. Loverance und ich dann an die Zeugnisblätter auszufüllen. Insgesamt gibt es in meiner ersten Klasse sieben Fächer: English, Mathematics, Fante (Ghanaische Sprache), ICT (Informatik), Creative Arts (Kunst), Religious and Moral Eduaction (Ethik) sowie Natural Science (Naturwissenschaft). All diese werden ins Zeugnis eingetragen. Zudem werden für jedes Fach Positionen ausgewertet und aufgeschrieben, sprich "Wer ist erste/r, zweite/r , ...“ und so weiter bis 60. Ganz schön anstrengend.

Ein ganz besonderer Tag

Der schließlich von Lehrern und Schülern gleichermaßen heiß ersehnte letzte Schultag fällt wie immer auf einen Donnerstag. Wie in Deutschland ist auch der letzte Tag vor den Ferien in Ghana etwas Besonderes, hier noch viel mehr sogar. "Our Day“, zu deutsch "Unser Tag“, ist der Namen dieses "special days“ und er wird auch dementsprechend gefeiert.  

Als Pia und ich an diesem Donnerstag in der Schule auftauchen sind mehrere Männer gerade dabei riesige Boxen und Lautsprecher von einem Anhänger zu laden und aufzubauen. Sogar ein eigener DJ ist inbegriffen, der sein Handwerk offensichtlich gut zu beherrschen scheint, denn innerhalb kurzer Zeit funktioniert die Elektrik und die Bässe dröhnen in unglaublicher Lautstärke über unseren kleinen Schulhof und die ganze Nachbarschaft. Die Kinder, die grüppchenweise eintrudeln sind kaum wiederzuerkennen. Die orange grünen Schuluniformen sind gegen Festkleidung eingetauscht: von Mädchen mit kunstvoll frisierter Haarpracht und High Heels bis zu Jungen im Anzug mit Krawatte und Lackschuhen sieht man alles. Manche tragen traditionelle Gewänder, andere "modernere“, Mädchen laufen mit Lippenstift und Liedschatten umher und präsentieren stolz ihre Outfits bevor sie alle den zur Tanzfläche umfunktionierten Schulhof erobern. Und auch die Lehrer haben sich schick gemacht, sodass Pia und ich uns fast ein bisschen underdressed vorkommen.

Der Tag folgt von da an keiner wirklichen Struktur sondern eher den Klängen der ghanaischen Shatta Wale Hits, die aus den Lautsprechern dröhnen. Der Schulhof ist völlig überfüllt, wird zu einer bunten quirligen Masse, die sich zur Musik bewegt. Und es ist unglaublich. So etwas habe ich noch nie gesehen und kann es auch nicht annähernd beschreiben, auch wenn ich es dennoch versuche: die Kinder, selbst die kleinsten, die sich gerade so auf den Beinen halten können, schwingen die Hüften, werfen die Arme in die Luft und springen in die skurillsten Positionen, wie Profis. Ihnen scheint die Musik wirklich im Blut zu liegen und sie reißen alle um sich herum mit. Früher oder später werden auch Pia und ich auf die Tanzfläche gezogen und geben angestrengt unser Bestes, schauen uns den ein oder anderen "Move“ von unseren Schülern ab, die das alle total lustig finden.

Viele kleine Geschenke

Our day bedeutet aber nicht nur gute Musik sondern auch gutes Essen, das die Kinder in großen Körben von zuhause mitbringen dürfen. Für sie ein wahres Festessen, denn jeder hat etwas Besonderes dabei, sei es eine Dose Cola oder Schokoladenkekse. Tradition ist es auch, den Lehrern an diesem Tag kleine Geschenke mitzubringen. Ich habe schon gehört, dass manchmal Hühner verschenkt wurden, ich bekomme zum Glück nur einen Vorrat an Seife, was zum Waschen wirklich praktisch ist, und ein paar Getränkedosen. Nach einem abwechslungsreichen Schultag geht es nach Hause, denn ab jetzt geht es erst mal in den Urlaub.

Liebe Grüße an euch nach Deutschland!

 

 

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