Stimmt.de

Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Einfach mal loslaufen …

zurück zur Übersicht
img

Seit einer Woche lebe ich nun in Haifa – diese Stadt ist einfach verzaubernd und unglaublich faszinierend. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll zu berichten - in den letzten Tagen habe ich so viele Eindrücke gesammelt, dass es mir vorkommt, als wäre ich schon Wochen hier; sie alle zu beschreiben, würde ewig dauern.

Die Ankunft

Nachdem ich ohne größere Schwierigkeiten die Passkontrolle passiert hatte (entgegen den Warnungen von allen Seiten, dass mir dabei vermutlich eine Leibesvisitation bevorstehe), stand ich nun also tatsächlich in Israel – nach monatelanger Vorbereitung ein unglaubliches Gefühl. Schon in der Ankunftshalle wurde deutlich, WIE multikulturell Israel tatsächlich ist: Juden und Muslime, die ihrem Gott auf verschiedenste Art und Weise für den erfolgreichen Flug dankten, christliche Mönche, die eine Pilgerreise nach Israel unternahmen, asiatische und europäische Touristen, Menschen jeder Art – ich fühlte mich sofort willkommen und total wohl. Ein Taxi brachte mich schließlich von Tel Aviv ins circa 100 km entfernte Haifa, was sich wegen einer Straßenblockade von streikenden Taxifahrern, einer explodierten Autobombe auf der Nachbarstraße und einer überschwemmten Autobahn etwas abenteuerlich gestaltete. Auf der Fahrt an der Küstenautobahn Norden kamen wir bereits an vielen wichtigen israelischen Orten vorbei. Dabei erzählte mir der Fahrer viel über sein Land und sein Leben, was sehr spannend war, da er als Israeli natürlich viele Sachen aus einer anderen Perspektive sieht als unsere Medien. 

Die WG

img

Bei ALUT angekommen wurde ich sofort total offen und herzlich von meinen drei Mitbewohnern begrüßt, die mich direkt durch das Haus führten und mir alles zeigten. In der Einrichtung arbeiten neben den gut 30 festangestellten lokalen Workern auch immer circa vier deutsche Volunteers, die sich in den Räumlichkeiten eine WG teilen. Wir leben in einer sehr schönen 4-Zimmer-Wohnung über den Stockwerken der "friends" und haben eine total angenehme und entspannte Atmosphäre. Nach drei Jahren Internat genieße ich den WG-Flair wieder total und fühle mich schon fast wie zuhause. 

Die ersten Tage

img

Zur Eingewöhnung hatte ich drei Tage frei, um die Stadt zu erkunden und mich einzuleben. Um nicht nur die Touri-Orte zu sehen, sondern Land und Leute im Alltag kennenzulernen, fuhr ich in verschiedene Stadtviertel von Haifa und lief dort - ohne Ziel - einfach los. Teilweise sah ich auf GoogleMaps dann interessante Orte in der Nähe, die ich spontan besuchte, teilweise bog ich einfach in Straßen ein und schaute, wohin sie mich führten. Die Strategie ging auf: Bereits am ersten Tag fand ich "Stella Maris", einen wunderschönen Aussichtsplatz, von dem man über ganz Haifa blicken kann. Von dort stieg ich dann in eine Gondel, die einmal über die Stadt flog, und machte einen Spaziergang an der Uferpromenade.

img

Auf diese Weise sah ich in den ersten Tagen nicht nur Touristenattraktionen wie die Bahai-Gärten, die German Colony und die Barszene in Downtown, sondern machte auch Spaziergänge über Stadtmärkte, lief durch die engen Straßen der jüdischen und arabischen Viertel und besuchte ein jüdisch-arabisches Kulturzentrum sowie die Ausstellung "Feminismus in Zeiten des Transnationalismus" im Kunstmuseum von Haifa. Diese zeigte abermals, in was für eine besondere Stadt ich gezogen bin: Israel hat durch seine Geschichte und geographische Lage einen einzigartigen Blick auf die westliche, orientalische und russische Kultur. In Haifa gestaltet sich dieses multikulturelle Leben, anders als an vielen anderen Orten Israels, friedlich, die Vielfalt wird für den gesellschaftlichen Diskurs genutzt. So war die Kunstausstellung total interessant, da sie die Sicht auf den Feminismus aus verschiedensten kulturellen Blickwinkeln darstellte, die uns in Deutschland häufig verborgen bleiben, da wir viel zu sehr in der westlichen Blase verankert sind. 

