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Zwischen Hipstern und Rabbis

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Schalom Chawerim! Nach einem Strandpicknick in Tel Aviv, exzessivem Feilschen auf orientalischen Märkten, einem abenteuerlichen Spaziergang durch die nächtlich verlassene Jerusalemer Altstadt und unbeschreiblichen Sonnenuntergängen über dem Mittelmeer, kann ich nun eines bestätigen: Israel ist ein Land größter Vielfalt und Extreme. 

Anfang letzter Woche habe ich mit einer alten Pfadfinderfreundin für zwei Tage in der modernen Metropole im Zentrum Israels getroffen. Das letzte Mal hatten wir uns vor drei Jahren auf einem Lager in Bayern gesehen; dementsprechend groß war die Freude, als wir am Bahnhof auf der Suche nach dem anderen erst einmal unvermutet ineinander hineingelaufen sind. Während wir in einem Redeschwall unsere Erlebnisse der letzten drei Jahre aufholten, begannen wir unseren 15km langen Spaziergang durch ihre Heimatstadt in den Straßenschluchten des Wolkenkratzerviertels. Allesamt hochmodern und individuell sind diese Hochhausriesen absolut beeindruckend.

"It feels like New York" 

In Israel heißt es auch: „It doesn`t feel like Israel, it feels like New York.” So wurde ich bereits dezent von meiner ortskundigen Begleitung belächelt, als ich, völlig hin und weg, den 30. Wolkenkratzer fotografierte. Mit den Giganten im Rücken schlenderten wir schließlich weiter. Wir besichtigten die berühmte „Weiße Stadt“ und traten schließlich in die „Große Synagoge“ ein, in der sie mir einiges über das jüdische Leben erzählte. Viele Gemeinden seien der Zusammenschluss von Juden, die aus einer bestimmten Region nach Israel gekommen sind, z.B. aus Äthiopien oder dem Jemen – und natürlich sehr viele auch in dritter Generation aus Europa.

Nicht nur einige Riten, sondern auch der Aufbau der Synagogen, würde sich je nach Herkunft der Gläubigen unterscheiden – die Gotteshäuser europäischer Juden ähnelten wohl sehr den europäischen Kirchen. Die Tatsache, dass nach der Diaspora so viele regionale Einflüsse auf die religiöse Kultur einwirken, führt daher zu einer unglaublichen Vielfalt der Mentalitäten und des Stadtbildes in israelischen Städten.

Gegen Mittag ließen wir uns durch die Fußgängerzone treiben. Ich fühlte mich ein wenig, als wäre ich in eine futuristische Hipster-Gesellschaft gebeamt worden: überall junge Menschen – neongrüne Fischermützen und Cordschlaghosen, Bluetoothkopfhörer, E-Scooter und vegane Restaurants in Kombination mit orientalischen Märkten und nahöstlicher Kultur. Eine Stadt der alternativen Trendsetter am Scheidepunkt zwischen Osten und Westen – absolut inspirierend! 

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Nachdem wir auf solch einem orientalischen Markt Knafeh (ein himmlisches Gericht aus geschmolzenem Käse und Zucker) und Baklava erhandelt hatten, setzten wir uns an den Strand, genossen die Aussicht auf das strahlend blaue Wasser und die Luxushotelpromenade und ließen unsere drei letzten Jahre Revue passieren. Meine Freundin hat nach ihrem Schulabschluss eine Art israelisches Volunteerprogramm – das „Mechina“ – begonnen. Damit arbeitete sie in verschiedenen sozialen Einrichtungen im ganzen Land und wohnt nun in einem Kibbuz im Norden Israels, wo sie ein Projekt zum Thema „Feminismus“ betreibt. Ab März wird sie für mehr als zwei Jahre ihren Militärdienst ableisten, der in Israel für jeden jungen Erwachsenen Pflicht ist – unvorstellbar in unserer derzeitigen deutschen Lebensrealität. Von hier aus ging es in die kreativeren Bezirke Tel Avivs. Wir kamen in ein Viertel, das von seinen StreetArt-Kunstwerken dominiert wurde und hielten uns sogar einige Zeit in einem Hüttenblock auf. Hier haben viele kleine Handwerksbetriebe auf offener Straße ihren Sitz und StreetArt-Künstler erproben ihre Kunstwerke an den Wänden, um sie dann perfektioniert auf die Straße zu sprühen – dementsprechend bunt sind die engen Gassen und es liegt ein Hauch von Abenteuerflair in der Luft. 

