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Ein ganzes halbes Jahr

Übersicht

Die Hälfte meiner Zeit in Uganda ist schon vorbei! Seit dem letzten Rundbrief ist viel passiert. Anfang Februar war ich zum Zwischenseminar der Welthungerhilfe in Kampala. In diesen fünf Tagen haben wir die vergangenen Monate "ein ganzes halbes Jahr“ reflektiert und Ziele für die zweite Hälfte des Jahres gesetzt. Aber es ging nicht nur um uns selbst, sondern auch um brennende aktuelle Themen des Landes, wie die Flüchtlingskrise im Südsudan, die Uganda als Nachbarland unmittelbar betrifft. Jeden Tag kommen rund 2500 neue Flüchtlinge aus dem Südsudan in Uganda an. 80 Prozent davon sind Frauen und Kinder. Bis Jahresmitte wird mit insgesamt einer Million Flüchtlingen gerechnet. Derzeit sind bereits 800.000 südsudanesische Flüchtlinge im Land. Uganda gehört zu den ärmsten Ländern der Welt und gleichzeitig zu den Ländern, die weltweit am meisten Flüchtlinge aufgenommen haben. Und die Regierung ist bereit, weiteren Menschen Unterschlupf zu gewähren.

Sozialer Zusammenhalt

Uganda gilt als eines der fortschrittlichsten Modelle im Umgang mit Flüchtlingen auf dem gesamten afrikanischen Kontinent. Anerkannten Flüchtlingen werden kleine Grundstücke zugewiesen, die in der lokalen Aufnahmegemeinde integriert sind. Ein wegweisendes Konzept, das den sozialen Zusammenhalt fördert und ermöglicht, dass Flüchtlinge und die Aufnahmegemeinschaft friedlich zusammenleben. In der Mitte und im Südwesten des Landes werden die Landparzellen von der Regierung zur Verfügung gestellt. Im Norden Ugandas, der den größten Anteil südsudanesischer Flüchtlinge beherbergt, wird das Land von der lokalen Bevölkerung bereitgestellt – eine beispiellose Demonstration von Großzügigkeit der Aufnahmegemeinschaft gegenüber den Menschen, die vor Konflikt und Verfolgung fliehen.

Interessant fand ich auch allgemeine Themen der Entwicklungsarbeit wie zum Beispiel die Werbekampagne. Dies war sehr spannend, da es ganz unterschiedliche Sichtweisen darauf gibt: Ist es erlaubt, ein hungerndes, abgemagertes Kind auf eine große Leinwand in Deutschland zu projizieren? Ist das nur eine Mitleidskampagne? Wurde das Kind auch gefragt, ob es damit einverstanden ist, zumal von dem damit gesammelten Geld bei diesem Kind wahrscheinlich nichts direkt ankommt? Vermittelt man mit diesem Bild nicht, dass ganz Afrika trocken ist und Wassernot herrscht?

Die letzten beiden Tage kamen unsere Mentoren und haben sich aus ihrer Sicht dazu geäußert. Viele fanden, dass das mit dem armen Kind ja stimmt. Zwar nicht überall, aber diesen Fall gibt es und deshalb sehen die kein Problem dabei dies zu zeigen. Andererseits fanden sie die Bilder des ausgetrockneten und verdorrten Kontinents Afrika nicht gut, weil Afrika so viele ganz unterschiedliche Gesichter hat und das Problem der Wassernot nicht als ein allgemeines Problem Afrikas gesehen werden kann.

Neue Aufgaben und neue Reisen

Seit ich vom Zwischenseminar wieder in Fort Portal bin, habe ich neue Aufgaben im Kinderheim. Ich übernehme jeden Tag die Englisch- und Sportstunde, was viel Zeit in Anspruch nimmt. In Englisch lernen wir jede Woche zehn neue Wörter und noch etwas Grammatik wie simple past, present tenses, has/have... In Sport spielen die Kinder am liebsten Tierfangen, Versteckfangen und Wettrennen. Versteckfangen wird eigentlich genauso wie in Deutschland gespielt: Einer zählt an einer Wand und die anderen Verstecken sich. Dann muss der "Zähler“ die anderen suchen und dann versuchen als erstes an die Wand zu gelangen und dessen Namen zu rufen. Falls es aber das Kind, welches gesehen wurde als erstes an die Wand schafft, hat dieses gewonnen. Dieses Spiel kann mit so vielen Kindern richtig lange dauern, wenn sie sich über das ganze Kinderheimareal verstecken. Je nachdem welches Kind verliert, ist die Reaktion anders. Zwischen Achselzucken und keine Lust mehr weiter zu spielen ist alles dabei. In meiner restlichen Zeit bereite ich die "Breaktime“ vor, indem ich die Bananen oder Chapatis, Gebäck einteile und verteile. Wie man sieht, bin ich immer noch gut beschäftigt.

Ein anderes Highlight im letzten Monat war der Besuch von meiner Freundin Leonie aus der Schweiz. Wir hatten uns in Ecuador kennen gelernt, wo wir gemeinsam das Schuljahr 2013/14 verbracht hatten. Leonie hatte damals jedoch im Hochland und ich an der Küste Ecuadors gelebt. Richtig Zeit miteinander verbracht hatten wir nur bei den gemeinsamen Reisen. Jetzt sind wir wieder miteinander gereist: In Afrika! Die ersten zehn Tage haben wir gemeinsam in Fort Portal verbracht. Leonie war mit mir in der Schule und am Wochenende haben wir die Kraterseen "erwandert“.

