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Zwischen den Welten

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Es ist Sonntag, der 05.01.2020. Ich sehe, wie die Sonne majestätisch über dem Schnee der Alpen aufsteigt, der das grellorangene Licht bis an den Horizont fluten lässt. Während ich das Naturschauspiel aus den kleinen Fenstern über dem Flugzeugflügel betrachte, durchfährt mich plötzlich ein angenehmes Gefühl: die intuitive Gewissheit, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Der letzte Blogeintrag ist vier Wochen her – seitdem ist für mich unglaublich viel passiert, die Zeit ist wie im Flug vergangen. Vor nicht mal drei Wochen beendete ich mein Pflegepraktikum in der Neurologie des SLK Heilbronn, was für mich den Abschluss sehr intensiver und spannender drei Monate bedeutete. Bereits am nächsten Tag fuhr ich nach Schwerin, um beim Einführungsseminar des Deutschen Roten Kreuzes Mecklenburg-Vorpommern, der Entsendeorganisation, die letzten Infos und eine gezielte Vorbereitung auf den Volunteer-Einsatz in Israel zu erhalten. Wir behandelten pragmatische Themen, wie Handyverträge und Versicherungen, diskutierten jedoch zum Beispiel auch über den Begriff und die Wahrnehmung von Kultur und über den Sinn von Freiwilligendiensten. Da wir nur vier Teilnehmer waren, herrschte eine sehr persönliche und angenehme Atmosphäre und jeder Einzelne konnte seine letzten Bedenken loswerden. Das Seminar erreichte sein Ziel voll und ganz – nun fühlten wir uns bereit für den Auslandsaufenthalt.

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Für mich begann ein zweiwöchiger Feiermarathon – Weihnachten, Familienfeiern, eine Abschiedsparty mit meinen Freunden, Silvester. Abschiede über Abschiede – sehr emotional. Und sehr ehrlich. Denn gibt es einen besseren Zeitpunkt für ernst gemeinte Komplimente und unausgesprochene Wahrheiten, als vor einem langen Auslandsaufenthalt? Es war, als wollte ich kein Missverständnis offen lassen, um mich vollkommen auf die "neue Welt" einlassen zu können.

Nebenbei stellte ich Vollmachten aus, kopierte meine Lieblingsnoten (denn was mache ich schon sechs Monate ohne Debussy und Bach?) und packte meinen Koffer, was sich als ganz schöne Challenge herausstellte – wie packt man denn einen Koffer für sechs Monate? Trotz allem war ich tiefenentspannt. Am Tag vor dem Start holte mich dann doch die "Abflugpanik" ein, die viele Menschen vor einem längeren Auslandsaufenthalt beschreiben. Bin ich bereit dafür, Familie und Freunde so lange verlassen? Habe ich auch nichts in der Vorbereitung vergessen? Und was für Konsequenzen wird wohl die Ermordung des iranischen Generals auf den Gazastreifen haben? Ich lag die ganze Nacht wach, in mir breitete sich eine irritierende Gefühlsmischung aus Abschiedsschmerz, Angst vor dem Ungewissen und Vorfreude aus. Diese hielt auch noch an, als ich um 04.30 Uhr mit meinem Vater zum Flughafen fuhr, eincheckte und das erste Mal in meinem Leben ganz alleine ein Flugzeug betrat.

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Und nun sitze ich hier am Fensterplatz über dem Flugzeugflügel. Mittlerweile betrachte ich nicht mehr den Sonnenaufgang über den Alpen, sondern einen hoch am Himmel stehenden Feuerball über dem Mittelmeer, vermutlich irgendwo bei Griechenland. Das Gefühl der Freiheit, das ich über den Alpen verspürt habe, hat sich nicht verflüchtigt. Alle Unsicherheiten haben sich gelegt, ich freue mich auf eine grandiose Zeit in Israel und genieße den Augenblick der völligen Ungebundenheit.

In 1,5 Stunden landen wir in Tel Aviv. Dort wartet ein Taxi auf mich, das mich zum BeitHaCarmel in Haifa fährt, wo ich endlich die Menschen und die Einrichtung kennenlerne. Ich freue mich auf den Moment, wenn ich aus dem Flugzeug steige und das erste Mal das Land erblicke, in dem ich das nächste halbe Jahr leben werde.

Der Ausdruck "Zwischen den Welten" wird häufig negativ assoziiert – als Zerrissenheit, Ungewissheit und Haltlosigkeit. Doch ich bin gerade sehr zufrieden damit, "zwischen den Welten" zu sein – schöne Erinnerungen im Rücken, ein aufregendes Ziel im Visier, über den Wolken.

Schalom!
Charlotte

 

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