Geschichte in jeder Straße 

Der Ursprung Tel Avivs liegt jedoch nicht in den modernen Bezirken der Stadt, sondern in Jaffa, ein antiker Stadtteil, der v.a. als früherer Hafenstandort bekannt ist und durch die Skyline im Hintergrund heute den Schauplatz Nr.1 für den Kontrast zwischen Tradition und Moderne in Israel darstellt. Läuft man durch die engen geschichtsträchtigen Steingassen Jaffas, fühlt man sich ein wenig, als wäre man plötzlich am Set eines „Mamma Mia“-Films gelandet – der gleiche Baustil, die gleichen Farben. Wir ließen uns ein wenig durch die steinernen Schleichwege treiben und genossen die Ruhe, die die alten Mauern ausstrahlen. Als die Sonne schließlich langsam hinter dem blauen Horizont verschwand die Steine Jaffas in ein saftiges gelb tränkte, lehnten wir uns das  Geländer der Promenade, genossen die unbeschreibliche Aussicht und machten uns dann auf den Weg zur Dizengoff Street, einer berühmten Barmeile, um den Tag ausklingen zu lassen.

Nach einem äußerst leckeren Brunch am nächsten Morgen - selbstgemachtes Shakshuka (nahöstliches Gericht aus gegarter Tomate und Ei) – machte ich mich per Fernbus wieder auf dem Weg nach Haifa. Das israelische System der öffentlichen Verkehrsmittel ist einfach genial: Nicht nur sind die Züge sauber, immer pünktlich und dazu noch günstig, es gibt auch dazu ein öffentliches Fernbussystem: Busse, die auf der Autobahn durch ganz Israel fahren und ihre Haltestellen direkt auf dem Highway haben. Auch wenn es zunächst etwas seltsam ist, auf dem Standstreifen der Autobahn irgendwo zwischen Tel Aviv und Haifa auf seinen Anschlussbus zu warten, ist dieses Konzept doch äußerst praktisch und verschafft unglaublich viel Mobilität.

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Jerusalem

Die Heilige Stadt. Jedem Kind ein Begriff. Und wir waren hier. Zwei Tage später besuchte ich mit Biene und Justus, zwei anderen Freiwilligen, den gesellschaftlichen Gegenpol zu Tel Aviv. Schon als wir mit dem Reisebus über eine kurvige Bergstraße in die Metropole einfuhren, wurde klar: Dieser Stadtflair ist nicht mit Tel Aviv oder Haifa vergleichbar – die Stimmung ist schwer und ernst, die Menschen wirken allesamt konservativ und religionsgebunden. Für uns, die wir aus sehr säkularen Regionen stammen, war es eine Art Kulturschock, in einer Stadt so viele Religionssymbole und –bekundungen zu erleben. Orthodoxe Juden sind in Jerusalem beispielsweise dominierender Teil des Stadtbilds, was wir bisher nie erlebt hatten, da wir nur an Orten waren, an denen diese Gruppe eine religiöse Minderheit darstellte.

Um unsere Zeit vollkommen auszunutzen, unternahmen wir bereits abends einen Spaziergang durch die Straßen Jerusalem, um ein Bild von der Stadt zu bekommen, die kulturelles Zentrum von drei Weltreligionen ist. Zunächst ließen wir uns durch die Innenstadt treiben – die typischen weißen Steinhäuser, eine Menge idyllischer Plätze, doch wir waren erstaunt, wie klein das Stadtzentrum ist. Es wirkt eher, als laufe man durch eine durchschnittliche Großstadt und nicht durch DIE Kulturmetropole schlechthin. Nach einiger Zeit stießen wir auf das „Jaffator“, den Eingang zur Jerusalemer Altstadt. Hier befinden sich die Klagemauer, die Al-Aqsa-Moschee und die Grabeskirche, hier wurde das Neue Testament verfasst – in diesen Mauern trägt jeder Stein Geschichte.

Nachts ist die Altstadt wie leer gefegt – die Touristen und die Händler tummeln sich nur bei Tag in den schmalen Marktgassen, nachts trifft man einzig auf einige schwer bewaffnete Sicherheitskräfte an den Toren und einzelne Bewohner auf dem Weg nach Hause. Abenteuerlustig betraten wir die bedeutenden Mauern – die Dunkelheit verstärkte den mystischen Flair. In den engen dunklen Gassen war Totenstille – es war als wären wir in einer anderen Welt, abgeschnitten von dem äußeren Trubel der Stadt. Während wir immer weiter in die Tiefen dieser Welt vordrangen, stellten wir uns vor, was genau auf diesem Fleck Erde, auf dem wir gerade standen, schon passiert ist, wer genau hier schon alles stand - und waren ergriffen. 

