Stimmt.de

Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Wasserfälle und ein ganz besonderer Besuch

Übersicht

Hallo aus Ghana! Ich melde mich mal wieder und erzähle von meinen letzten Wochen, in denen tatsächlich so einiges passiert ist. Genauso wenig wie euch wahrscheinlich, ist auch mir nicht langweilig geworden. Nun ist auch schon in das Ende meiner Zeit in Ghana absehbar und ich will, um ehrlich zu sein, lieber noch gar nicht darüber nachdenken dass dieses einmalige Jahr meines Lebens nun schon bald vorbei sein soll… Nun ja, genug in Traurigkeit geschwelgt, lieber genieße ich meine verbleibende Zeit und das ich das in vollen Zügen. Ich berichte euch also einfach mal wieder ein bisschen von meinen neuen Erlebnissen.

Ausflug zu den Akaah Falls

Ich fange an bei einem kleinen Wochenendausflug, der mittlerweile auch schon wieder drei Wochen her ist. Ich starte an einem regnerischen Samstagmorgen mit meinen üblichen Reisegenossinnen und mache mich auf nach Koforidua, das in der drei Stunden entfernten Eastern Region Ghanas liegt. Da die Strecke dorthin ziemlich holprig ist, wird die Fahrt wie immer ein Spaß der besonderen Art: Die Strecke ist mit dem Auf und Ab durch die Schlaglöcher, dem sich nach rechts und dann ruckartig nach links Neigen des Trotros wohl das Äquivalent einer Achterbahnfahrt, interpretiert auf ghanaische Weise. Unser eigentliches Ziel sind die Akaah Falls, die nicht weit entfernt von den Boti Falls liegen, wo ich bereits im November einmal war. Als wir in Kof ankommen, zeigt sich das Wetter glücklicherweise wieder von seiner besseren Seite und die Sonne knallt mit angenehmen 30 Grad (nein kleiner Spaß, uns ist schon wieder viel zu heiß!) vom Mittagshimmel. Ja, in Ghana ist nun endlich die Regenzeit angekommen und ich weiß nicht so recht, was ich davon halte. Einerseits werden dadurch die Temperaturen (kurzweilig) um einiges angenehmer, andererseits kann es auch mal sechs Stunden am Stück, von morgens bis abends, sintflutartige Regengüsse geben und die sandigen Straßen verwandeln sich in Matschpisten. Nun gut, soviel zur aktuellen Wetterlage…

Zurück nach Koforidua, wo wir nach einem kurzen Stop in unserer Unterkunft zu Akah Falls aufbrechen. Nach einem Trotro, einem Taxi und einem kurzen Fußmarsch durch den Regenwald, sind wir dann da und bestaunen die riesige, mehrere Meter hohe Felsformation, hinter welcher der Wasserfall versteckt ist. Ein Felsvorsprung lädt hier zum Sitzen und Entspannen ein, was wir nach unserer, super anstrengenden, zehnminütigen Wanderung natürlich unbedingt nötig haben. Eine, teils in den Stein gehauene, teils betonierte Treppe führt noch eine Ebene nach unten zum Fuß des Wasserfalls, von wo aus man den perfekten Blick auf die Klippen hat, aus denen der Wasserfall heraussprudelt. Den extremen Regenfällen der letzten Tage geschuldet, führen die Akaah Falls natürlich Unmengen von Wasser mit sich, die sich zischend und sprudelnd in der Tiefe, nur wenige Meter von uns entfernt, vereinigen. Wieder einmal wird einem die enorme Kraft der Naturgewalten bewusst und, obwohl wir in einem guten Stück Entfernung stehen, werden auch wir vom feinen Sprühregen ziemlich nass.

Die Revolution der Bastelscheren

Kurzer Einschub: Die Schule, denn die sollte ja auch nicht zu kurz kommen… Da dies mein dritter und letzter Term ist, habe ich angefangen viel mit den Kindern zu basteln. Vom Besuch meiner Eltern habe ich noch 30 Bastelscheren, die also nun auch endlich  mal zum Einsatz kommen. Einige der Kinder hatten, glaube ich, wirklich zum ersten Mal eine Schere in der Hand und waren teilweise ein bisschen überfordert. Mit ein bisschen Übung haben wir mittlerweile aber Schneeflocken (wie passend in Ghana), Papierflieger, Papierboote und eine Girlande fürs Klassenzimmer gebastelt und jedes Mal ist es eine neue kleine Sensation für die Kinder, was am Ende bei ihren Basteleien herauskommt.