In der zweiten Hälfte sind wir zusammen nach Kenia gereist und haben dort einige schöne Tage miteinander verbracht. Ein besonderes Erlebnis war der Besuch eines Reservats mit einer "Walking“ Safari. Dort habe ich zum ersten Mal große Herden Zebras gesehen und gelernt, zu was die Streifen gut sind: Wissenschaftler entdeckten einen direkten Zusammenhang zwischen Streifung und Temperatur: In wärmeren Regionen sind die Muster nämlich weit deutlicher zu erkennen und ihre Streifen klarer voneinander abgegrenzt als in kühleren Gebieten. Dort sind die Streifen weniger ausgeprägt. Die Fellzeichnung der Tiere sei wohl eine Art natürliche Kühlung, weil sie die Luft über den unterschiedlich gefärbten Streifen in Bewegung hält.

Ohne Klimaanlage nach Kenia

Aber das abenteuerlichste an der Reise waren unsere Fortbewegungsmittel. Der Nachtbus von Nairobi nach Mombasa hatte leider nicht die versprochene Klimaanlage, sodass die Temperatur bis ins – für uns nahezu - Unerträgliche anstieg, während sich kein Kenianer daran störte und entsprechend auch keiner regte, um ein Fenster zu öffnen. Wir kamen todmüde und völlig durchgeschwitzt morgens um halb fünf Uhr in einem Hostel an, wo es genauso warm war wie im Bus. Trotzdem hat sich der Aufenthalt in Mombasa gelohnt, da die Strände super schön sind und das Wasser im Meer die Temperatur eines Whirlpools hatte. Man konnte stundenlang einfach darin sitzen.

Kenia ist von der Natur her ähnlich wie Uganda. Unterschiede fallen trotzdem auf. In Kenia wird die Bantusprache Kisuaheli gesprochen, die am weitesten verbreitete Verkehrssprache Ostafrikas. Kenianer haben tendenziell eine hellere Haut als die Menschen in Uganda. Die Städte sind deutlich sauberer als in Uganda, es gibt keine Chapatistände auf der Straße, dafür begegnet man hier viel mehr Bettlern und dem entsprechend auch mehr Menschen mit Geld. Kenia ist deutlich teurer zum Reisen. Die kenianische Währung sind Keniashilling, und ein Euro sind ungefähr 100 kenianische Schilling.

In Nairobi haben sich unsere Wege getrennt: Leonie flog von dort nach Zürich zurück und ich fuhr mit einem (klimatisierten!) Nachtbus nach Kampala. Seit zwei Wochen bin ich wieder zuhause in Fort Portal und der Alltag ist in der Zwischenzeit eingekehrt.

Lange Reden

Am Wochenende war ich auf der Hochzeit meines Bodafahrers eingeladen. Stephen lebt ca. zehn Kilometer außerhalb von Fort Portals und verdient seinen Lebensunterhalt mit seinem Boda – einem Motorrad, das hier das gängige Fahrzeug für Taxidienste ist und mit dem er mich täglich ins Kinderheim bringt. Anika, Viktoria (die ungandische Freiwillige im Kinderheim) und ich haben uns um zwölf Uhr auf dem Weg zur Kirche gemacht, obwohl der Gottesdienst schon um elf Uhr angefangen hatte. Aber afrikanische Gottesdienste dauern ewig und bei Hochzeiten ziehen sie sich endlos hin. Trotz unserer einstündigen Verspätung haben wir noch gute zwei Stunden des Gottesdienstes miterlebt.

Danach erst kam der spannende Teil. Wir sind mit der gesamten Hochzeitsgesellschaft zu seinem Haus gelaufen, wo dann die Feier stattfand. Es waren rund 200 Gäste eingeladen und jeder war sehr schick angezogen. Die Männer mit Anzug und Krawatte, die Frauen mit meist langen Kleidern mit auffälligen Farben. Dort waren drei riesige Zelte aufgebaut mit je einem großen Lautsprecher ausgestattet. Dazuhin gab es ein Essensbuffet. Wir waren die Attraktion des Festes. Alle Blicke waren auf uns gerichtet und natürlich musste ich dann auch eine Rede halten. Ugander sind dafür bekannt, immer und überall Reden zu halten und diese Reden sind - wie die Gottesdienste - meistens sehr lang. Da ich es geahnt hatte, habe ich mir schon zuvor von meiner Mentorin Vicky ein paar Sätze in der einheimischen Sprache Rutooro aufschreiben lassen, zumal dort so gut wie keiner Englisch verstand. Natürlich waren alle begeistert von der rutoorosprechenden Weißen.

Als wir uns nach dem Essen verabschieden wollten und unsere Geschenke dem Brautpaar überreichten, wurde uns klar gemacht, dass dazu der Kuchen angeschnitten sein müsste. Dies war aber erst für den Abend geplant und solange wollten wir auf keinen Fall bleiben, sonst wäre das Finden eines Bodas sehr schwer geworden. Zumal alle Bodafahrer der Region auf dem Fest eingeladen waren. Kurzerhand wurde das ganze Programm für uns umgeworfen und der Kuchen angeschnitten, von welchem sie mir dann sogar noch ein Viertel geschenkt haben.

Seit dieser Hochzeit kennen mich alle Bodafahrer und jeden Tag, wenn ich an deren "Stage“ – dem Boda-Stand – vorbeifahre, rufen und winken sie mir zu!

Soweit erst mal von mir!

Ich hoffe ihr genießt euren Frühling. Bei mir fängt gerade die zweite Regenzeit an:)

Liebe Grüße aus Uganda!

Paulina

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