DAS Fotomotiv schlechthin 

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Am nächsten Morgen brachen wir früh auf, um die Altstadt auch im Hellen kennenzulernen. Die zwielichtige Atmosphäre der Nacht war wie weg gefegt, nun drängten sich Menschen dicht an dicht auf dem wohl bedeutendsten Quadratkilometer religiöser Geschichte: Pilger, Händler und Touristen. Durch unser Hostel konnten wir an einer kostenlosen Tour durch die Altstadt teilnehmen: Das armenische, jüdische, muslimische und christliche Viertel liegen direkt nebeneinander, sind jedoch durch Straßen klar begrenzt. Allein die räumliche Nähe erklärt die vielen Ausschreitungen hier. Der Höhepunkt der Tour war sicher, als wir von einer Plattform die Klagemauer und den Felsendom erblickten, DAS Fotomotiv Israels schlechthin. Aber auch, der Via Dolorosa, Jesus Leidensweg, zu folgen, war beeindruckend. Nach der Führung schlenderten wir noch ein wenig über den Basar der Altstadt und erprobten uns am hier gängigen Feilschen – was sich als ganz schön schwierig erweist, wenn die Sprache einen als Fremden verrät (als ich in Tel Aviv mit meiner Freundin auf dem Markt war, durfte ich daher in der Nähe unserer Stände nicht sprechen, damit sie als Muttersprachlerin die Preise herunterhandeln konnte).

Gegen Nachmittag entschlossen wir uns spontan, den Sonnenuntergang an einem ganz besonderen Ort verbringen zu wollen: Der Ölberg, der laut der Bibel Schauplatz Jesus Gefangennahme ist, bietet einen einzigartigen Blick auf die Stadt. Der Weg hinauf führt am spektakulär großen jüdischen Friedhof vorbei, dessen Gräber bis an den Horizont reichen, und bietet jederzeit einen grandiosen Ausblick auf die Altstadt. Oben angekommen setzten wir uns auf eine Mauer am oberen Ende des Friedhofs und blickten ins Tal. Stück für Stück sank die Sonne über den antiken Mauern und den zahllosen Gotteshäusern nieder, der Himmel war bald in ein saftiges orange getränkt. Und wir saßen hier mit baumelnden Beinen – über den Dächern dieser Stadt, die schon so viele Schicksale entschieden hat. „Womit haben wir es verdient, hier sitzen zu dürfen?“, fragte Biene. Es gibt ihn wirklich, den „magic moment“.

Intensives Erlebnis 

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Den letzten Tag unseres Trips verbrachten wir mit anderen deutschen Freiwilligen auf einem Seminar in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Ein sehr intensives Erlebnis, die israelische Seite zu beleuchten, die in deutschen Ausstellungen oft viel zu kurz kommt. Es war unglaublich anwidernd, die Sprache der Originalexponate zu verstehen, weil sie auf Deutsch geschrieben waren. Lag dort ein Tagebuch, wurde der Titel auf fünf verschiedene Sprachen übersetzt, den Inhalt des offenliegenden Eintrags konnten aber nur wir Deutschen entziffern. Es zeigt, wie nah wir doch mit diesem grauenhaften Teil der Geschichte verbunden sind und wie wichtig es ist, dass wir heute Verantwortung für unsere Demokratie übernehmen, um Faschisten nie wieder eine Chance zu geben. Sehr nachdenklich nahmen wir den Abendbus zurück nach Haifa - mit Erinnerungen an drei sehr intensive und aufregende Tage im Gepäck.

Alltag

In Haifa hat sich für mich ein Alltag eingespielt. Einen Großteil der Zeit arbeite ich. Ich merke, wie ich eine immer stärkere Bindung zu den „friends“ aufbaue, was die Zeit mit in der Einrichtung immer angenehmer macht. Teilweise gibt es anstrengende Momente, wenn Aktivitäten nicht nach Plan laufen oder die individuellen Verhaltensweisen der friends auf Dauer anstrengend werden. Doch diese Momente treten durch die schönen Augenblicke in den Hintergrund: Wenn ein friend plötzlich kommt und einen umarmt, einfach weil er froh ist, dass du da bist, dann weißt du, dass du gerade zur richtigen Zeit am richtigen Ort bist. 

Wenn ich nicht arbeite, versuche ich, mit vielen verschiedenen Leuten ins Gespräch zu kommen: Einmal habe ich mich in die Universitätsbibliothek gesetzt und auf diese Weise einige Studenten kennengelernt, die mir auch direkt beim Hebräischlernen geholfen haben, ein anderes Mal war ich bei einem Frühstück eines Community Centers und habe dort einige Freiwillige aus Amerika und Russland kennengelernt. Ich genieße es auch immer total, mit meiner WG und der Jerusalem-Crew lustige Abende in israelischen Bars zu verbringen, nachts durch die Straßen Haifas zu schlendern und diverse Veranstaltungen zu besuchen. Eine grandiose Zeit!

Schalom, Charlotte!

 

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