In der Flugzeug-Bastelstunde habe ich allgemein über Flugzeuge erzählt und es ist ein wirklich schönes Gefühl, wenn nahezu 60 Kinder mit großen Augen vor dir sitzen und vor Aufregung in die Luft springen und anfangen zu tanzen, wenn man ihnen erzählt, dass man alle Schüler unserer Schule in ein Flugzeug packen könnte. Dass man im Flugzeug sogar eine Toilette hat, Essen bekommt und meistens sogar einen Fernseher hat, ist die Krönung und die Klasse rastet völlig aus. Soviel zu meinem Creative Arts Unterricht. Nächste Woche werden wir uns an die Wasserfarben wagen. Ansonsten haben wir ein neues Mädchen namens Shakira in der Klasse, das weder die lokalen Sprachen Fanti bzw Twi noch Englisch kann. Französisch ist die einzige Sprache die sie verstehen und sprechen kann. Irgendwie schafft sie es trotzdem ganz gut und lernt viel von den anderen Kindern. Am Anfang war es jedoch sehr lustig. Ein Junge fragte mich, was er denn zu ihr auf französisch sagen könnte. Ich meinte natürlich mit meinen kümmerlichen Französischkenntnissen, er solle sie fragen, wie sie heißt ( "Comment tu t’appelle?“) Das hat er anscheinend auch getan, kam danach aber völlig entsetzt zu mir gerannt und meinte "Madame, Madame, I said comment tu t’appelle and now she is crying. Madame, she is crying!“. Aufgeschrieben mag das nur halb so lustig klingen, der Junge war jedoch völlig verzweifelt weil er die Neue zum Weinen gebracht hat, ein seltener Anblick bei Awal, der sonst in jeder kleinen "Schlägerei“ das Wort bzw die Faust führt. Naja, ich hatte daraufhin fast ein schlechtes Gewissen aber muss noch immer lachen, wenn ich daran denke. Seitdem haben die Kinder es nicht mehr mit Französisch versucht.

Reise zur Familie Tukpata

Nun zum zweiten Streich, nämlich dem Besuch der Familie Tukpata in der Volta Region. Dazu muss ich erstmal erklären, wie es zu diesem Besuch kommt. Und das führt mich zu "Plan International", einer Organisation, die sich weltweit für die Rechte von Kindern einsetzt und das in einer Vielzahl von Bereichen, Projekten und Ländern. Darunter auch Ghana. Dazu gehört nicht nur die Förderung der Kinder und das Ermöglichen von Bildung sondern auch Unterstützung für deren Eltern, um ein gesundes Umfeld für die Kinder zu schaffen, in welchem sie nicht ausgebeutet oder missbraucht werden können. In Ghana wurden und werden immer wieder Stipendien und Gelder vergeben, um die Schulbildung von Kindern zu fördern, es werden aber auch Programme für deren Eltern und die Community, in der sie leben, gestartet. In Deutschland ist "Plan" daher auch eine bekannte Spendenorganisation, die, soweit ich das nun aus eigener Erfahrung berichten kann, auch sehr seriös und ernsthaft bemüht zu sein scheint. Für einen monatlichen Geldbetrag kann man auch Patenschaften für Kinder übernehmen, was meine Eltern getan haben Das wiederum bringt mich jetzt zu diesem ominösen Besuch. 

Meine Eltern unterstützen nämlich  ein fünfjähriges Mädchen mit dem für mich sehr schwer aussprechbarem Namen Mawuwoena Tukpata (gesprochen Mawuena – schon einfacher). Mawuwoena lebt mit ihrer Mutter Agnes in einem Dorf in der Nähe der Stadt Ho, in der Volta Region, nahe der Grenze zu Togo, also weit östlich. Im Programm von Plan ist es vorgesehen, dass man mit dem Patenkind in regem Kontakt steht, Briefe austauscht und, wenn man Lust dazu hat, das Kind auch besuchen kann. Und da ich ja sowieso schon in Ghana bin, bietet sich das ja ganz gut an. Ich muss zugeben, am Anfang war ich ziemlich skeptisch. Mit dem Koordinator Leonard hatte ich einmal telefoniert und einen Treffpunkt in Ho ausgemacht, das Ganze kam mir jedoch ziemlich suspekt vor, von den sogenannten "Hilfs“-Organisationen hört man ja nicht immer das Beste.

Trotzdem breche ich mit Pia, die so nett ist mich zu begleiten, an einem Mittwochvormittag nach Ho auf, eine siebenstündige Fahrt mit Umstieg in Accra erwartet uns. Der ganze Trip ist sehr spontan, wir wissen nicht wo wir schlafen, wann und ob wir ankommen, denn die Strecke ist ganz schön lang und in Ghana weiß man ja nie, was unterwegs so alles passiert. Wir haben aber Glück und sind gute drei Stunden später in Accra und eilen gefühlt einmal durch die ganze Stadt, um die Station zu finden, von welcher aus die Tros nach Ho fahren. Nur dank eines sehr netten Ghanaers finden wir letztendlich Platz in einem Trotro und nach einer geschlagenen Stunde Wartezeit geht es dann los. Wir fahren und fahren und fahren, die Dämmerung setzt ein und als wir endlich dem Stau entkommen und richtig an Geschwindigkeit gelangen, haben wir eine Reifenpanne. Zum Glück ist der Schaden nach einer kleinen Montage schnell behoben und es geht weiter. Wir erreichen Ho bei Dunkelheit, holen uns schnell noch Indomie to go (Nudelgericht von der Straße) und fragen den Taxifahrer nach einer billigen Unterkunft. Leichter gemacht als gedacht!

