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Willkommen in der ugandischen Regenzeit!

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Während ihr in Deutschland vermutlich gerade herbstliche Novembertage erlebt, stecke ich in meiner afrikanischen Heimatstadt Fort Portal mitten in der Regenzeit. Im wahrsten Sinne des Wortes – diese Tage haben dieses Wort auch wirklich verdient. Ganz unvermittelt wird der Himmel total dunkel, es beginnt ca. zwei Sekunden lang zu tröpfeln – genau so lange hat man Zeit, ein rettendes Dach zu finden, bevor ein Sturzregen kommt und man in wenigen weiteren Sekunden bis auf die Knochen durchnässt ist. Es prasselt dann so ein bis zwei Stunden auf die Wellblechdächer, dass man sich nicht mal mehr unterhalten kann.

Mir persönlich gefällt dieser Regen, ich finde ihn sogar richtig gemütlich, falls ich mich nicht - wie schon des Öfteren - gerade auf dem einheimischen Markt befinde und zwischen Karotten, Ananas und Bananen von anderen Schutzsuchenden fast zerdrückt werde, und dabei durch die undichten Dächer tröpfchenweise, aber trotzdem pitschnass werde.

Die Welt steht einfach für diese Zeit still. Es fährt kein Boda Boda (Motorradtaxi) und kein Mensch ist auf der Straße, solange bis man sich auch wirklich sicher sein kann, dass der nachlassende Regen wirklich vollends aufhört und es nicht nur eine kleine Regenpause ist und der nächste Schauer herunterkommt, sobald man sich unter dem Dach hervortraut.

Das letzte Mal war ich im YES Office, als es eine halbe Stunde vor Feierabend angefangen hat zu regnen. Es wollte und wollte nicht mehr aufhören und so habe ich mit den Mitarbeitern einfach bis um 20 Uhr Tischtennis im YES Hostel gespielt, welches sich genau unter dem Office befindet. Auf diese Art lernt man sich dann auch besser kennen.

Ein normaler Tag

Wenn es gerade mal nicht regnet, verläuft ein "normaler“ Tag bei mir folgendermaßen ab:
Nach einem leckeren Frühstück, bestehend aus frischem Obst, wie Ananas, Wassermelone, Maracuja, Orangen oder auch Bananen mit Ei, machen Anika und ich uns noch kurz fertig, richten den Rucksack und schnappen unseren Motrorradhelm, mit dem es dann auf zu unseren Projekten geht. Meine Mentorin Vicky hat mir dabei geholfen einen zuverlässigen Boda Boda Fahrer zu finden, der mich jeden Morgen um 8 Uhr vor unserem Compound abholt und nachmittags um 16 Uhr auch wieder zurück bringt. Für mich heißt das 15 Minuten Fahrt, da das Kinderheim nicht in Fort Portal, sondern südlich davon im nächsten Dorf Kasusu liegt.

Auf den holprigen, und wenn es mal trocken ist, staubigen Straßen, muss man sich auch immer gut an der hinteren Stange des Boda Boda festhalten, da auf der Strecke gefühlt alle paar Meter eine Schwelle kommt. Diese sollten eigentlich die Geschwindigkeit der Autos herunterdrosseln, jedoch fahren die Boda Bodas geschickt und wie im Slalom auf der schon gebildeten Ausweichspur außen herum vorbei. Manchmal sind die Rillen auch mit Beton aufgefüllt. Es gibt zweierlei Fahrer: die einen bremsen tatsächlich vor den Schwellen ab, die anderen fahren einfach mit voller Geschwindigkeit darüber. Leider weiß man das erst hinterher.

Ja, wenn ich dann angekommen bin, öffnet mir ein älterer Wächter die kleine Kindertüre des Tores. Erst einmal werde ich auf Rutooro begrüßt, was so geht: Der Wächter: "Olyota Abwooli?“ (Wie geht es dir Abwooli?) Ich antworte: "Kurungi“ (Gut). Abwooli ist mein Petname, mit dem ich immer begrüßt werde.

Wenn sich Ugander untereinander begrüßen, dann geht das Ganze eine Weile hin und her und kann ganz schön lange dauern, obwohl sie sich nur über ihr Wohlbefinden austauschen. Dabei halten sie sich die Hand und oftmals schauen sie aneinander vorbei. Das hat mich am Anfang sehr verwirrt, da dies in Deutschland als respektlos angesehen wird. Apropos Hände halten: Man sieht hier echt oft Männer Händchen haltend durch die Straßen gehen. Das ist wohl üblich, wenn man sich unterhält, um dem anderen das Gefühl zu geben, dass man ihm zuhört. Was einen dann aber umso mehr verwirrt, ist, dass Homosexualität hier mit der Todesstrafe geahndet wird. 

