Stimmt.de

Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Ein Dorf auf Stelzen

Übersicht

Hallo alle zusammen,

mich hat die Zeit mal wieder (zum dritten Mal genauer gesagt) an meinen Lieblingsort in Ghana, Busua, gebracht. Busua ist das kleine Fischerdorf vier- bis fünf Stunden Trotrofahrt von Swedru entfernt, in der Nähe von Takoradi. Mit meiner Mitfreiwilligen Pia breche ich auf, in Busua selbst treffen wir noch eine weitere Freundin sowie deren Familie, die sie gerade besucht. Da unsere Standardunterkunft "Scorpion Hill Lodge“ leider schon vollbesetzt ist, denn trotz frühzeitiger Reservierung haben sie es geschafft, alle Zimmer doppelt und dreifach zu versprechen. Daher suchen wir uns eine neue Unterkunft, ein Hotel mit vielen kleinen 2er Bungalows, mindestens genauso schön.

Wilde Party am Strand

Wir verbringen die nächsten Tage im Wasser, am Strand und strecken unsere Bäuche in die Sonne um die ultimative Bräune des Sommers zu erreichen. Auch Ostern verbringen wir auf diese Weise und genießen es in vollen Zügen. Am Ostermontag wird dieser Ruhe ein jähes Ende gesetzt. Ghana hat Feiertag und die Boxen und Lautsprecher, die schon morgens am Strand  aufgebaut werden, versprechen Beschallung auf Maximallautstärke. Während wir noch in der Sonne liegen füllt sich der Strand unentwegt. Ghanaer mit Kind und Kegel, sogar mit Stäben zum Fufu pounden, rücken an, feiern, tanzen und überfluten den Strand, sodass man diesen irgendwann überhaupt nicht mehr sieht.

Schon mit Einbruch der Dunkelheit ist die Party, wie für ghanaische Verhältnisse gewohnt, schon vorüber. Nach ein paar Tagen des Faulenzens und des guten Essens ziehen wir mit unserem Rucksack weiter. Wo wir so genau hinwollen, ist noch unklar, zunächst entscheiden wir uns aber für Axim, ein kleiner Ort ebenfalls direkt an der Küste. Auf die Frage nach einem Hotel verirren wir uns jedoch zum drei Sterne Beach Resort, das eindeutig nicht in unserer Preisklasse liegt. Letztendlich landen wir in einer anderen "Hotelanlage“ namens "Ankobra Beach“, wo wir mit ein bisschen Handeln eine Nacht schlafen können. Dass wir unser eigentlich inbegriffenes Frühstück "weggehandelt“ haben, war im Nachhinein vielleicht nicht die schlauste Idee aber wir überleben es gerade so.Der Strand in Axim ist an dieser Stelle auch wirklich besonders schön und von unglaublich hohen Palmen gesäumt.

Mit dem Kanu nach Nzulezo

Am nächsten Morgen starten wir jedoch früh, denn unser Ziel ist das noch weiter westlich gelegene Dorf auf Stelzen, Nzulezo.  Dieses nur 35 Kilometer von der Grenze zur Elfenbeinküste entfernte Reiseziel liegt in der Nähe des Fischerdorfes Benyin. Der Name des Dorfes Nzulezo bedeutet ganz einfach "Auf dem Wasser“ und genau dort liegt es auch. In Benyin bekommen wir einen Guide zugeteilt, der uns durch den Sumpf zum Anlegepunkt der Boote lotst. Barfuß wird das Ganze zu einem Abenteuer der besonderen Art, denn die kleinen sumpfigen Pfützen, die den Weg ausmachen sind zwar nur ungefähr knöcheltief, dafür aber pechschwarz und die Zehen versinken im morastigen Untergrund. An Würmer, die sich unter die Haut graben und das empfohlene Meiden stillliegender Gewässer denken wir in diesem Moment mal lieber nicht.