Die ersten Weißen

Am nächsten Morgen werden wir dann von einem riesigen Jeep mit Fahrer abgeholt und zum "Plan"-Hauptquartier gebracht. Dort lernen wir den ghanaischen Chef von "Plan" in Ghana kennen, der uns sehr nett begrüßt und uns noch einen kleinen Vortrag über die Organisation und deren Projekte hält. Mit Leonard, dem Koordinator sowie zwei weiteren Mitarbeitern brechen wir dann auf zum Dorf von Mawuwoena und deren Familie. Das liegt nochmals eine gute Stunde außerhalb von Ho, wo die Dörfer langsam immer kleiner und die Grünflächen immer größer werden. Letztendlich halten wir bei einer kleinen Ansammlung von einfachen Lehmhütten. Mawuwoenas Mutter Agnes sowie ihr Vater erwarten uns schon unter einem Baum vor der Hütte, wo ein kleiner Stuhlkreis für die Besucher aufgestellt ist. Nach einer kleinen Vorstellungsrunde laufen wir gute 500 Meter weiter zu Mawuwoenas Schule, wo sie KG 2 (so etwas wie die Vorschule in Deutschland) besucht. Erst später erfahren wir, dass wir die ersten Weißen im Dorf und für viele wahrscheinlich auch die Ersten überhaupt sind. Das erklärte die Massen an Schülern, die uns neugierig folgten. Natürlich wird ein großes Trara um uns gemacht, der Headmaster hält in seinem Büro eine keine Rede und die "Plan"-Mitarbeiter knipsen ununterbrochen Fotos. An sich eine unangenehme Situation, da alle in uns die "weißen Helfer“ sehen, die gekommen sind, um die Welt zu retten, oder so ungefähr. Es ist  genau das, was wir nicht sind, wie wir auf unseren Vorbereitungsseminaren gelernt haben.

Aber nun gut, wir versuchen, das Ganze trotzdem hinter uns zu bringen und machen uns auf den Weg zu Mawuwoenas Klassenzimmer. Das ist überraschen schön eingerichtet, es gibt bunte Plastiktische und Stühle, alles sehr hell und freundlich. Die Idee mit einer Horde "Plan"-Mitarbeitern und zwei Weißen in die Schule zu stürmen, finde ich nach wie vor ziemlich unsensibel, da Mawuwoena natürlich total erschreckt um den Rummel um sie ist und sich schüchtern hinter ihrer Mutter verkriecht. Wir gehen zurück zum Haus und dort locken wir das Mädchen langsam ein bisschen aus der Fassade. Ihr Vater, der im Nachbardorf wohnt und auf einer Farm arbeitet, stellt eine ganze Menge Fragen an uns, Mama Agnes bleibt eher still aber freundlich. Da die Familie nur schlechtes Englisch spricht, stellen sie ihre Fragen auf Ewe, Leonard spielt den Übersetzer.

Ein gutes Gefühl

Wir geben Mawuwoena ihre Geschenke, die wir dabeihaben, Malbücher, Lesebücher und Stifte und schon allein für dieses Lächeln hat sich der Besuch gelohnt. Wir malen ein bisschen, reden noch ein bisschen und erfahren, dass die ganze Community von "Plan" unterstützt wird. Die Frauen machen ihr eigenes "Business“, also vor allem der Verkauf aller möglicher Produkte. Viele Männer sind auf der Farm. Insofern hat das Projekt und die Unterstützung ihnen viel gebracht, meint der Vater zumindest. Als Mawuwoena in die Schule zurück muss, werden wir herzlich verabschiedet, mit der Bitte doch einmal wieder zu kommen. Mawuwoena winkt uns sogar nach, so beängstigend können wir dann also doch nicht gewesen sein. Es ist schön zu sehen, dass es ihr gut geht, ihre Eltern scheinen sehr liebenswert zu sein und auch wenn das Dorfleben sehr einfach ist, scheint es Mawuwoena an nichts zu mangeln. Klar, mehr zu haben als die Lehmhütte, den Hof als Spielplatz und die wenigen Bücher und Stifte würde nicht schaden, jedoch finde ich es gut, die Unterstützung in einem Rahmen zukommen zu lassen, indem sie nicht abhängig macht, sondern wirklich nur unterstützt.

Der Besuch hat mich also doch sehr positiv überrascht, ausgenommen des Drängens und Unterdruck setzen Mawuwoenas durch die "Plan"-Mitarbeiter, denn wer wäre in ihrer Situation nicht total verängstigt. Auch das ständige Fotografieren ließ das Ganze ein bisschen wie eine Charity Aktion der reichen Weißen wirken, aber ich kann dieses eine Mal gerne darüber hinwegsehen. Leonard haben wir auch darauf aufmerksam gemacht. So verlassen wir das Dorf und Ho mit einem guten Gefühl und starten ins Wochenende nach Accra…

 

 

Galerien

Regionale Events

Mallorca-Party

Am 17. August steigt die Mallorca-Party beim TTC Zaisenhausen.