Um 8:30 Uhr beginnt mein Tag im Kinderheim. Die Kinder haben bis dahin schon 45 Minuten Unterricht hinter sich. 20 von den insgesamt 30 Kindern werden im Kinderheim unterrichtet, da sie in der öffentlichen Schule nicht mitkommen würden. Die zehn anderen Kinder gehen auf die örtliche Schule, die zwischen Fort Portal und dem Dorf Kasusu liegt. Für sie bedeutet das einen täglichen Fußmarsch von drei Kilometern.

Hier gibt es keine durchnummerierten Klassen, sondern Levels von P1 bis P7. Da nur zwei Lehrer im Kinderheim sind, werden einmal die kleinen Kinder in P2 und die großen Kinder in P5 unterrichtet. Die Kinder, die in den Levels dazwischen sind, sind entweder in P2 oder P5 aufgeteilt, je nachdem welchem Level sie näher stehen. Die Levels sind wie bei uns Klassen. Nach jedem Jahr geht man ein Level weiter, vorausgesetzt man hat die Abschlussprüfung bestanden.

Hier ist das Schuljahr in Trimester geteilt. Einmal von September bis Dezember, dann von Februar bis April und von Mai bis August. Dazwischen sind bis zu zwei Monate Ferien. Abgesehen von den Endprüfungen stehen alle drei Wochen für zwei Tage Klausuren an. Die amerikanische Lehrerin Deanna bringt den Kindern Englisch und Religion bei und der ugandische Lehrer Rutooro und Mathematik. Die restlichen Schulfächer wie Sport, Erdkunde und Gemeinschaftskunde teilen sie sich.

Es gibt aber sehr große Unterschiede zu den öffentlichen Schulen. Zum einen sitzen in einer ugandischen Schule mehr als 40 Kinder in einer Klasse und teilen sich auch zu viert einen Tisch, falls es überhaupt welche gibt. Der Lehrer unterrichtet dann auch meistens frontal und die Kinder schreiben mit. Wenn ein Kind aufgerufen wird, muss es zum Antworten aufstehen. Für das Unterrichtsfach Religion wird jeden Montag ein neuer Bibelvers auswendig gelernt, welcher dann Ende der Woche frei vorgetragen wird. 

Im Kinderheim sitzen immer zwei Kinder an einem Tisch und bis jetzt tragen sie auch keine Schuluniform. Jedoch ist dies, für das nächste Schuljahr, gerade in Überlegung. Deanna arbeitet mit ganz unterschiedlichen Methoden wie Gruppenarbeit, gemeinsames Sprechen und Stillarbeit mit anschließendem Vortragen. Der ugandische Lehrer Peter dagegen unterrichtet frontal und bei ihm sind die Kinder auch viel lauter, da jeder seine Antwort einfach herausruft.

Meine Aufgabe ist es, die Kinder von P2 und zwei aus P5 in Kleingruppen von je zwei bis drei Schülern zu fördern. Mit den Kleinen übe ich vor allem das Schreiben und Aussprechen von Buchstaben, mit den Älteren lesen wir gemeinsam Bücher, üben Diktate oder schreiben eigene Geschichten. Kreative Aufgaben fallen allen Kindern besonders schwer, da sie dies durch den Frontalunterricht kaum gewohnt sind.

Ab und zu gehe ich ins YES Office, um dort Arbeitsblätter mit Rechenaufgaben oder Vokabeln zusammenzustellen. Dieses Vokabelblatt lege ich dann unter eine Folie, auf welcher sie dann die Worte nachschreiben. Kurz darauf diktiere ich diese Wörter, um zu sehen, ob sie sich diese auch gemerkt haben. Größtenteils sind es gängige Wörter wie, "and“, "she“, "is“... .

Um halb elf gibt es dann die erste Pause von einer halben Stunde, in welcher es Tee mit Bananen und manchmal sogar Chapatis gibt. Chapatis kann man mit Pfannkuchen vergleichen, mit ihnen wird auch der sehr bekannte Rolex gemacht. Dabei wird ein Omelette mit Tomaten, Kraut und Zwiebeln in ein frisches Chapati gerollt. Jeden Mittwoch und Sonntag bereiten ein paar der Kinder, zusammen mit den Köchinnen, diese Rolex zu. Natürlich habe ich mich mittwochmittags auch mal ans Werk gemacht und mein Bestes versucht. Sie sind erstaunlich gut geworden, wenn man von der eigentlich runden Form absieht. Nach dieser halbstündigen Pause habe ich wieder zwei Gruppen, dasselbe nochmals nach dem Mittagsessen.

