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Schalom Charlott(e)!

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Schalom chawärim! Schmi Charlotte we ani bän kama 18 schanim. Ani baa le Israel we owädät be ALUT. Ma nischma?

Zufrieden lasse ich meinen Blick über das karierte Blatt schweifen, das ich in der letzten halben Stunde sorgfältig mit exotisch anmutenden Strichen und Kringeln von rechts nach links befüllt habe. Das Schreiben in dieser Sprache fühlt sich immer noch mehr wie ein komplizierter Zeichenakt an, das Schriftbild erinnert mich an geheime Prophezeiungen in meinen Fantasyromanen – was mache ich hier eigentlich?

Hattest du schon einmal den Drang, dein Leben komplett hinter dir zu lassen? Alle Fesseln zu lösen und völlig ungebunden - als leeres Blatt – eine neue Welt zu entdecken, die in unserem Alltagstrott so oft so fern scheint? Dieses Gefühl habe ich das erste Mal verspürt, als ich in meiner Schulzeit den "Medicus" von Noah Gordon gelesen habe – die Geschichte eines jungen Engländers, der sich im frühen Mittelalter auf abenteuerlichen Wegen bis nach Isfahan im heutigen Iran durchschlägt, um in die orientalischen Geheimnisse der Medizin eingeweiht zu werden. Dabei lernt er nicht nur die Welt kennen, sondern auch sich selbst. 

Nachdem dieser Roman in mir die Faszination für den Nahen Osten, seine Kultur und Religionen geweckt hat, war mir klar: Nach dem Abitur werde ich in einem Gap Year mein bekanntes europäisches Umfeld verlassen und in das Land reisen, das – obwohl es nur so groß ist wie Hessen – Knotenpunkt der drei großen Weltreligionen ist und eine einmalige Brücke zwischen europäischer und orientalischer Kultur bildet: ISRAEL. 

Für mich stand fest: Ich möchte nicht als Tourist das Land bereisen, sondern Land und Leute tiefgehender kennenlernen, indem ich inmitten der Gesellschaft einen sozialen Freiwilligendienst ableiste. So habe ich mich einige Monate vor meinem Abitur, im Frühling 2019, beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) Mecklenburg-Vorpommern für einen Internationalen Jugendfreiwilligendienst (IJFD) in Israel beworben und bekam nach einem Vorstellungsgespräch in Schwerin das Angebot, ab Januar 2020 für sechs Monate bei "ALUT" als Volunteer zu arbeiten.

ALUT ist eine israelische Organisation, die sich auf die Arbeit mit Autisten spezialisiert hat. Sie bietet betreute Wohneinrichtungen für erwachsene Autisten, die sog. "friends", Freizeitprogramme und Arbeit in Werkstätten an. Die Freiwilligen des DRKs wohnen während ihres Aufenthaltes in der Einrichtung selbst bzw. in WGs mit anderen Freiwilligen (- "heimische Gefilde" für mich als Internatskind). Sie helfen morgens bei der Pflege der Bewohner und unterstützen nachmittags vorwiegend die Freizeitgestaltung. An freien Tagen bleibt Zeit, Land und Leute kennenzulernen. 

Ich freute mich über dieses Angebot – nicht nur weil ALUT als eine der vielfältigsten und engagiertesten NGOs Israels gilt, sondern auch, weil ich nach dem FSJ beginnen werde, Medizin zu studieren, und diese soziale Arbeit mich sicherlich in vieler Hinsicht darauf vorbereiten wird. Im Oktober begann ich einen Impf- und Unterlagensammelmarathon und beschloss, mich mit einem Hebräischkurs an der Volkshochschule schon einmal auf die Reise einzustimmen. (Da ich aus Versehen den Fortgeschrittenkurs buchte, fand ein Großteil dieser Einstimmung zuhause vor dem Schreibtisch statt).

Das Lernen von Iwrit machte mir Spaß, auch, da ich wusste, dass diese Sprache sehr bald sehr wichtig für mich wird. So war ich ziemlich stolz, als ich das erste Mal auf Hebräisch, per Whatsapp, mit einer israelischen Freundin schrieb.

Nun ist Mitte Dezember. Geplanter Abflugtag: wenn das Visum da ist – hoffentlich Anfang Januar. Vor einigen Tagen habe ich mein genaues Einsatzziel mitgeteilt bekommen: die Küstenstadt HAIFA, nördlich von Tel Aviv, ca. 280.000 Einwohner. Die Arbeiter- und Studentenstadt gilt als geschäftigste und eine der fortschrittlichsten und offensten Städte Israels. Daher ist sie auch eine der wenigen Regionen Israels, in der Juden und Muslime weitgehend friedlich zusammenleben und großer Wert auf multikulturellen Austausch gelegt wird. Mittelmeerküste, internationale Studentenszenen, ein buntes Stadtbild - klingt genial!

Erst jetzt – einen Monat vor dem Abflug – beginne ich zu realisieren, dass ich tatsächlich bald in Israel leben werde. Zuvor schien die Reise noch in ungreifbarer Zukunft, ein ferner feststehender Zeitpunkt, der vorbereitet werden muss, aber meinem derzeitigen Alltag noch völlig fern ist. Nun werde ich in der nächsten Woche bei einem Einführungsseminar in Schwerin die Leute kennenlernen, mit denen ich das kommende halbe Jahr verbringen werde. Ein surreales Gefühl, doch ich freue mich total – endlich wird es ernst!

Lehitra`ot! 
Charlotte

 

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