Die 40-minütige Kanufahrt zum Dorf führt uns durch ein kleines Dschungelgebiet weiter über den See. Auf dem Weg kommen uns vereinzelt Frauen in Kanus entgegen, es herrscht reger Verkehr. Unser Guide, ein Student, der sich in seinen Ferien etwas dazuverdient, erzählt uns ein wenig über die Geschichte des Stelzendorfes. Zuerst einmal leben ungefähr 600 Menschen im Dorf, das nur auf Stelzen gebaut ist. Angeblich liegt der Ursprung im Dorf im 15. Jahrhundert, als das Urvolk von Nzulezo sich mit einem anderen Volk zerstritt. Die künftigen Stelzenbewohner flüchteten mit ihren Familien weg von der Küste ins Hinterland. Gut versteckt auf dem See fanden sie eine neue Bleibe, beschützt vom mächtigen Gott des Sees. So ungefähr habe ich die Geschichte zumindest verstanden. Der Gott des Sees ist bis heute existent und lässt sämtliche Boote, deren Passagiere böse Absichten in Bezug auf das Dorf und seine Bewohner hat, im See untergehen. Ihrem Gott zur Ehre bauten die Stelzenbewohner einen Schrein weiter draußen auf dem See, den man bis heute sehen kann.

Ghanaische Touristen

Als wir das Dorf betreten, können wir diesen schon von weitem sehen, auch wenn er sich als kleine Holzhütte ein bisschen abseits vom Hauptdorf entpuppt. Wir klettern aus dem Kanu auf den Steg, die Straße in Nzulezo. Wie wir bald merken ist das Dorf sehr klein und ich frage mich, ob es wirklich 600 Leute sind, die hier leben sollen. Das Dorf ist ziemlich einfach aufgebaut, es gibt eine vielleicht 50 Meter lange relativ gerade Hauptstraße aus denselben quergelegten Holzlatten, aus denen jegliche Gebäude und Pfade gezimmert sind. Die wenigen Meter langen Gassen, die sich rechts und links dieser Hauptstraße erstrecken sind den Familien des Dorfes zugeteilt. Jede Familie bewohnt eine Gasse, teilt uns unser Guide mit. Uns beeindruckt das Stelzendorf auf eindrückliche Weise, obwohl uns klar ist, dass die Bewohner mittlerweile auch zu einem Großteil von den Touristen leben, die dort ankommen. Mit einem ICT-Computerlabor in der dorfeigenen Schule und einer kompostierbaren Ökotoilette, die von außen auch noch mit Blumen bepflanzt ist, ist die Dorfgemeinschaft schon ziemlich gut ausgerüstet.

Ich, die generell eine Abneigung gegenüber Touris hat, obwohl ich in diesem Land ja praktisch ständig einer bin, komme mir nicht ganz wohl dabei vor, durch das Dorf zu trampeln und so das kleine bisschen Privatsphäre der Menschen dort zu stören, die rechts und links in ihren Hütten liegen, kochen oder waschen. Im Vergleich zu den ghanaischen Touris, die das Dorf besichtigen (ja, ich war auch überrascht darüber), schneiden Pia und ich glaube ich trotzdem noch ganz gut ab, was nicht allzu schwer ist beachte man die kreischenden und nonstop Selfies knipsenden Ghanaer in ihren Schwimmwesten, die von der Angst des Wassers zeugen.

Entspannung zum Abschluss

Zurück zum festen Boden unter den Füßen helfen Pia und ich unserem Guide und Kanufahrer mit dem Paddeln, was in  der Mittagshitze eigentlich wirklich viel zu anstrengend ist. Von Benyin aus geht es dann auch schon weiter, wir haben noch ein gutes Stück zu unserem nächsten Ziel vor uns. Dieses heißt "Cape Three Point“, auch bekannt als der südlichster Punkt Ghanas, der kleine Zipfel an der Küste, wenn man die Karte betrachtet. Nachdem wir mit viel Glück das letzte Trotro dorthin erwischen, das an diesem Abend noch fährt, werden wir die nächste Stunde von der holprigen "Straße“ durchgeschüttelt, bevor wir unsere Unterkunft, die Escape Eco Lodge, erreichen.

In diesem öko-umweltfreundlichen Resort am Strand bleiben wir die nächsten drei Tage, genießen den Strand, das Essen und die kompostierbaren Öko Toiletten aus Sägespäne (die scheinen uns diesen Urlaub seltsamerweise zu verfolgen).  Ich wandere in jede Richtung so weit wie möglich am Strand entlang und darf mich wieder einmal der Kraft der Wellen erfreuen, als meine Kamera fast einen Unfall erleidet (als wüsste ich es inzwischen nicht besser). Entspannt, gebräunt und vielleicht auch gerötet machen wir uns auf den Heimweg nach Swedru.

Eure Mira

 

Galerien

Regionale Events