Zum Mittagsessen gibt es täglich im Wechsel Bohnen oder Erdnusssoße. Dazu immer Matooke (Kochbanane) mit entweder Süßkartoffeln, Reis oder Poscho (Maisbrei). Und immer auch Avocados von einem der vielen Avocadobäume des Kinderheimes. Man muss echt aufpassen, dass einem keine auf den Kopf fällt. Da fühlt man sich wie im Paradies, mit vom Himmel fallenden Avocados, vor allem, wenn man bedenkt, was diese in Deutschland kosten. Das Beste ist, dass mir meine Mentorin Vicky jede Woche mehrere davon für Zuhause schenkt.

Rutooro Sprachkurs

Zweimal pro Woche werden wir Freiwilligen in der einheimischen Sprache Rutooro unterrichtet– vorausgesetzt es regnet nicht. An diesen Tagen gehe ich nach der Arbeit nicht Heim, sondern überbrücke die Zeit bis zum Unterricht mit dem anstehenden Einkauf in der Stadt. Dann gehe ich direkt zu der NGO KRC. KRC ist eine Radiostation, welche über die Farmer und die Landwirtschaft berichtet und damit einen Großteil der Bevölkerung auf dem Laufenden hält und deren Interessen vertreten soll. Netterweise stellt dieser Radiosender auch einen Raum für unseren Unterricht zur Verfügung.

Unterrichtet werden wir von der Grundschullehrerin Vicky, die sowohl Englisch, als auch Rutooro in einer Schule in Fort Portal unterrichtet. Rutooro hat fast keine Regeln und ist somit sehr schwer zu lernen. Interessant ist, dass es viele Worte wie Toilettenpapier oder Wassermelone auf Rutooro gar nicht gibt und statt dessen das englische Wort benutzt wird. Dies liegt daran, dass diese Dinge neu dazu gekommen sind und es deshalb in der einheimischen Sprache keine Wörter dafür gibt. Ich kann andere jetzt schon auf Rutooro begrüßen, mich beim Einkaufen verständigen und zählen. Ich bin schon gespannt, was ich in den insgesamt drei Monaten Sprachkurs noch alles lernen werde.

Wunderschöne Aussicht

Dann haben wir es auch mal geschafft über ein Wochenende wegzufahren. Samstag morgens sind Anika und ich nach Kasese aufgebrochen. Kasese liegt südlich von Fort Portal und noch näher am Ruwenzori Gebirge. Frühmorgens haben wir uns in ein Matatu gequetscht. Ein Matatu ist ein Kleinbus mit eigentlich drei Bankreihen mit je drei Sitzen und dann neben dem Fahrer, in der vierten Reihe noch die verbleibenden zwei Sitze. Also ein Taxi, ausgelegt mit Sitzplätzen für elf Fahrgäste. Jedoch passen nach der ugandischen Sichtweise mindestens fünf Personen in eine Reihe.

Dazu fahren auch noch Hühner, Ziegen und alle möglichen sonstigen Tiere mit. Unangenehm ist nur, dass diese Tiere nicht nur unter dir, sondern auch auf dir sitzen können. Da wir unsere Rucksäcke nicht abgeben wollten, hatten wir zum Glück einen nicht lebenden, aber dafür großen und schweren Gegenstand auf unserem Schoß. Die Strapazen der Fahrt wurden aber schon alleine durch die wunderschöne Aussicht aus dem kleinen Fenster wieder gut gemacht.

Man kommt auf dem Weg nach Kasese dem Ruwenzori Gebirge immer näher, es wird trockener, wärmer und unser mühsam gelerntes Rutooro ist auch immer weniger zu hören, da wir uns aus dem Königreich Toro hinausbewegen und in die Gegend kommen, wo die Sprache Lukonso gesprochen wird. Übernachtet haben wir bei den zwei anderen Welthungerhilfe-Freiwilligen Katharina und Luis.

Am Sonntag haben wir eine kleine Wanderung in dem Ruwenzori Gebirge gemacht. Aus dieser Region kommt auch unser Trinkwasser, welches man in allen nur denkbaren Größen abgefüllt kaufen kann: von 0,5 bis hin zu 18 Liter Flaschen. Bis vor kurzem haben wir diese großen Flaschen noch gekauft, aber jetzt haben wir uns einen Wasserfilter besorgt und filtern damit das zuvor abgekochte Wasser nochmals vor dem Trinken.

An zwei Tagen waren wir gemeinsam im Queen Elizabeth Nationalpark unterwegs. Aber da Bilder mehr sagen können als ich es in tausend Worten beschreiben kann, habe ich von diesem Nationalpark viele Bilder beigefügt. Viel Spaß beim Ansehen der Bilder!

 

 

 

 

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