img

In den Medien wird häufig von der schwierigen Sicherheitslage in Israel berichtet. Obwohl Haifa nur 60 km von der syrischen Grenze und 40 km vom Libanon entfernt liegt, bekommt man hier absolut nichts davon mit. Wenn ich durch die Straßen von Haifa laufe, fühle ich mich total sicher – teilweise sogar sicherer als in Deutschland. Zum Großteil liegt das sicherlich auch an den Menschen hier: Israel ist ein unglaublich aufgeschlossenes, direktes und warmherziges Land. Die Höflichkeitsdistanz, die man in Deutschland hält, fällt hier weg, hier spricht man mit den meisten, als würde man sich schon Jahre kennen – das ist ungewohnt, aber total angenehm. Mein Mitbewohner, der auch einige Zeit in Südafrika gelebt hat, meinte dazu: "In Deutschland trampt man nicht aus Distanziertheit, in Südafrika kann man das schon machen, muss aber Angst haben, hinter den nächsten Busch gezogen zu werden, in Israel braucht man dabei keine Bedenken zu haben, dafür sind die Leute zu freundlich." So komme ich viel häufiger als in Deutschland mit Leuten auf der Straße ins Gespräch – nette und aufschlussreiche Unterhaltungen meistens. Findet man, dass jemand sympathisch aussieht, so spricht man ihn einfach auf der Straße an, so etwas erlebt man in Deutschland nur selten. Das spiegelt sich natürlich auch in der Flirtkultur wieder: Ich habe heute meinen zweiten Heiratsantrag in zwei Tagen auf offener Straße erhalten.

Die Arbeit

img

Zwar habe ich in dieser ersten Woche erst zwei Schichten gearbeitet, dennoch kann ich zumindest einen Einblick geben, was mich bei ALUT erwarten wird. In der Einrichtung wohnen 22 "friends", Erwachsene mit frühkindlichem Autismus, auf drei Stockwerken, die in high-, middle- und low-functional (je nach Maß der Beeinträchtigung) eingeteilt sind. Die Worker und die Volunteers arbeiten in Schichten (wir Volontäre nur Früh- und Spätschicht, keine Nächte). In unserer Arbeitszeit beaufsichtigen wir zu dritt eine Wohngruppe, machen Essen, helfen den "friends" beim Duschen, achten darauf, dass sie ihrem routinierten Tagesablauf folgen, spielen Spiele mit ihnen und begleiten sie zu "acitivities". Am Sonntag war ich zum Beispiel bei einer Sportstunde der high-functional dabei, es gibt aber beispielsweise auch Musikrunden. Denkt man an Autisten, so hat man häufig das Bild von Sheldon Cooper im Kopf, der zwar in der Kommunikation eingeschränkt ist, jedoch ein absolutes Genie ist oder zumindest eine Inselbegabung hat. Dies ist jedoch häufig nur beim Asperger Syndrom, einer Art des Autismus, der Fall. Menschen mit frühkindlichem Autismus sind in ihrer Entwicklung massiv eingeschränkt, erlernen häufig nicht, zu sprechen, und brauchen allumfassende Hilfe und Anleitung im Alltag. Viele entwickeln dazu spezielle Ticks oder Eigenarten, sei es das ständige Wiederholen eines Wortes oder eines Bewegungsablaufes, eine Obsession für bestimmte Gegenstände (wie zum Beispiel Kuscheltiere) oder auch plötzliche Aggression. Die ersten zwei Schichten waren bereits sehr aufschlussreich und spannend und ich freue mich auf die nächsten Wochen, wenn ich so richtig in die Arbeit einsteige.

img

Das Arbeitsklima ist, nach allem, was ich bisher mitbekommen habe, super entspannt und angenehm. Die Worker sind häufig junge Erwachsene zwischen 20 und 30, die bei ALUT begleitend zu ihrem Studium oder nach dem Militärdienst arbeiten. Auffällig ist, dass in diesem Haus Israelis und Araber Hand in Hand arbeiten und keiner diskriminiert wird – solche Orte gibt es sicherlich nicht oft. Die Arbeitssprache ist Hebräisch, jedoch können die meisten Worker auch Englisch. Da die "friends" jedoch zu großen Teilen kein Englisch verstehen, ist es wichtig, zumindest die Grundlagen von Iwrit zu beherrschen. Nachdem ich nun jeden Tag damit konfrontiert bin, hat mich der Ehrgeiz gepackt, diese Sprache zu lernen, und ich arbeite mich fast jeden Abend weiter in meinem Hebräischbuch voran. Ab nächste Woche organisiert ALUT vermutlich auch, dass ich an einem Sprachkurs teilnehme.

img

Für die nächste Zeit ist der Plan, Leute kennenzulernen, das Land zu erkunden und einen guten Einstieg in die Arbeit zu finden. Nächste Woche besuche ich vermutlich eine israelische Freundin von mir, die bei Tel Aviv wohnt. Wir haben uns vor drei Jahren bei einem Pfadfinderaustausch kennengelernt und seitdem Kontakt gehalten. In zwei Wochen findet ein Seminar für Israel-Volunteers in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem statt, wo ich eventuell mit einigen Freiwilligen hinfahre. Ich freue mich sehr, dass ich bereits in dieser Woche so viel erleben durfte, und bin gespannt auf die aufregende Zeit, die mich hier erwartet.

Schalom!

Charlotte

 

Galerien

Regionale Events

Würth feiert Jubiläum

Würth feiert 2020 Jubiläum mit den Würth Philharmoniker, Open Air und einem Tag der offenen Tür.